China: Der Wolkenkratzer der Rekorde
29.06.2012 | 11:29 | Aus Changsha berichtet FELIX LEE (Die Presse)
Mitten in einer chinesischen Provinzhauptstadt soll mit 838 Metern das höchste Gebäude der Welt entstehen, und zwar in sieben Monaten. Vielen Bürgern ist das Ungetüm allerdings nicht geheuer.

Das größte Restaurant der Welt steht bereits in Changsha. Der reichste Chinese der Welt lebt ebenfalls in der Sieben-Millionen-Metropole. Nun soll die Hauptstadt der südchinesischen Provinz Hunan demnächst den höchsten Wolkenkratzer der Welt erhalten – und als wäre das nicht genug auch noch in Rekordgeschwindigkeit.
Das chinesische Bauunternehmen Broad Sustainable Building (BSB) will das Gebäude innerhalb von nur sieben Monaten errichten. Mit 838 Metern wäre der „Sky City“-Wolkenkratzer – so soll der Koloss heißen – zehn Meter höher als der Burj Khalifa in Dubai, das derzeit höchste Gebäude der Welt.
174.000 Menschen sollen auf 220 Stockwerken den Turm von Changsha bewohnen und mehr als eine Million Quadratmeter nutzen. 104 Aufzüge sind geplant, zudem ein Hotel, eine Schule, eine Klinik, selbstverständlich Büros, Geschäfte und Restaurants. Alleine das Erdgeschoss soll 17.000 Quadratmeter umfassen. Geht es nach dem Willen von BSB, wird es mit dem Bau bereits im kommenden Herbst losgehen.
Hochbau kommt vor dem Fall
Vielen Bürgern von Changsha ist dieses Gebäude nicht geheuer. „Ich werde bestimmt nicht als Erste nach oben fahren“, sagt eine 27-jährige Passantin in der Innenstadt. Ein anderer bezweifelt überhaupt den Sinn eines solchen „Größenwahns“. Das Wetter in Changsha sei die meiste Zeit viel zu diesig, so der 54-Jährige. „Wir werden die Turmspitze eh nie zu Gesicht bekommen.“
Hochbau kommt vor dem Fall, warnen auch die Analysten von Barclays Capital. Sie haben bereits Anfang des Jahres in ihrem jährlich erscheinenden Wolkenkratzer-Index davor gewarnt, dass es zwischen dem Bau immer höherer Gebäude und einem nahenden Finanzcrash einen engen Zusammenhang gebe. Ihre Begründung: Ein Boom bei diesen teuren Bauwerken weise darauf hin, dass eine große Menge an Kapital fehlinvestiert werde – und daher ein wirtschaftlicher Einbruch bevorstehe.
Die Chinesen planen allein in den kommenden fünf Jahren 80 neue Superwolkenkratzer mit mehr als 240 Metern Höhe. Tatsächlich sind die Preise auf den chinesischen Immobilienmärkten zuletzt deutlich gefallen, im Mai den neunten Monat in Folge.
200.000 Tonnen Stahl
Die Baufirma BSB, die sich in China vor allem mit der Herstellung von Klimaanlagen einen Namen gemacht hat, will mehr als 200.000 Tonnen Stahl verbauen. Zu 95 Prozent verwendet man vorgefertigte Teile, die dann auf dem Bau nur noch zusammengefügt werden müssen. Auf diese Weise will die Firma pro Tag gleich mehrere Stockwerke errichten. Man hat bereits gute Erfahrung damit gemacht: Ein 15-stöckiges Bauwerk brachte sie in nur einer Woche fertig. Für ein Gebäude mit 30 Stockwerken brauchten sie 15 Tage. Zum Vergleich: Für den Burj Khalifa benötigten die Bauherren in Dubai mehr als fünf Jahre.
BSB kündigte zudem an, dass der neue Wolkenkratzer besonders umweltfreundlich ausfallen werde. Das Bauwerk werde nur ein Fünftel der Energie verbrauchen, die Gebäude in dieser Größe sonst benötigen. Die Baufirma will das gesamte Gebäude mit LED-Leuchten ausstatten, die Fenster sind vierfach verglast, die Wände speziell isoliert. Zudem werden die Aufzüge mit einer Anlage ausgestattet, die beim Bremsen Energie zurückgewinnt. „Das Projekt wird nicht nur das höchste Gebäude der Welt, sondern auch das energieeffizienteste“, verkündete man stolz.
Burj Khalifa doppelt so teuer
Der Preis hingegen fällt verhältnismäßig niedrig aus: Die Entwickler rechnen mit Kosten von umgerechnet rund 500 Millionen Euro. Der Burj Khalifa kostete mehr als das Doppelte.
Der neue Wolkenkratzer von Changsha erzürnt allerdings nicht nur die Stadtoberen von Dubai, sondern auch die von Shanghai. Mit dem 632 Meter hohen Shanghai Tower wollten sie eigentlich Chinas höchsten Wolkenkratzer errichten. Nun könnte er übertroffen werden, noch bevor er überhaupt vollendet ist. Die Fertigstellung ist erst für 2014 vorgesehen.
Die Stadtverwaltung von Changsha hat für „Sky City“ bereits grünes Licht gegeben. Nun steht aber noch die Genehmigung der Zentralregierung in Peking aus. Und da könnte es sein, dass die Shanghai-Fraktion einflussreicher ist als die von Changsha.
Die südchinesische Metropole Changsha will das höchste Gebäude der Welt errichten. Der 838 Meter hohe Sky-City-Wolkenkratzer soll in nur sieben Monaten Bauzeit entstehen. Er wäre um einige Meter höher als der Burj Khalifa in Dubai, würde allerdings weniger als die Hälfte kosten, wenn die Rechnung der Bauherren aufgeht. In Shanghai ist man über den geplanten Bau nicht erfreut, denn dort ging man bisher davon aus, selbst das höchste Gebäude Chinas zu errichten – mit nur 632 Metern.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.06.2012)













