Moderne Fenster helfen beim Energie-Gewinn
07.09.2012 | 18:48 | WOLFGANG POZSOGAR (Die Presse)
Top-Modelle haben überdies Wohnraumlüftung mit Wärmetauscher und Pollenfilter eingebaut.

Österreichs Fensterhersteller hören es nicht gerne, wenn man ihre Produkte als simpel bezeichnet. Einerseits setzen sie technische und ästhetische Maßstäbe – das Aluminium-Fenster-Institut etwa vergibt im November den Aluminium-Architektur-Preis an das architektonisch und nachhaltig überzeugendste Objekt, das mit Aluprofilen arbeitet. Andererseits investieren große heimische Produzenten jährlich vier bis fünf Prozent des Umsatzes in Forschung und Entwicklung, um aus dem einfachen Erzeugnis „Rahmen mit Glas“ ein Hightech-Produkt zu machen – in unterschiedlichsten Werkstoffen wie Aluminium, Holz und Kunststoff. Resultat der Entwicklungsarbeiten: Waren Fenster früher eine wesentliche Ursache für die Wärmeverluste eines Hauses, so helfen die Produkte heute beim Gewinnen von Energie.
Möglich wird das, weil moderne Fenster wärmende Sonnenstrahlen ins Innere, aber kaum mehr Wärme aus dem Raum hinauslassen. „Damit nützen wir die Sonne als Gratisheizung und schaffen effektive U-Werte von unter null“, erzählt Christian Klinger, Vorstand und Miteigentümer von Internorm. Der U-Wert ist die Kennzahl für die „Wärmedurchlässigkeit“ eines Bauteils. Je niedriger diese Zahl, desto besser dämmt das Element. Berücksichtigt man den zusätzlichen Wärmegewinn durch die Sonneneinstrahlung, ergeben sich – so das Resultat einer Studie der Donau-Universität Krems – für Top-Fenster rechnerisch die von Klinger genannten U-Werte unter null.
Dass heute am Markt befindliche Fenster bereits in der Standardausführung nahezu die bei einem Passivhaus geforderten Werte erreichen, ist Resultat ausgeklügelter Konstruktionen, in denen viel Know-how steckt: „Das verwendete Glas, dessen Stärke, die Abstände zwischen den Scheiben, die Abstandhalter, die Füllung mit Luft oder speziellen Gasen und etliche Komponenten mehr müssen dabei berücksichtigt werden“, erklärt Manfred Gaulhofer, Chef des gleichnamigen Fensterherstellers.
Diese Fenstertechnik hat allerdings einen Haken: Da die Sonne nicht nur an kalten Wintertagen, sondern noch mehr an heißen Sommertagen Wärme in Wohn- und Arbeitsräume bringt, steigen mit solchenstark dämmenden Hightech-Fenstern die Anforderungen an den Sonnenschutz. „Die beste Lösung ist ein externer Sonnenschutz, der dazu beiträgt, die Oberflächentemperatur der Fenster möglichst niedrig zu halten“, rät Klinger. Ideal sind etwa außenliegende Raffstores, die ähnlich wie Jalousien funktionieren. Gut geplant verhindern sie unerwünschten Energieeintrag und Blendung durch die Sonne. Im Gegensatz zu Rollläden lassen Raffstores aber zugleich ausreichend Licht in den Raum.
Auf einen weiteren Punkt der Energiegewinn-Fenster weist Jürgen Benitz-Wildenburg vom Institut für Fenstertechnik in Rosenheim hin: „Das Haus oder die Wohnung wird mit solchen Fenstern nahezu luftdicht.“ Für die Qualität der Raumluft, aber auch um Tauwasserprobleme zu verhindern, muss regelmäßig gelüftet werden. Am besten eignen sich dazu automatische Systeme. Da solche Komfortlüftungen nachträglich aber aufwendig einzubauen sind, hat Internorm eine Lüftung mit Wärmerückgewinnung in das Fenster integriert. Diese Innovation spricht nicht nur Energiesparer an (86 Prozent der Energie aus der Abluft wird zurückgewonnen), sondern erleichtert auch Allergikern das Leben: Die im Fensterrahmen steckende Lüftung verfügt auch über einen Pollenfilter mit einem Wirkungsgrad von 100 Prozent.
Mit den zusätzlichen Fähigkeiten der Fenster wächst die Bedeutung fachgerechter Beratung. Architekten und Fensterfachhandel sollen beim Finden der richtigen Lösung helfen. Um dem Konsumenten bessere Orientierung zu ermöglichen, propagiert das Fensterinstitut Rosenheim außerdem ein „Energy-Label“. Es soll in übersichtlicher Form und ohne U-, g-, Psi-Werte und ähnlichem Techniker-Kauderwelsch über die Eigenschaften hinsichtlich Wärmeverluste und Solargewinne informieren. Ein Grund dafür: „In wärmeren Regionen sind Fenster mit sehr hohem Energiegewinn deutlich überzogen“, meint Benitz-Wildenburg.
Unsichtbare Rahmen, dünne Membranen
Nicht nur punkto Technik, auch punkto Optik hat sich beim Fenster einiges getan. Schlanke Rahmen eröffnen neue Gestaltungsmöglichkeiten. Und Rahmen können sogar unsichtbar werden: „Bei Ganzglassystemen sieht man nur eine Glasscheibe, was sonst noch benötigt wird befindet sich im Mauerwerk, im Fußboden und in der Decke“, erzählt Gaulhofer. Die Entwicklung des scheinbar simplen Produkts ist dabei noch lange nicht abgeschlossen. „Innovationen beim Glas, bei elektronischer Steuerung und beim Design sind Schwerpunkte, an denen derzeit gearbeitet wird,“ sagt Gaulhofer.
Was es längerfristig an Innovationen geben wird, wagt der Fensterhersteller nicht zu sagen: „In zwanzig Jahren könnten vielleicht dünne Membranen den gleichen Schutz wie dicke Gläser bieten und völlig andere Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen“. Solche Fenster hätten natürlich automatischen Sonnenschutz integriert und würden zugleich als überdimensionierter Bildschirm fungieren. Wenn draußen diesiges Wetter herrscht, zaubert man sich auf Knopfdruck Frühlingsstimmung aufs Fenster der Zukunft. Oder das Bild der Liebsten.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)













