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Innsbruck als Möglichkeitsraum

29.12.2012 | 18:03 |  von Steffen Arora (Die Presse)

Chipperfield, Hadid und Perrault haben Innsbruck den Ruf einer Architekturstadt gesichert. Seine Vorreiterrolle verdankt Tirol aber innovativen Köpfen, die lokal agieren.

Innsbruck Moeglichkeitsraum

Die Kleinstadt Innsbruck wartet mit einer Dichte an Bauwerken weltberühmter Architekten auf, die ihresgleichen sucht. Im Süden ragt die von Zaha Hadid entworfene Bergiselschanze in den Himmel, auf dem Berghang gegenüber schuf die britische Stararchitektin mit der Nordkettenbahn ein neues Wahrzeichen für die selbst ernannte „Hauptstadt der Alpen“. Innsbrucks Flaniermeile, die Maria-Theresien-Straße, wird flankiert von Dominique Perraults Rathausgalerien und David Chipperfields Kaufhaus Tyrol. Die Lust an moderner Baukunst ist den Tirolern aber keineswegs in die Wiege gelegt, sondern das Ergebnis jahrzehntelanger Bewusstseinsbildung.

„Dank dieser Arbeit im Hintergrund gehört Architektur fix zum kulturellen Selbstverständnis“, erklärt Arno Ritter, der seit 1995 als Leiter des AUT („Architektur und Tirol“, vormals Architekturforum Tirol; Anm.) maßgeblichen Anteil an dieser Bewusstseinsbildung hat. Ritter nennt die Gründung der Fakultät für Bauingenieurwesen und Architektur an der Uni Innsbruck im Jahr 1969 als Initialzündung. Die Hochschule liefert bis heute die intellektuelle Basis. Unweit des AUT, in einer ehemaligen Brauerei im Zentrum Innsbrucks, befindet sich eine dieser avantgardistischen Denkfabriken. Im alten Stellwerk südlich des Innsbrucker Hauptbahnhofes befindet sich, fast schon ein wenig entrückt, das Hauptquartier von Columbosnext. Das Kollektiv besteht aus gut einem Dutzend Architekten und Künstlern, die der Antrieb eint, eine Knautschzone schaffen zu wollen, die zwischen Realität und Vorstellungswelt einen Raum für neue Ideen auftut.


Die Stadt als Experimentierfeld. Mit seinen architektonisch-künstlerischen Interventionen nutzt Columbosnext den urbanen Raum immer wieder neu, zeigt Möglichkeiten auf, die so zuvor nicht wahrgenommen worden sind, und schafft damit die Basis, Urbanität neu zu denken. Walter Prenner und Verena Rauch von Columbosnext sprechen von „Innsbruck als Möglichkeitsraum“, den sie mittels „kultureller Impfungen“ voll ausschöpfen wollen: „Die Stadt ist unser Experimentierfeld.“ Seit rund zehn Jahren arbeitet Columbosnext mit teils wechselnder Besetzung an dieser Neuinterpretation. Für Aufsehen sorgte 2008 die Installation „Ich will an den Inn“, eine 52 Meter lange Holzplattform, die sich mit der fehlenden Einbindung des Flusses in das Stadtleben beschäftigte. Die Vielfalt der Gruppe, die von Architekturstudenten gegründet wurde, ist ihr großes Potenzial. Ihr Fokus wechselt: Aktuell baut Columbosnext Einfamilienhäuser im Unterland, inszeniert die Oper Akhtamar und veranstaltet unter dem Titel „Kopfweh. Kein Wunder“ Clubbings.


Kampf ums Überleben am Inn. Neben Vorreitern wie Columbosnext wartet Tirols konventionelle Architekturszene mit 560 Unternehmen mit 1.720 Mitarbeitern auf. Wobei knapp die Hälfte davon Ein-Personen-Unternehmen sind. Das Überleben in der Branche ist nicht einfach, wie Martin Mutschlechner und Barbara Lanz vom Büro Stadtlabor bestätigen. Wie viele kleinere Büros haben die beiden Südtiroler daher ihre Nische gesucht. Mutschlechner ist Spezialist in Sachen Stadt- und Dorfentwicklung, Bauforscherin Lanz ist Expertin, was Bauen im Bestand betrifft.

