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Bautätigkeit: Arsenal, sanft wachgeküsst

29.09.2012 | 18:06 |  von Madeleine Napetschnig (Die Presse)

Die großen Wohnbaupläne im Arsenal ruhen seit einigen Jahren. Doch unter Dach regt sich Bautätigkeit an zwei Stellen – auch im denkmalgeschützten Bestand.

Arsenal sanft wachgekuesst

Noch liegt das Arsenal zwischen der Großbaustelle Hauptbahnhof und der Gürtelausfahrt ruhig wie eine Insel. In Wellen schwappten einmal mehr, einmal weniger realisierbare Verwertungspläne auf sie zu. 2003 trennte sich die BIG von ihren Objekten in der militärhistorischen Anlage, bald wurde eine Investorengruppe um den Badener Anwalt Rudolf Fries Mehrheitseigentümer. 2007 lud man zum Architektenwettbewerb, mit der Idee, die städtebaulichen Umwälzungen im Nahbereich (Hauptbahnhof, Aspanggründe, St.Marx) nicht ungenutzt vorüberziehen zu lassen und das Wohnangebot um 40.000 Quadratmeter zu erweitern.

Zugleich sollte das Heeresgeschichtliche Museum in eine Kulturachse mit Einundzwanzigerhaus und Belvedere eingebunden werden. Dass 2019 die U2 das Arsenal erreichen soll, gab der Idee zudem Auftrieb.

Die Pläne blieben in der Lade – keine neuen Wohnungen, keine spektakuläre Wolkenspange über das historische Ensemble schweizergartenseitig. Heute befinden sich nach weiteren Transaktionen die Gebäude im Besitz (nebst der Republik) von verschiedenen privaten Eigentümern bzw. Investoren. Es war wieder Ruhe eingekehrt – zumindest, was die Umsetzung von großen Plänen anbelangte. Doch zuletzt erzeugten zwei kleinere Baustellen gröbere Nebengeräusche, zogen mit den Arbeiten den Unmut von einigen Bestandsmietern und des Vereins Initiative Arsenal auf sich. Und sie beschäftigten auch das Bundesdenkmalamt: Zwei Dachausbauten entstanden parallel, eines im historischen Objekt 12 (das wie die Nummer 1 bis 6 sowie 14 bis 18 unter Denkmalschutz steht) sowie ein paar Meter weiter in sechs Häusern.

Um zu Objekt 12 vorzudringen, durchmisst man eine der dünnst besiedelten Zonen im städtischen Raum. An die 2000 Einwohner verteilen sich auf 800Mietwohnungen. Zehn Minuten Fußmarsch führen den Besucher durch ein heterogen genutztes Gelände. Ein Spaziergang durch verschiedene Bauepochen: durch den Hufeisenbogen von Objekt 1, dem früheren Kommandantengebäude, vorbei am Gastgarten des Arsenalstüberls und einzigen Greißler im Umkreis. Man passiert neobyzantinische und romanisch-historistische Fassaden, das Heeresgeschichtliche Museum, die Restaurationswerkstätten des Bundesdenkmalamts und die Dekorationswerkstätten der Bundestheater, Forschungseinrichtungen, Funkturm, Garagen, Alleebäume – bis schließlich der Vierkanter aus unverputzten Ziegeln wie ein Bollwerk dasteht.

Meterdicke Mauern. Der Bau bildete einen Eckpfeiler der Anlage von 1849 bis 1856, nahezu ident mit den anderen Eckkasernen, von denen nur noch drei existieren. In der Nachkriegszeit bezogen Bundesbedienstete die bis zu vier Meter hohen Räumlichkeiten hinter den ein Meter dicken Mauern, in den nächsten Tagen werden neue Nachbarn in die luftige oberste Etage einziehen: 34 unterschiedlich große Maisonetten wurden auf den früheren Dachboden gesetzt.

Dieser Dachausbau ist der erste im historistischen Bestand des Arsenals. Interessen, mehr Wohnraum durch Verdichtung nach oben zu schaffen, existieren bereits seit Jahren, bestätigt Friedrich Dahm, Landeskonservator für Wien. Solche Adaptionen bedingen nämlich das Placet des Bundesdenkmalamts. „Es gibt ganz klare Vorgaben für das äußere Erscheinungsbild“, sagt Dahm. Was hier in Objekt 12 realisiert wurde, sei das Limit für eventuelle Adaptionen in den anderen historischen Objekten – „eine Stimmgabel für Weiteres, sollten andere Eigentümer im Arsenal mit solchen Plänen herantreten.“

