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Innovation: Wie viel Intelligenz braucht ein Haus?

11.01.2013 | 18:27 |  WOLFGANG POZSOGAR (Die Presse)

Günstige und einfach nutzbare Gadgets sollen den Einstieg in die Smart-Home-Technologie erleichtern. Welche Anwendungen sinnvoll sind, ist aber noch nicht ganz klar.

Smart Home

Für 259 Euro lässt sich erahnen, wie sich ein intelligentes Heim (Smart Home) anfühlen könnte: Das Ding nennt sich QGate, sieht aus wie ein Zwischenstecker und kann Geräusche, Temperatur und Helligkeit erfühlen, den Energieverbrauch messen und über ein Smartphone oder das Internet gecheckt werden. Mit der passenden App schlägt QGate etwa am Mobiltelefon Alarm, wenn die Temperatur in einem Raum unter einen bestimmten Wert sinkt oder die Oma nicht wie gewohnt morgens in der Küche ihr Frühstück zubereitet. Ebenso lassen sich damit Geräte ein- und ausschalten und verschiedenste Situationen im Haus überwachen. Und das Gadget sei noch ausbaufähig und könne künftig mit bis zu zehn Sensoren vernetzt werden, versichert Hersteller QGate Innovations. Ähnliche Produkte bieten seit Kurzem auch einige Energieversorger an. Wien Energie etwa verkauft Heizkörperthermostate, die sich von unterwegs steuern lassen, und die Kärntner Kelag hat sich die Website smarthome-austria.at registrieren lassen, auf der sie Geräte für die Haussteuerung, darunter Rauch- oder Bewegungsmelder, offeriert.

 

Was braucht der smarte Kunde wirklich?

Mit solchen relativ einfach zu nutzenden Elementen sollen offensichtlich mehr Konsumenten für das Smart Home begeistert werden. Denn eigentlich werden Lösungen zur Steuerung der Haustechnik über PC, Tablet oder Mobiltelefon schon seit mehr als einem Jahrzehnt angeboten. Diese hatten bisher allerdings die komplette Haustechnik, von der Heizung über die Beleuchtung bis hin zu den Jalousien und der Alarmanlage im Visier. Das macht diese Lösungen ziemlich teuer, weshalb die Smart-Home-Idee bislang vorwiegend im Luxussegment oder bei Technikfreaks realisiert wurde.

Parallel zu den „Smart-Home-Light-Lösungen“ versuchen potenzielle Anbieter zu eruieren, wie aufgeschlossen die Verbraucher gegenüber dieser Technik sind und welche Anwendungen sie tatsächlich interessieren. Der Verbund etwa hat im vergangenen Jahr 200 Pilotkunden verschiedene Anwendungen im eigenen Heim testen lassen. „Unser Ziel war es zu sehen, wie Ideen angenommen werden, um auf Basis dieser Erkenntnisse künftig Produkte für das Smart Home zu entwickeln“, berichtet Bertram Weiss, Projektleiter für Smart Energy beim Verbund. Sein Resümee von dem Pilotprojekt: „Will man Kunden gewinnen, müssen Smart-Home-Lösungen einen Mehrwert bieten.“ Einige Anwendungen will der Energieversorger noch heuer auf den Markt bringen.

Um Kundenwünsche der Bewohner geht es auch beim Forschungsprojekt Smart Living Lab von Wien Energie und Siemens in der Seestadt Aspern. „Wir wollen herausfinden, was die Menschen für den Umgang mit der intelligenten Stadt tatsächlich brauchen“, erklärt Gerhard Fiegel, Assistent im Vorstand der Wiener Stadtwerke über die Ziele des im heurigen Jahr startenden Projekts. Die Anbieter elektrischer Energie haben dabei allerdings einen Hintergedanken, und der heißt „Smart Meter“. Der wegen Kosten- und Datenschutzfragen diskutierte Stromzähler wird in den nächsten Jahren in sämtlichen heimischen Haushalten installiert. Nutzen für den Verbraucher bringt dieser nur in Verbindung mit Smart-Home-Lösungen – etwa, wenn die Tiefkühltruhe dann gestartet werden kann, wenn gerade günstiger Strom angeboten wird.

 

Wäschewaschen via Cloud

Auf Basis anderer Überlegungen setzen sich Telekommunikationsanbieter mit dem Thema auseinander. Sie wittern einen zukunftsträchtigen Markt, für den sie einiges an Know-how beisteuern können. T-Mobile etwa verweist auf die deutsche Mutter Telekom, die gemeinsam mit einer Reihe prominenter Unternehmen wie Miele und Samsung auf die Smart-Home-Plattform Qivicon setzt. Sie soll im Zusammenspiel mit verschiedenen cloud-basierten Funktionen zur Servicezentrale von Haus oder Wohnung werden. Neben Haushaltsgeräten, Medientechnik, Heizung oder Alarmanlagen werden auch Anwendungen im Gesundheitsbereich versprochen. Alle vernetzten Geräte sollen einfach mit Smartphone oder Tablet-PC bedient werden können. Erste marktreife Lösungen will man ebenfalls heuer präsentieren.

 

Zuspruch, aber auch Abwarten

2013 könnte sich also im Bereich Smart Home einiges tun. Die Marktchancen sind laut einer Studie der deutschen Capgemini-Consulting jedenfalls vielversprechend: Zwei Drittel der deutschen Online-Haushalte finden Smart-Home-Konzepte attraktiv, rund 84 Prozent aus dieser Gruppe sind bereit, dafür Geld auszugeben. Knackpunkt könnten aber Kosten und Handling sein: Heizung und Alarmanlage von unterwegs zu steuern, mag reizvoll klingen, aber die Dinge funktionieren bereits mit der lokalen Steuerung recht gut. Und Alarm auszulösen, wenn ein alter Mensch nach einem Sturz auf dem Boden liegt – an solch einer Lösung arbeiten diverse Forschungsgruppen –, hört sich ebenfalls sinnvoll an. Aber das lässt sich schon heute mit einem Heimnotruf (wie etwa vom Samariterbund) um wesentlich weniger Geld realisieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 12.01.2013)