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Stadthaus mit Buckeln

23.11.2012 | 18:46 |  Von Christian Kühn (Die Presse)

Eingepasst zwischen Biedermeier und Gründerzeit: Das neue „Theoriegebäude“ der Universität Wien ist ein Lern- und Begegnungsort für Wissenschaftler und Studierende.

Es knirscht wieder vernehmlich im Gebälk des österreichischen Universitätssystems. Gerade werden die Budgets für die nächsten drei Jahre verhandelt, und trotz allen politischen Beteuerungen, wie wichtig Bildung und Wissenschaft für unsere Zukunft sind, bleiben die Universitäten demselben Spardruck ausgesetzt wie andere öffentliche Institutionen. Die Kluft zwischen der steigenden Zahl an Studierenden und den beschränkten Ressourcen wird dadurch immer dramatischer. Den Universitäten fehlt es an Personal und Raum, wobei veränderte Anforderungen für zusätzlichen Druck sorgen. Neben den Räumen für Forschung und Lehre werden zunehmend auch Räume fürs Lernen benötigt, nicht im Sinne von Studierzimmern, sondern als Lern- und Begegnungsorte, an denen Wissen erarbeitet und in Teams ausgetauscht werden kann.

Das neue „Theoriegebäude“ der Universität Wien in der Währinger Straße ist ein Hybridgebäude, das alle diese Funktionen in einer hohen Dichte zur Verfügung stellt. Es geht auf einen Wettbewerb aus dem Jahr 1999 zurück, den die Architektengruppe NMPB für sich entscheiden konnte. Sasa Bradic, der für das B im Büronamen steht, hat das Projekt auf der Basis der damals festgelegten Bebauungsbestimmungen ab 2005 weiterentwickelt. Der Projektname „Theoriegebäude“ deutet schon an, dass man eine eindeutige Festlegung für bestimmte Studienrichtungen vermeiden und eine flexibel nutzbare Struktur schaffen wollte. Das Raumkonzept sieht im Untergeschoß einen Hörsaal und größere Seminarräume vor, in den ersten drei Geschoßen Bibliotheksräume und Arbeitsräume für Studierende, darüber Büroräume mit Kommunikationszonen. Besiedelt wurde das Haus mit Beginn des aktuellen Herbstsemesters von den Fakultäten für Informatik und Publizistik, stark nachgefragten Studien, von deren Unterbringung in einem gemeinsamen Haus man sich über den Bereich der Medientechnologie auch Synergien erwartet.

Der Wunsch, in diesem Haus nicht nur unabhängige Nutzungen zu stapeln, sondern möglichst miteinander zu vernetzen, hat viele Entwurfsentscheidungen beeinflusst. Schon beim Betreten der Eingangshalle fächert sich der Blick in die Tiefe des Gebäudes auf, linker Hand zur Bibliothek, rechts daneben zur breiten Treppe, die ins Untergeschoß zu den Seminarräumen und zum großen Hörsaal führt, und schließlich wieder hinaus in den Innenhof, der öffentlich durchgängig bleibt und eine Verbindung zu den Fakultätsgebäuden des Alten AKH bietet. Die Verglasungen im Erdgeschoß und im ersten Stock lassen den Raum äußerst großzügig wirken, obwohl hier jeder Quadratmeter intensiv genutzt wird. Erweitert wird der Raum durch einen gläsernen Zubau, über den der Vorbereich zu den Seminarräumen im Untergeschoß belichtet wird.