„Der Platz ist für Architekten sehr eng, es gibt viele Büros. Aber es wird auch viel gebaut in Tirol“, so Mutschlechner. Und im Vergleich zum restlichen Österreich setzen Tiroler überdurchschnittlich oft auf innovative Architektur, selbst bei Einfamilienhäusern. Dennoch ortet Mutschlechner Defizite, was das wirtschaftliche Denken in der Architekturszene anbelangt. Auch bürokratische Hürden behindern den Innovationsprozess. Dabei wären Innsbruck und Tirol geradezu prädestiniert, neuen Ideen Raum zu geben, ist Mutschlechner überzeugt: „In einer Stadt mit der Größe von Wien kann man kaum selbst etwas bewegen. In Innsbruck hingegen ist es möglich, mit relativ wenig Mitteln und einem guten Netzwerk Projekte in Eigenregie anzukurbeln.“

Bester Beweis dafür ist die Tortenwerkstatt. Ein junges, 14-köpfiges Kollektiv von Architekturstudenten, das sich 2009 zusammentat und dabei die Vorzüge der Gruppenarbeit entdeckte. Mittlerweile hat das Kollektiv in einem Häuschen im Stadtteil Wilten einen Arbeitsraum geschaffen. „Wir kennen uns von den Kojen-Arbeitsplätzen auf der Uni“, erklären Mojo Reitter und Nikolaus Scorpik. Das Kollektiv versteht sich selbst als „flexible Einsatzgruppe, die nachhaltige und sinnvolle Architektur schaffen will“. Die Tortenwerkstatt ist in der Tradition von Columbosnext zu sehen. Die Universität ist ihre gemeinsame Basis, dort studieren die „Torten“ zum Teil sogar bei Lehrenden aus dem Columbosnext-Kolletiv.

Noch fehlt mangels abgeschlossenen Studiums zwar die Lizenz, um eigenständig Bauten abwickeln zu können. Dennoch machen die jungen Architekten bereits von sich reden. So zeichnete die Tortenwerkstatt für die StattStube, eine temporär bewohnbare Installation, die im Sommer 2012 im Zentrum von Innsbruck öffentlich zugänglich war, verantwortlich. „Innsbruck hat einen Hang zur Hardware-Architektur. Wir wollen in Zukunft vor allem Software-Architektur, die benutzbar ist und Mehrwert schafft, bauen“, erklären Reitter und Scorpik.


Kollektiv statt Konkurrenz.
Für AUT- Macher Arno Ritter ist die Tiroler Architekturszene eine lebendige, vielfältige Besonderheit. Waren Architekten früher Einzelkämpfer, so verstehen sie sich heute eher als Kollektiv, das auf destruktive Konkurrenz verzichtet. Für Ritter ist dies das Ergebnis einer langen Geschichte des gemeinsamen Willens zur Veränderung. Doch dieser Weg sei noch lange nicht zu Ende, sagt er.

Treibende Kräfte

AUT – Architektur und Tirol. Ein gemeinnütziger Verein, in dem Architekten, Vertreter von Land und Stadt, Uni und Kammer vertreten sind. www.aut.cc

Columbosnext: Das 14-köpfige, interdisziplinäre Kollektiv gilt als treibende Kraft in Tirols Szene. www.columbosnext.com

Stadtlabor: Barbara Lanz und Martin Mutschlechner erarbeiten Projekte, Pläne und Studien. www.stadtlabor.org

Tortenwerkstatt: Das Studentenkollektiv widmet sich eigenen Projekte und Netzwerkarbeit. www.tortenwerkstatt.net

("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.12.2012)