Eine Tücke für Bauherrn wie Bestandsmieter liegt mitunter im Deckenaufbau und Mauerwerk. „Im Krieg wurde der hintere Teil des Arsenals zerstört oder schwer beschädigt. Daher stößt man nun auf Decken, die in der Qualität der 1950er-Jahre ausgebessert worden sind“, erklärt Oliver Schreiber vom Landeskonservatorat für Wien, der auch intensiv mit der Baustelle beschäftigt war. In den alten Plänen seien die Schäden nicht komplett erfasst. Auffällig ist der Aufbau von außen nicht, man erkennt ihn aus der Distanz an einer Verblechung am Dach und einem schmalen Fensterstreifen: Das erste Geschoß der Maisonetten wurde unter einer seichten Schräge versteckt und eine Kaminwand hochgezogen, an der das obere Geschoß weit zurückspringt. Zum Innenhof setzt sich der Aufbau vom Ziegelmauerwerk deutlicher ab. Hinter großen Glasflächen liegen die Appartements, erschlossen über eine Art Pawlatschen. In das Luxussegment fällt die Wohnung am rechten Eck – mit Turm und Dachterrasse. Hier bedingten Mauertiefe und kleine Fenster speziell Rücksicht auf die Substanz.

Anders die Baustelle daneben: „Hier wurden – anstelle der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Bauten – in den Sechzigerjahren Wohnhäuser errichtet. Im Zuge des Dachausbaus erfolgt auch eine thermische Sanierung“, erklärt Martin Müller von JP, dem Wiener Immobilienunternehmen, das in die Entwicklung und Vermarktung involviert ist. Auf den Flachdächern wurden zwei Geschoße aufgesetzt, die Wohnungen sollen als Eigentum auf den Markt kommen – als erste an privat verkaufte Immobilien im Areal.

Komplett neue Projekte in dem parkähnlichen Gelände bedürften – wenn überhaupt – neuer Flächenwidmung. Sollte das Arsenal durch Bautätigkeiten im umliegenden Stadtentwicklungsgebiet erfasst werden, scheint dies am Ensemble nicht zu rütteln. „Denkmalschutz endet nicht bei der Fassade“, sagt Landeskonservator Dahm. Und ganz entscheidend sei stets der „Zusammenhang der einzelnen Objekte zueinander“.

Tipps zum Tag des Denkmals

Geschichte(n): Heute ist der Tag des Denkmals, in ganz Österreich kann man 275 besondere Orte besichtigen.
Zwei Empfehlungen: Deutschmeisterpalais: Das Wiener Ringstraßenpalais am Parkring wird vom Opec Fund genutzt und ist sonst unzugänglich (Führungen: 11, 13, 15h).
Schlosspark Leopoldskron in Salzburg: Der Garten des Schlosses von Max Reinhardt ist nur heute von 10 bis 16h zugänglich.www.tagdesdenkmals.at, www.bda.at

Arsenal

Baustelle 1849–1856 Für das habsburgische Megaprojekt in der Folge der Märzrevolution wurden Stararchitekten aufgefahren: Carl Rösner, August Sicard von Sicardsburg, Eduard van der Nüll, Theophil Hansen, Ludwig Förster.

Form und Funktion Angelegt ist das Areal wie ein römisches Castrum, symmetrisch und rundum abgeschlossen. Das Areal diente als Kaserne, Waffendepot und -fabrik; östlich und südlich angrenzend befinden sich weitere Flächen – zuletzt siedelte sich die TU dort mit Forschungsbauten an. Das gesamte Areal ist Teil des Stadtentwicklungsgebiets Favoriten–Hauptbahnhof–Arsenal. In dem Festungsbau wurden an die 177Millionen Ziegel verarbeitet.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.09.2012)

2 Kommentare
kobukerin
05.02.2013 13:36
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Arsenal Sanierung - von wegen

"Thermische Sanierung" - welche? Es wurden nur die mickrigen 5cm Styropor neu angedübelt, alle Wärmebrücken belassen. Die ganze "Sanierung" erfolgte als Husch&Pfusch, zB wurden 45 J alte Fenster angemalt, im geschlossenen Zustand. Bröselnde Balkone werden nur gestützt, nicht saniert.
Wundern werden sich alsbald die Käufer der neuen "Luxus"-Whgen am Dach: Nach 3 Tagen Sonne unter dem dunklen Dach sind sie "medium". Nur Holz und Rigips, keine Speichermasse: Barackenklima. Und von den stolzen 140qm sind vl 70qm nutzbar.
nerdfilms
01.10.2012 13:24
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Eine Schande,

wie man in Wien mit historischer Substanz umgeht! Nur die Gier nach möglichst hohen Quadratmeterzahlen regiert.