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Digitalisierung: Partnersuche auf der Expo Real

28.09.2017 | 18:34 |  von Wolfgang Pozsogar (Die Presse)

Start-ups suchen Grown-ups: Junge Unternehmen präsentieren neue Ideen für die digitale Zukunft der Immobilienwirtschaft. Einiges davon hat sich schon im Praxiseinsatz bewährt.

Die digitale Lösung von PlanRadar kommt bereits auf zahlreichen Baustellen zum Einsatz.
Die digitale Lösung von PlanRadar kommt bereits auf zahlreichen Baustellen zum Einsatz. / Bild: PlanRadar 

Übers Smartphone von überall auf wesentliche Teile des Baustellengeschehens zugreifen? Für Bauherren, Investoren, Bauleiter, Immobilienmakler und viele andere Beteiligte könnte das bald Realität sein. Domagoj Dolinsek und sein Team bei PlanRadar haben eine Softwarelösung entwickelt, die mache Aspekte des Baugeschehens radikal vereinfachen soll. „Vor Ort lassen sich damit ohne großen Aufwand offene Leistungen, Aufgaben oder Mängel aufnehmen“, erzählt Dolinsek. Und das nicht wie bisher auf mühsame Weise mit Notizblock, Kamera und Plan bepackt, sondern einfach mit Smartphone oder Tablet. Fotos, Sprachmemos oder Text werden am Device direkt mit der Planposition verknüpft. Anschließend wird der Verantwortliche für das Problem ausgewählt, der auf Knopfdruck automatisch alle notwendigen Informationen erhält, um den Mangel zu beheben oder eine andere Aktivität zu setzen. „Zusätzlich bekommt die Bauleitung eine genaue Übersicht über alle Probleme einer Baustelle“, ergänzt Dolinsek.

 

Erfolgreicher Praxistest

Auf mehreren großen Baustellen in Wien wie etwa der ÖAMTC-Zentrale, dem Quartier Belvedere Central oder dem Austria Campus hat sich das Konzept bereits bewährt. „Bei rund 5000 Projekten weltweit wird heute schon damit gearbeitet“, erzählt der Unternehmer. Demnächst kommen vielleicht weitere Kunden dazu. Im Rahmen eines vor Kurzem in der Wiener Gösserhalle stattgefundenen Live-Pitches haben sich Dolinsek und seine PlanRadar mit drei weiteren Unternehmen für den Award 2017 der Initiative Digital Building Solutions (DBS) qualifiziert. Die Gewinner dürfen ihre Ideen in der kommenden Woche bei der Expo Real in München im Rahmen der Aktivitäten des Real Estate Innovation Network (Rein) präsentieren.

Rein ist aus einer Kooperation europäischer Prop-Tech-Initiativen entstanden. Die Initiative gibt sich überzeugt, dass die Digitalisierung die Immobilienwirtschaft in den nächsten Jahren maßgeblich verändern werde. „Rein soll das Schaufenster in die Zukunft der Immobilienwirtschaft sein, wo sich etablierte Unternehmen ansehen können, was beim Thema Digitalisierung auf sie zukommt“, sagt Wolfgang Moderegger, Verantwortlicher für das Rein-Netzwerk.

 

Auf Tuchfühlung

25 Start-ups präsentieren auf einem eigenen Stand ihre Innovation. Da wird viel Interessantes dabei sein, kündigt Moderegger an. Digitale Innovationen für den Ankaufsprozess, für die Immobilienbewertung oder für Transaktionen sollen ebenso zu sehen sein wie völlig neue Geschäftsmodelle, etwa Pop-up-Stores für kurzfristige Vermietungen. Auch im Bereich Planen und Bauen werden Jungunternehmen neue Lösungen präsentieren, etwa für das Dokumentenmanagement oder zur Mängelbeurteilung. Aber nicht alles, was sich Start-ups einfallen lassen, sei wirklich das Gelbe vom Ei, meint der Experte: „Wir mussten feststellen, dass viele an den tatsächlichen Problemstellungen der Immobilienwirtschaft vorbeiarbeiten.“ Für sie böten die Aktivitäten auf der Expo Real die Chance, die Arbeitsweise und die Problemstellung der Immobilienbranche kennenzulernen. Die österreichischen Teams sehen dem Event jedenfalls mit Interesse entgegen. „Wir hoffen auf Kontakte zur Baubranche, die unseren digitalen Sprachassistenten im Unternehmen einsetzen oder mit uns weiterentwickeln wollen“, sagt Benjamin Schwärzler von Tabletsolution. WorkHeld heißt seine Innovation, ein virtueller Assistent für Monteure, Bauarbeiter oder Servicetechniker. Wie bei Alexa von Amazon kann der mobile Techniker über Sprachbefehle mit dem Gerät interagieren: „Diese Mitarbeiter tippen nicht so gern, deshalb ist der Sprachassistent für sie ideal“, erläutert Schwärzler. Die wirklich neuen Ideen stecken aber in den einzelnen Funktionen. Quasi auf Zuruf startet der WorkHeld mit der Aufzeichnung der Arbeitszeit. Eine dahinterstehende selbstlernende KI-Technologie soll dem Servicemann vor Ort sogar Antworten auf wichtige Fragen zu seinen Aufgaben liefern können. Schwärzler: „Vieles kann unser WorkHeld schon. Wir suchen jetzt Partner, die neue Anforderungen für den Einsatz unseres Assistenten stellen.“ Eine im internationalen Anlagenbau bereits etablierte Lösung will ein weiterer Sieger der österreichischen DBS-Awards, das Linzer Softwareunternehmen Insite IT, nach München bringen. „Unser Logistik-Management-System automatisiert die Materialverfolgung, Mängelerfassung sowie die Kontrolle des Baufortschritts“, erzählt Thomas Roithmeier. Die Lösung umfasst eine mobile App zum Scannen von Barcodes und RFID-Tags, sowie eine integrierte Bilddokumentation und GPS-Positionierung. Das System wisse, welche Teile benötigt werden, wann sie geliefert werden müssen, es erfasse Verspätungen und könne sie mit dem Terminplan verknüpfen, sagt Roithmeier. So erfolgreich wie im Anlagenbau sollte sich die Technologie auch bei großen Bauprojekten nützen lassen, hofft er. Die richtigen Partner dazu will er ebenfalls auf der Expo Real finden.

START-UP-PLATTFORM

Einen Blick in die digitale Zukunft der Bau- und Immobilienwirtschaft verspricht das Real Estate Innovation Network (Rein) auf der Expo Real. 25 Start-ups präsentieren dort auf einem eigenen Gemeinschaftsstand ihre innovativen Ideen. Hinzu kommen zahlreiche Informationsveranstaltungen über Trends und Entwicklungen der digitalen Technologie und deren Anwendungsmöglichkeiten.

www.ig-lebenszyklus.at/digital-building-solutions, http://rein.network/de

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.09.2017)