Das Gebäude wurde unter maximaler Ausnutzung der Bebauungsbestimmungen auf das Grundstück gesetzt. Es füllt die Baulücke zur Währinger Straße mit einem bis zu achtgeschoßigen Trakt aus, ein zweiter Trakt in derselben Höhe schließt an der südlichen Grundgrenze L-förmig an. Durch seine Höhe unterliegt das Gebäude bereits den Bestimmungen für Hochhäuser, mit allen zusätzlichen Komplexitäten für den Brandschutz, die aus einem einfachen Stiegenhaus eine Hightech-Maschine mit speziellem Feuerwehraufzug machen. Trotzdem bekommt auch dieses Stiegenhaus nicht nur Licht über Fenster zum Nachbargrundstück, sondern ist auch nach innen zu den Kernzonen der Institutsräume hin verglast. Das Brandschutzglas, das hier verwendet wurde, ist teuer, aber gut investiert: Das Stiegenhaus wirkt hell und großzügig, und die Vorbeigehenden können einen Blick in die Kommunikationszonen ihrer Nachbarn werfen.

Aus- und Einblicke bestimmen auch die Fassade des Gebäudes, die eine Lücke zwischen zwei Gründerzeitbauten ausfüllt, deren Straßenfluchten in einem leichten Winkel zueinander stehen. Die neue Fassade greift beide Fluchten auf, nimmt sich aber in der Mitte die Freiheit, mit den Ebenen zu spielen und sie in verschiedenen Geschoßen schräg miteinander zu verschränken. Dieser Effekt macht die Fassade lebendig und einigermaßen verträglich zu den Nachbarn, die sie zwangsläufig an Höhe überragen muss. Mit kleinen Details – etwa einer gläsernen seitlichen Verkleidung über dem vierten Obergeschoß – wird den Baumassen Gewicht weggenommen, mit dem sie visuell das viergeschoßige Nachbargebäude erdrücken würden. Annähernd im Zentrum der Fassade zeigt eine über zwei Geschoße reichende Verglasung, dass es sich hier nicht um ein normales Bürogebäude handelt. Dahinter liegt eine Arbeits- und Aufenthaltszone für Studierende mit einem aufs absolute Minimum reduzierten, aber trotzdem effektvollen Luftraum, der zumindest einmal auch in den Bürogeschoßen eine höhere Vertikalspannung erzeugt.

Effektvoll ist außerdem die Oberfläche der geschlossenen Fassadenelemente. Es handelt sich um Fertigteile aus Sichtbeton mit einer speziell gestalteten, leicht buckeligen und sehr glatten Oberfläche, die je nach Licht ganz unterschiedlich zur Wirkung kommt: eine dezente graue Haut, die plötzlich lebendig wird, sobald direktes Sonnenlicht auf sie fällt. Ein halbes Jahr haben die Architekten an diesem Element gearbeitet und mit Materialien experimentiert, unter anderem mit einem neuartigen Leichtbeton, der ohne zusätzliche Wärmedämmung auskommt. Am Ende kam doch ein konventioneller Beton zum Einsatz, mit einer harten, wie poliert wirkenden Oberfläche.

Hinter der Oberfläche verbergen sich bei diesem Projekt zahlreiche Komplexitäten der Fundierung und Statik, die vom Tragwerksplaner Robert Schedler von FCP zu lösen waren. Es ist umso bemerkenswerter, dass das Gebäude im geplanten Kosten- und Zeitrahmen errichtet wurde. Das Zusammenspiel von Bundesimmobiliengesellschaft als Bauherr, den universitären Nutzern und den Architekten und Fachplanern hat hier offensichtlich gut funktioniert.

Wer von den Universitäten Innovation einfordert, muss ihnen auch Raum und Personal geben. Dass sich die Politik im Moment vorsichtig der Tatsache zu stellen beginnt, dass das Missverhältnis zwischen Ressourcen und Studierenden in vielen Studienrichtungen untragbar ist, darf als positives Zeichen gewertet werden. Mit einem Plan in Richtung Studienplatzfinanzierung und der Ankündigung, in stark nachgefragten Studien wie Wirtschaftswissenschaften und Architektur sofort knapp 100 neue Professuren zu schaffen, sind zumindest erste Schritte gesetzt. Es bleibt zu hoffen, dass die Geldgeber in den Ministerien die Finanzkrise nicht zum Anlass nehmen, billige Lösungen einzufordern, wo kreative, nachhaltige und damit letztlich preiswerte gefragt sind. ■

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.11.2012)