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Architektur: Rücksprung ist Vorsprung

06.12.2012 | 18:52 |  NIKOLA GUMHOLD (Die Presse)

Gestaffelt, getreppt, verschachtelt: Ein Haus, das in mehrere Baukörper gegliedert ist, bietet Platzvorteile und optischen Gewinn. Die klare Form hält sich.

Das Wort „Schachtel“ hören Architekten gar nicht gerne. Und doch ergeben Häuser mit Vor- und Rücksprüngen oder in gestaffelter Bauweise genau dieses Bild. Aufeinandergesetzt, zueinander gedreht oder verschoben bieten „Schachteln“ allerdings eine spannende Ästhetik – und bauliche Vorteile. „Die Form entsteht immer aus den Gegebenheiten, die man vorfindet. Was möchte der Nutzer? Was sagt die Bauordnung? Daraus entwickelt man das bestmögliche Konzept“, meint Architektin Marianne Durig. Bebauungsbestimmungen machten etwa beim „HausH“ in Klosterneuburg (Gemeinschaftsprojekt mit Gerald Prenner) eine Staffelung des Gebäudes notwendig, auch in der Höhe gab es unterschiedliche Abstandsbestimmungen zu berücksichtigen. Nun umfasst das Haus drei Ebenen in einer extremen Hanglage auf einem sehr schmalen Grundstück.

Beim Stapeln und Verschachteln ortet auch der oberösterreichische Architekt Michael Haderer mehr Gestaltungsraum: „Man kann durch die Auskragungen einen natürlichen Sonnenschutz schaffen, wo sonst Jalousien oder andere Beschattung nötig wären. Es gibt Platz für Schutzfunktionen und für überdachte Terrassen oder Garagenplätze.“ Rückspringende Geschoße erleichtern den Entwurf mitunter. Soll ein Haus in Hanglage zur Talseite nicht zu groß erscheinen, eigne sich diese Form, so Haderer.

 

Eine Schachtel, ein Bereich

„Durch die Gliederung kann das Volumen leichter wirken, das ist aber kein Rezept, das generell anwendbar ist,“ meint auch Architekt Dimiter Karaivanov. Manchmal werden die einzelnen Schachteln bestimmten Funktionen und Bereichen zugeteilt, aber „ineinander übergehende Räume widersprechen einer funktionellen Gliederung nicht“. Bei seinem „HausS“ in Niederösterreich etwa sind die Wohnbereiche nach Stockwerken gegliedert: Der Eingang befindet sich auf der mittleren von drei Ebenen und führt direkt in einen offenen Wohn/Ess-Küchenraum. Die Garageneinfahrt liegt auf der gleichen Ebene. Ein Wirtschaftsraum dient als Schleuse zwischen Garage und Küche. „Die Bereiche sind in sich sehr klar, das Esszimmer und die Küche zusammen ergeben fast ein Quadrat, die Räume sind kompakt angelegt“, erläutert der Architekt. Die Räume für die Eltern im obersten Geschoß sind als schlichter Baukörper angelegt: Büro, Schlafzimmer, Garderobe, Bad. Eine 40 Quadratmeter große Dachterrasse ergänzt den Elternbereich, im Untergeschoß wohnen die Kinder.

Von Architektin Durigs „HausH“ sieht man von der Straße aus hingegen nur ein Geschoß mit einem Carport. Auf dieser Seite neigt sich die Fassade, und die darunter liegenden Stockwerke staffeln sich den Hang hinunter. Im mittleren öffnet sich ein großer offener Wohn-/Essraum mit frei positionierter Küche. Im untersten sind die Schlafräume für Kinder und Eltern, Bäder und Technik untergebracht, die Terrassen wurde hofartig in den Hang eingeschnitten.

Auch das „Haus CIM“ von Haderer zeigt sich klar strukturiert: Im Norden kommt der Keller aus dem Hang heraus, und das Gebäude erscheint drei-, im Süden zweigeschoßig. „Wir haben den oberen Baukörper um 90 Grad gedreht, damit die drei Stockwerke nicht zu dominant wirken. Im Süden entstand durch die Drehung der Geschoße eine riesige gedeckte Terrasse“, erklärt der Architekt. Im Keller finden sich Garage und Eingangsbereich, im Erdgeschoß eine Wohnebene und ein Büro, im Obergeschoß Schlafräume und Bad.

So attraktiv Schachteln sind – die Baukosten und der Energieaufwand für die Heizung können höher sein. Haderer räumt ein, dass bei größerer Oberfläche nach außen ein Zusatzaufwand in der Wärmedämmung nötig wird. Energietechnisch birgt die größere Oberfläche eines gegliederten Baukörpers einen gewissen Nachteil, „dafür können optimale Verbindungen zur Umgebung geschaffen werden“, wiegt Karaivanov auf. Und nicht zwingend müssen diese Bauformen ein Flachdach haben, meint Durig: „Eine Schachtel kann auch einen schrägen Deckel haben. Ebenso dürfen Wände schräg sein – der rechte Winkel kann ja eine große Einschränkung darstellen.“

Bleiben die Schachteln mit Kanten und Ecken? Haderer bestätigt die Entwicklung in der Architektur weg von den ganz klaren Linien – hin zu „Freiformen“, zum Organischen. Doch die reduzierte Sprache bleibt, Tradition seit der Moderne. Sie ist nach wie vor gefragt – auch weil sie, so Karaivanov, „frei von Nostalgie“ ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2012)