Alte Industriehallen: Für Menschen statt Maschinen
31.08.2012 | 18:34 | CLAUDIA DABRINGER (Die Presse)
Leere Lagerhallen und ruinenhafte Industrieflächen verbreiten eine Ästhetik der Verfalls. Wie man diese Liegenschaften verändern und nutzen kann.

Man nehme eine alte Industriehalle aus den 1920er-Jahren und baue in diese ein Einkaufszentrum. So geschehen in der Tiroler Marktgemeinde Telfs: Architekt Georg Pendl bekam von den Wohn- und Projektmanagementfirmen Proma/Zima den Auftrag, das historische Gebäude „auszuräumen“. Die Vorgabe war, neue Verkaufsflächen zu schaffen. „Ich wollte klar zeigen, was neu und was alt ist. Die bauliche, konstruktive Struktur freilegen sowie neue Elemente – abgesetzt durch Material und Farbe – einbauen“, sagt Pendl. Umgesetzt hat er das mit neuen Öffnungen, Brücken und Ebenen. Eine zusätzliche Raumschicht verbindet die alten mit den neuen Strukturen, akzentuiert mit einem kräftigen, warmen Rot.
Schauplatzwechsel nach Wien. Die Architekten Cornelia Schindler und Rudolf Szednik hatten es mit einem ganz ähnlichen Auftrag zu tun: Ein ehemaliges Depot für Straßenwalzen der MA28 in Wien Penzing, das aus mehreren Hallen besteht, sollte zu einem Lernzentrum umgebaut werden. Es galt das Motto „Haus im Haus“ oder „Einbau in eine bestehende Hülle mit Rücksicht auf historische Substanz“. Die größte und architektonisch interessanteste Halle blieb in der Ausbauphase unangetastet. In eine weitere wurde die zweigeschoßige Schule integriert.
Besonders interessant daran: „Ein Teil ist historische Industriearchitektur mit Ziegelmauerwerk und einem Dach aus Stahlfachwerk. Der andere Teil war eine Erweiterung aus den 1960er-Jahren in der Bauweise eines Stahlbetonskeletts mit Dachtragwerk und großflächigen Verglasungen an den Fassaden“, erläutert Cornelia Schindler. Äußerlich komplett verändert wurde der Zubau, mit bis zur Deckenunterkante eingebauten Räumen. Aufgrund des knappen Budgets musste man sich mit beispielsweise Materialspenden aushelfen lassen: Holz und die kostenlose Montage stellte unter anderem eine Fertighausfirma zur Verfügung.
Industriewelt-Implantat
Eine ziemlich abgenutzte Halle aus den 1970er-Jahren, in der eine Produktionsanlage untergebracht war, bekam Architekt Gerhard Mitterberger in die Hände. Seine Aufgabe war, Präsentationsbereiche für das Logistik-Unternehmen SSI Schäfer Peem in Graz zu schaffen. „Man wollte eine sogenannte Schauanlage präsentieren, Aufenthaltsbereiche für Schulungen und Verkaufsgespräche integrieren – sowie Raum für Büros haben“, sagt Mitterberger. Auch hier greift ein „Haus im Haus“-Konzept. Er habe das Projekt als Implantat in die Industriewelt verstanden. In die dunkelgraue Halle wurde – als bewusster Kontrast – eine Holzbox gestellt, die Bürobereiche beinhaltet.
Fenster sollen den Mitarbeitern einerseits die Sicht auf den Industrie- und Produktionsbereich öffnen und andererseits die Kontaktbereitschaft zur Außenwelt signalisieren. „Natürlich hat die Proportion mit dem flachen Giebeldach und dem zentralen Oberlicht eindeutigen Hallencharakter des 20.Jahrhunderts“, erklärt Mitterberger. Aber das Industrie-Ambiente komme auch nach der Umgestaltung noch ausreichend zur Geltung.
Ebenfalls mit der Revitalisierung eines komplexen Gewerbeobjekts wurden die Architekten des Büros Holodeck in Wien beauftragt. Sie haben im Businesspark Breitensee zwei Bauteile vorgefunden – aus den 1960er-Jahren und aus der Gründerzeit. „Hier befanden sich Lagerräumlichkeiten, Betriebe für feinmechanische Produkte sowie Räumlichkeiten eines Fernsehsenders. Im anderen Teil hatten sich ein Hersteller für Schließanlagen und ebenfalls ein TV-Anbieter niedergelassen“, beschreibt Architekt Michael Ogertschnig die Ausgangssituation.
In der ersten Projektphase nahmen sich die Generalplaner die Lagerflächen im Erdgeschoß vor, wo es bereits Platz für ein Café gibt. Dem Haus werden noch zwei Stockwerke hinzugefügt sowie ein Neubau im Hof mit einer Gesamtfläche von rund 12.000 Quadratmetern. „Wir haben das Dach neu gemacht und eine thermische Sanierung veranlasst. Zudem gibt es neue Fenster mit außenliegendem Sonnenschutz.“ Erhalten bleibt die Ziegelfassade, die einen weißen Anstrich bekommen wird. Die Optik ist damit originalgetreu.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2012)













