Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentare Artikel senden Senden

Omar Sharif und Flaschengeister: Ein Künstlerhaus im Ersten

14.11.2012 | 18:17 |  von Teresa Schaur-Wünsch (Die Presse)

Ein Immobilienmakler lässt das einstige Palmers-Haus von Künstlern bespielen. Un-Yong Kim und Indra Jäger managen „Im Ersten“.

Er habe, sagt Thomas Levenitschnig, schon viele Häuser ge- und verkauft. „Aber ich wollte immer eins im Ersten, das war mein Kindertraum.“ Seit 2005 besitzt er eines – das ehemalige Palmers-Haus in der Sonnenfelsgasse 3. Ein uraltes Haus mit Grundmauern aus dem 13.Jahrhundert, einer barocken Fassade, die die Touristen gern fotografieren, und dem Zwölf-Apostelkeller, in dem sie verschwinden. Und schön langsam nimmt auch Levenitschnigs Plan für das Haus Gestalt an: Die eine Hälfte des Hauses ist innenstadtgemäß teuer vermietet, in der anderen wohnen und arbeiten Künstler und Handwerker deutlich günstiger. Das eine finanziert das andere (und wenn etwas gerade frei ist, so Levenitschnigs jüngste Idee, kann es als Hotelzimmer dienen).

Künftig könnte man die Adresse jedenfalls auch als Veranstaltungsort kennen. Denn das zugehörige Geschäftslokal, in dem zuletzt ein Surf-Shop residierte, haben zwei junge Frauen übernommen, die, nun ja, hier etwas Neues machen wollen. Wie genau man es nennen soll, haben Un-Yong Kim und Indra Jäger lange überlegt – ohne sich am Ende festzulegen. Galerie? Kulturverein? All das und mehr soll es sein, finden die beiden. In den letzten Wochen haben sie den Raum mit der gewölbten Decke und dem Holzfußboden renoviert, letzten Freitag fand das Opening statt.

Mit einer Lesung von Reiseschriftsteller Helge Timmerberg, der im Haus eine Schreibstube eingerichtet hat und Thomas Levenitschnig liebevoll einen „Immobiliendelfin“ nennt. Und der auch für den „Schop“, den die Künstler des Hauses im ehemaligen Schotterkammerl der Hausbesorgerin im Innenhof eingerichtet haben, etwas beigesteuert hat: Flaschengeister nämlich. Ansonsten gibt es dort auch ägyptische Schuhe im Omar-Sharif-Stil, koreanische Bauernhosen und selbst gemachte Marmelade vom Profifotografen – jeder hat etwas beigesteuert, das er sonst nicht produziert. Wobei sich die Nicht-Renovieren-Fraktion beim „Schop“ vorläufig durchgesetzt hat – der etwas desolate Charme ist gewollt. Anders bei Un-Yong Kim und Indra Jäger, die Architekt Gregor Eichinger bei der Neugestaltung ihres Veranstaltungsraumes beraten hat, nachdem er Gefallen an dem Projekt gefunden hatte. Genau solche Kooperationen sind auch die Intention der beiden: Sie sehen „Im Ersten“ auch als Ort des Netzwerkens, an dem man sich kennenlernen und Fähigkeiten austauschen können soll.


Beide, Kim und Jäger, stammen aus Frankfurt, sind unabhängig voneinander zum Studium nach Wien gekommen und im Gefolge des Künstlers Constantin Luser zur Gruppe gestoßen. Sie teilen ihre Kulturbegeisterung – und sind beide inzwischen Mütter. „Wir finden es gut“, sagt Kim, „uns als Mütter selbst unseren Arbeitsplatz geschaffen zu haben.“

„Im Ersten“ sei dabei ganz bewusst so genannt. „Unsere Generation ist sonst recht wenig im ersten Bezirk“, sagt Kim. Und in dieser Ecke sitze man wie auf einer Insel, ergänzt Jäger: „Hier kommen fast nur Touristen durch, ansonsten ist der Bereich ziemlich tot.“ Was die beiden ändern wollen. Mit den Nachbarn habe man jedenfalls bereits ein gutes Verhältnis.

Auf einen Blick

„Im Ersten“ heißt ein neuer Veranstaltungsort in der Sonnenfelsgasse im ersten Wiener Bezirk, der von Un-Yong Kim und Indra Jäger betrieben wird. Im November läuft eine Lesereihe (morgen, Freitag, liest der Schweizer Christoph Braendle aus „Onans Kirchen“, am 23. 11. Marie Pohl, Tochter des Schauspielers Klaus Pohl), es folgen die Ausstellung „Transmission“, ein Auftritt Christian Dolezals, das Koch-Künstlerkollektiv AO&, im März wird Mode als Installation präsentiert. www.imersten.com

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2012)