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Daniel Libeskind: Die Spitzen in der Architektur

17.11.2012 | 18:11 |  von Duygu Özkan (Die Presse)

Daniel Libeskind gehört zur Riege der Stararchitekten. "Die Presse am Sonntag" traf den Amerikaner polnischer Herkunft auf einem Kongress in Vorarlberg und sprach mit ihm über Moscheen und das Jüdische Museum.

Spitzen Architektur

Sie haben in Ihrem Vortrag bei der „VLOW“-Konferenz in Bregenz oft vom Begriff „Urbanität“ gesprochen. Ihre Architektur konzentriert sich auf die Städte. Wie sehr interessiert Sie der ländliche Bereich?

David Libeskind: Ich konzentriere mich auf Städte, weil mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung in Städten lebt. Aber ich habe kürzlich ein Haus auf dem Land gebaut. Ich bin also nicht nur an Städten interessiert.

 

Sie sind einer jener Architekten mit unverwechselbarem Stil – spitz und asymmetrisch. Funktioniert dieses formale Konzept auch im ländlichen Bereich?

Natürlich. Der asymmetrische Stil passt nicht in eine Schublade der klassischen Architektur. Er repräsentiert das 21. Jahrhundert. Und da ist es egal, ob man in der Stadt lebt oder auf dem Land. Es geht nicht darum, ruhige und nette Gebäude auf dem Land und expressionistische Gebäude in der großen Stadt zu bauen. Es geht um Wahrnehmung, um das Benutzen von Raum – wo auch immer.

 

Kennen Sie die architektonische Szene hier in Vorarlberg? Die Architekturlandschaft hier ist zwar recht intim, dafür innovativ.

(Nickt.) Aber wir sollten doch nicht zu sentimental und nostalgisch sein.

 

Wie meinen Sie das?

Nehmen wir etwa diese Region hier: Die Welt reicht heute weit über die Regionen hinaus. Wir haben das Internet, wir wissen, was gerade auf der anderen Seite der Welt passiert. Das sollte auch bei der Frage nach der Identität berücksichtigt werden: Inwieweit bezieht sich Identität auf Nostalgie und inwieweit handelt es sich um die wirkliche Identität, die reflektiert, was man denkt, fühlt, träumt und arbeitet.

 

In Ihrem Vortrag sprachen Sie auch von Politik und Demokratie. Hier in Vorarlberg lebt eine große türkische und muslimische Gemeinschaft. Das Bauen von Minaretten ist allerdings de facto verboten.

Jedes Gebäude, das gebaut wird, ist mit Auflagen und Beschränkungen konfrontiert. Es ist aber nicht gut, wenn die Auflagen dazu dienen, um Minderheiten zu diskriminieren. Tatsächlich geht es innerhalb einer Demokratie nicht um die Mehrheit, sondern um den Schutz der Minderheit.

 

Würden Sie selbst gern einmal eine Moschee bauen wollen?

Ja. Einmal hätte ich fast eine gebaut.

 

Und wenn Sie die Möglichkeit hätten, hier in Vorarlberg eine Moschee zu bauen?

Man muss einen schönen, spirituellen Raum schaffen, der sich auf die Geschichte und Ideen des Islam bezieht, aber auch sensibel auf die unmittelbare Umgebung reagiert. Um die Welt zusammenzubringen – die derart aufgesplittet ist durch Religionen, Völker und Fundamentalismus – müssen wir schöne Dinge machen. Dazu zählen auch Gebäude. Wenn man etwas baut, dann sucht man nach etwas Positivem, Optimistischen in der Welt.

 

In New York dirigieren Sie gerade die Neugestaltung des Ground Zero.

Ground Zero entwickelt sich. In Lower Manhattan, wo die Tragödie passiert ist, leben heute doppelt so viele Menschen wie vor dem Anschlag.

 

Was ist der Grund dafür?

Die Menschen sind zurückgezogen – aufgrund der neuen Gebäude. Alte Bürogebäude werden zu Wohngebäuden umgebaut. Früher bestand Lower Manhattan nur aus Wall Street und Geschäftsviertel, jetzt erlebt es eine Art Renaissance. Und es ist ein Triumph des Lebens nach den Anschlägen. Ground Zero ist zwar noch nicht fertig, aber zurzeit findet eine äußerst positive Entwicklung statt. Es gibt ebenso viele Sozialbauprojekte, aber auch Schulen werden gebaut. Der Zuzug zeigt, dass wir heute ein ganz anderes Lower Manhattan haben als noch vor den Anschlägen.

Sie selbst wohnen in New York. Aber viele Jahre haben Sie auch in Berlin gewohnt.

Ja, 13 Jahre lang.

 

Das Jüdische Museum in Berlin, das Sie gebaut haben, verlangt von den Besuchern eine Menge ab. Einerseits der Inhalt, diese unfassbar tragische Geschichte. Und anderseits dieses komplexe Gebäude. Konzentration auf beides, das fällt schwer. Es verstört etwas...

Wenn Sie das Museum verstört verlassen haben, dann war das eine gute Sache. Wären Sie mit einem guten Gefühl gegangen, als wäre von nun an alles in Ordnung, dann wäre das eine Niederlage. Das Museum soll nicht nur Vergangenheit erklären, sondern die Besucher dazu anregen, sich Fragen zu stellen.

Kann man das durch Architektur auch erreichen?

Architektur soll Fragen aufwerfen, nicht auf Fragen antworten. Manchen Gebäuden wird nachgesagt, dass sie Antworten bieten, aber gleichzeitig schläfern sie die Menschen ein. Ich bin gegen Gebäude, die Menschen zum schlafen bringen und das bestätigen, was man ohnehin schon weiß. Ich bin für Gebäude, die den Blick herausfordern. Das gilt nicht nur für neue, sondern auch für alte Gebäude. Ich denke da auch an den Parthenon oder die Akropolis. Das waren „verstörende“ Gebäude.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.11.2012)