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Visualisierung: Das Bild zum Architektenblick

07.07.2012 | 18:20 |   (DiePresse.com)

Nicht selten fungiert die gelungene Visualisierung von Architekturprojekten als Übersetzung einer planerischen Fachsprache, die Verständnis auf Auftraggeberseite erleichtert.


Antoni Gaudí war nicht nur ein bedeutender Architekt, sondern auch ein begnadeter Zeichner. Man sagt, für die Planung eines Friedhofs, eine Studienarbeit, habe er mehr Zeit damit verbracht, den Leichenwagen vor dem Friedhof darzustellen als das eigentliche Projekt. Heute sind die Handzeichnungen 3-D-Computergrafiken und interaktiven Simulationen gewichen – um Architektur zu kommunizieren, werden technische Entwürfe nach wie vor bis ins kleinste Detail visualisiert.

„Bilder sind unsere erste Sprache. Die Architekturdarstellung ist aber mehr als nur ein Abbilden – andere Inhalte, geistige, künstlerische und Tendenzen werden hier transportiert“, sagt Wolfgang Beyer. Sein Architektur-Visualisierungsatelier „Beyer Images“ übernimmt neben der Illustration und Präsentation von Entwürfen auch Material-, Sonnen- und Beleuchtungsstudien, die ein Projekt per Mausklick etwa aus unterschiedlichen Perspektiven zu gewünschten Tages- und Nachtzeiten zeigen. Damit lassen sich nicht nur Ästhetik, sondern auch Qualität und Kosten unter Planungsaspekten prüfen.

Die meist freundliche Darstellung mit fotorealer Beleuchtung, Menschen und Grünflächen lässt – über die Ebene technischer Details hinaus – im Kopf des Kunden lebendige Bilder entstehen. „Wir unterstützen Architekten mit unserer Arbeit bei ihrer oft vielschichtigen Kommunikation ihrer Planungen gegenüber Interessengruppen wie zum Beispiel Bürgern oder Investoren. Vorstellungen zu wecken und quasi zwischen den Parteien zu vermitteln liegt dabei ganz im Aufgabenbereich unserer Arbeit. Die Architektur steht aber immer im Vordergrund“, so der Architekt, dessen Atelier etwa den neuen Bahnhof Wien Mitte, die Oper Linz oder die künftig höchsten Gebäude Wiens, die DC Towers, visualisiert. Die Anforderungen an die Architektur seien wesentlich komplexer geworden, und das spiegle sich auch in der Visualisierung wider, meint Beyer.

Mut machende Grafiken. Nicht immer treten die mit der Visualisierung provozierten Vorstellungen auch ein. Die belebten Räume können etwa leer bleiben oder die eingeplanten Grünflächen werden dann doch zubetoniert. Absichtlich falsches Verschönern, um Kunden die Entscheidung zu „erleichtern“, sei aber nicht zielführend. Immer wieder komme es vor, dass „absichtlich falsche“ Fotomontagen zu einem Totreden von Projekten führen.
Umgekehrt ermöglichen manchmal die aus Skizzen abgeleiteten Grafiken, sogenannte „Renderings“, erst, dass ein Projekt umgesetzt wird – das war bei der neuen Wirtschaftsuniversität im Wiener Prater der Fall. „Das Rendering vom Büro der Architektin Zaha Hadid für das Hauptgebäude der WU Wien machte den Entscheidungsträgern den notwendigen Mut. Es ist ein Instrument, das für alle am Entscheidungsprozess Mitwirkenden die Fachsprache der Pläne verständlich macht“, sagt die argentinische Architektin Laura Spinadel, die mit BUSarchitektur für den Masterplan des WU-Neubaus verantwortlich ist und mit ihrem „Büro für offensive Aleatorik“ (BOA) in Währing die Visualisierung übernahm. Wie bei einer Werbekampagne rückt die Visualisierung ein Projekt ins rechte Licht.

So gestaltete BOA für den neuen WU-Campus unter anderem einen Film, der virtuell durch den Campus führt, untermalt von Vogelzwitschern und Stimmengewirr. Der Betrachter hört kurz in eine Vorlesung hinein oder sieht inmitten grüner Inseln Studenten, die sich entspannen. „Die Realisierung von Architektur hat eine erste Phase, die eine Vision kommunizieren soll“, fasst Spinadel zusammen.  

Entlarvende Modelle. Häufig widmen sich die Visualisierungsbeauftragten auch dem Standortmarketing, wenn es etwa darum geht, das Projekt in der Öffentlichkeit zu präsentieren, Bauphasen zu dokumentieren oder komplexe Systeme wie jenes der Grundwassererhaltung für jedermann verständlich bildlich umzusetzen. Dass dazu nicht immer modernste Computergrafiken notwendig sind, zeigt das Büro „Archipel Architektur und Kommunikation“ mit einem sehr handwerklichen Zugang: Zur Visualisierung setzt man hier überwiegend auf Holzmodelle im Maßstab 1:10. „Das Modell ermöglicht einen spielerischen Umgang mit dem Projekt und erleichtert die räumliche Vorstellung, weil man es haptisch erleben kann“, sagt Architekt Johannes Kraus, der nur auf expliziten Wunsch eines Bauherrn auch Computer-Renderings anfertigt. Das Modell lasse die strukturelle Qualität eines Entwurfs eher erkennen als ein Bild. Dazu Kraus: „Auch schlechte Projekte kann man sehr schön mit Grafiken visualisieren, und viele merken es nicht. Das Modell ist ehrlicher und erlaubt, Stimmungen zu überprüfen.“ Das Virtuelle verlange oft eine Perfektion, die es bei einzelnen Entwurfsstadien noch gar nicht gebe.
Für Laien werde es außerdem immer schwieriger, die Trennlinie zwischen Realität und Animation zu ziehen. „Der Schein des Objekts bekommt eine Wichtigkeit, die vom Inhaltlichen stark ablenkt. Bei PC-Visualisierungen wird beispielsweise immer der vom Architekten ausgewählte, schöne Blick vorgegeben, die vielen anderen Blicke werden eigentlich nicht vermittelt.“ Einzig der Transport ist für Kraus ein Nachteil gegenüber der Computervisualisierung: Das Modell des neuen Konzertsaals für die Wiener Sängerknaben im Augarten hatte etwa eine Grundfläche von drei mal vier Metern. Und der gefühlte Eindruck der gebauten Realität ist bislang weder für die Computergrafik noch das Holzmodell erreichbar.  

Wolfgang Beyer sieht das Potenzial der Visualisierung zuletzt bewusst unterdrückt. „Ich finde sonderbar, dass die  Architektenkammer Wettbewerbe mit Perspektive-Verbot herausgibt. Sollen etwa nur mehr Fachleute die Beiträge verstehen?“ Dabei, so Beyer, wäre es gerade bei Planungen in der Stadt wichtig, dass sie einer breiten Masse verständlich gemacht werden – eben durch Visualisierung.
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