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Arbeitsplatz wird Urlaubswelt

21.12.2012 | 17:15 | Von Christian Lenoble (Die Presse)

Das klassische Büro wird in den nächsten 20 Jahren langsam von der Bildfläche verschwinden, prognostizieren Experten, die Work-Life-Balance gestärkt.

Was sind die Megatrends in Gesellschaft, Business und Technologie, und wie wirken sich diese auf die modernen Arbeitswelten aus? Mit diesen Fragen beschäftigt sich das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). „Durch die demografische Entwicklung entsteht eine hohe Diversität in den Unternehmen: Junge und Alte, Frauen und Männer, unterschiedliche Kulturen, Religionen und Lebensanschauungen. Die Anforderungen der jungen Talente verändern sich. Ein interessanter Job und gutes Arbeitsklima bekommen den Vorrang vor rein finanziellen Motiven. Und die sogenannten Digital Natives stellen völlig neue Ansprüche an Kommunikation und Mobilität“, skizziert IAO-Institutsleiter Wilhelm Bauer den Wandel.

Homeworking und Coworking


Flexibilität heißt das Zauberwort der modernen Arbeitswelt. An erster Stelle steht das wachsende Interesse an flexiblen Arbeitsformen. Laut Umfrage des deutschen Hightechverbandes Bitkom arbeiten nur 30 Prozent der Erwerbstätigen lieber vom Büro aus. 58 Prozent wünschen sich hingegen flexiblere Arbeitsbedingungen: 37 Prozent der Berufstätigen würden gerne an einigen Tagen in der Woche und weitere 20 Prozent sogar täglich von zu Hause arbeiten. „Künftig werden die Begriffe Arbeit und Leben mehr und mehr miteinander verschmelzen. Gelebte Work-Life-Balance wird zum Statussymbol und die Wahl des täglichen Arbeitsortes zur Regel“, so Bauer.

Erwerbstätige werden einmal im Büro des Unternehmens, einmal zu Hause und immer öfter in sogenannten Coworking-Zentren arbeiten, wo unterschiedliche Branchen zusammenkommen. Weltweit gibt es bereits an die 600 Coworking Spaces, die Arbeitsplätze und die Infrastruktur (Netzwerk, Drucker, Telefon, Beamer, Besprechungsräume) auf Tages-, Wochen- oder Monatsbasis zur Verfügung stellen. Tendenz stark steigend. Die Attraktivität liegt auf der Hand: Gebäude in Wohnungsnähe, in denen Menschen unterschiedlichster Berufe arbeiten, sind eine Lösung für jene, die weder Heimarbeit noch sinnfreies Pendeln von der Schlafstadt ins Büro mögen und einen kurzen Weg zu Wohnung und Familie bevorzugen. Das Arbeiten in einer heterogenen Gemeinschaft bringt neue Ideen und Projekte zutage. „Leben und vor allem arbeiten wird bunter“, bringt es Bauer auf den Punkt. Wenn Erwerbstätige individueller, flexibler und vernetzter werden, müssen Unternehmen darauf reagieren.

Offene Bürostrukturen


Gefordert sind multilokale Arbeitsmodelle für alle Beschäftigten, eine hyperflexible Arbeitsorganisation und die Bereitstellung leistungs- und innovationsfördernder Umgebungen. „Trotz Konkurrenz von Heimarbeit und Coworking-Zentren bleibt das unternehmenseigene Büro einer der wichtigsten Orte für Entscheidungen aller Art“, ist Hanns-Peter Cohn, CEO des Möbelherstellers Vitra, überzeugt. Was gut und funktional ist, bestimmen dabei vor allem kurze Entscheidungswege und Räume, die eine offene Kommunikationskultur fördern. „Man braucht mehr Platz für den öffentlichen Raum und Zonen, in denen man sich zum informellen Gespräch treffen oder einfach einen Moment ausruhen kann“, so Cohn. Open Space führt die Leute zusammen und schafft jenes Teamwork, das mehr Nutzen stiftet als die Arbeitssumme von Einzelkämpfern.
Mit den offenen Strukturen geht auch die Demokratisierung von Unternehmen einher. „Die Firmenhierarchie bildet sich in den Räumen ab. In einer modernen Organisation sollte der Vorgesetzte in einer Coachingfunktion mit seinen Mitarbeitern zusammen sein“, sagt Cohn und bringt das Facebook-Hauptquartier in Palo Alto als Beispiel. Dort hat niemand ein eigenes Büro und selbst der Chef, Mark Zuckerberg, werkt täglich an einem schlichten Schreibtisch inmitten seiner Angestellten. Dass Zuckerbergs einziges räumliches Privileg ein an drei Seiten verglaster und somit bestens einsehbarer Konferenzraum ist, steht symbolisch für das, was künftig als offene Kommunikationsphilosophie zum Regelfall werden könnte.

Direkte Kommunikationswege


„Das Büro wird sich immer mehr zur Kommunikationszentrale entwickeln, zu einem Ort, an dem die Begegnungsqualität im Vordergrund steht. Dabei wird sich das Kommunikationsverhalten noch stärker als heute von formalen zu informellen, direkten Kommunikationswegen entwickeln“, glaubt auch Ewald Stückler, Geschäftsführer von Techno Office Consult. Klassische Bürostrukturen werde es in 20 Jahren nicht mehr geben. Denn die Arbeit werde dann nicht mehr als Arbeit, sondern als Teil einer Lebenseinstellung empfunden, kombiniert mit der Idee der Work-Life-Balance. „Nennen wir es die Bürourlaubswelt“, so Stückler. Oder, wie Cohn dazu sagt: „Das Büro als Rundum-Sorglos-Paket!“


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