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Wohnbedürfnisse: Balkongemüse und Extrawürste

07.09.2012 | 18:48 |  WALTER SENK (Die Presse)

Viele Veränderungen beim Wohnen gehen vom Nutzer aus: Der Markt reagiert mit kleineren Layouts, größeren Freiflächen, energieproduzierenden Immobilien.

Balkongemuese Extrawuerste

Die Flächen schrumpfen, nicht aber die Bedürfnisse ihrer Nutzer: Waren es früher 90 Quadratmeter, die auf dem Wohnungsmarkt stark nachgefragt wurden, sind es jetzt nur mehr 75. „Die Leute haben weniger Geld, die Kosten steigen. Die Wohnungen werden kleiner, um leistbar zu bleiben“, beobachtet Silvia Wustinger-Renezeder, Geschäftsführerin von SEG. „Wir sind mittlerweile gezwungen, mit 60 bis 70 Quadratmetern das gleiche Wohngefühl zu liefern, wie wir es früher in größeren Wohnungen hatten.“

Kleineres muss größer aussehen

Daraus ergeben sich neue Herausforderungen in der Gestaltung – Architektin Gerda Gerner von gerner°gerner plus bestätigt den Drang zu kleineren Layouts, „man merkt das an der Nachfrage unserer Auftraggeber“. Die Bauträger müssten nun mit denselben Anforderungen nicht nur große Freiflächen liefern, sondern auch optische Möglichkeiten, die Räume größer erscheinen lassen. Man sei gezwungen größere, bessere Öffnungen zu machen und mit dem Innen und Außen mehr zu spielen.

„Es ändert sich die gesamte Wohnung in ihrer Anmutung. Die Wohnung wird eine andere“, blickt auch Harald Greger, Geschäftsführer des Aluminium-Fenster-Instituts in die nahe Zukunft: „Wir stehen hier vor einer großen Veränderung.“ Hinzu kommt, dass offensichtlich die Kompromissbereitschaft der Nutzer sinkt – etwa gegenüber „Wohnungen mit starken Schrägen“, nennt Sandra Bauernfeind. Leitung Wohnimmobilien bei EH, als Beispiel. „Wenn schon starke Dachschrägen, dann sollten sie wenigstens gut nutzbar sein.“ Denn Fläche ist knapp und kostbar.

Alles drängt nach draußen

Viele Veränderungen im Wohnverhalten werden von außen am Gebäude ablesbar sein, etwa am Anteil von Terrassen, Loggien, Balkonen: „Freiflächen sind in jedem Fall notwendig“, erklärt Ernst Kovacs, Bereichsleiter Projektentwicklung bei Raiffeisen evolution: „Wir errichten keine Wohnungen mehr im Neubau, die über keine Balkone oder Terrassen verfügen.“ Allerdings gebe es in dem Fall auch ein Zuviel des Guten: viele kleine Freiflächen, die letztlich mehr als Abstellfläche, denn als Open-air-Wohnraum dienen. Da sei es besser, einzelne größere Flächen zu schaffen.

Großzügigkeit im Kleinen ist auch eine Devise für Bauernfeind: „Keiner möchte mit Kaffeetassen in der Hand über eine enge Wendeltreppe auf die Terrasse balancieren.“ Daher sind gerade jene Einheiten gefragt, bei denen die Terrasse auf einer Ebene mit der Wohnfläche liegt. Eine Minimumtiefe von 2,2 Metern erscheint Kovacs unbedingt notwendig, „damit man eine Terrasse auch wirklich nutzen kann“.

Oft sind die Freiflächen nicht bloß zum Wohnen gedacht. Zunehmend wird „urban gardening“ auf dem eigenen Balkon zum Thema: Obst und Gemüse mitten in der Stadt reicht zwar nichts fürs Selbstversorgen, übt aber großen Reiz aus, auf den der Handel längst reagiert: Baumärkte bieten fertig gezogene und tragende Ost- und Gemüsestauden an, die sich problemlos in der Stadt halten und auch weiterzüchten lassen. Dafür braucht es Freiflächen, idealerweise mit Wasseranschluss zum Gießen.

 

Sonderwünsche werden Standard

Veränderungen gehen oft vom Nutzer aus, weiß Wustinger-Renezeder aus Erfahrung: Bei einer Reihenhausanlage der SEG in Passivhausqualität orderte ein Kunde Extras im Bereich der Energieerzeugung. „Heute ist es ein Sonderwunsch. Ich freue mich, wenn in fünf Jahren solche Sonderwünsche zur Standardausführung gehören.“ Nicht den energieneutralen, sondern den Energie produzierenden Wohnungen wird die Zukunft gehören, ist Architektin Gerner überzeugt: „Ich kann mir gut vorstellen, dass man bald keine Energiekosten mehr zahlt, sondern ein Plus an Energie produziert.“ Nicht nur die eigene Wohnung, sondern auch andere Bereiche werden versorgt, etwa Stromtankstellen im Haus oder Schulen und Kindergärten.

Das Thema Nachhaltigkeit prägt die Kaufentscheidungen zusehends. Laut ImmoNachhaltigkeitsstudie 2012 glauben 83 Prozent der österreichischen Konsumenten, dass nachhaltige Gebäude in Zukunft mehr nachgefragt werden. „Die Kunden sind bereit, mehr für eine Wohnung zu zahlen, wenn die Betriebskosten geringer sind“, erläutert Wustinger-Renezeder. Eine gute Wärmedämmung, Fenster mit hohem U-Wert, Wärmepumpen oder Fotovoltaik sind starke Argumente für die Kunden. Die Lebenszykluskosten (die Betrachtung der Immobilie von der Planung bis zum Abriss) scheinen im Bewusstsein allerdings noch nicht verankert. Wesentlich sind die monatlichen geringeren Energie- und Betriebskosten.

 

Wiederverwertbare Werkstoffe

Robert Lechner, Geschäftsführer des Österreichischen Ökologie-Instituts ist überzeugt: „In zehn Jahren werden wir nicht mehr über Energie sprechen, das ist dann gegessen. Das Thema werden langlebige Produkte sein.“ Einfach in der Handhabung, problemlos in der Wartung, wenig anfällig gegen Abnutzung und pflegeleicht. Am besten sollten es Werkstoffe oder Materialien sein, „die eine hohe Chance auf Wiederverwertung haben: zum Beispiel Aluminium“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.09.2012)