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Die Kunst der Improvisation – 45 Etagen hoch

19.01.2013 | 18:39 |  von Norbert Philipp (Die Presse)

Den Torre David in Caracas machten die Menschen selbst zu ihrem Lebensraum: ein faszinierendes Beispiel für die Kraft der Selbstorganisation. Das Büro "Urban Think Tank" hat sie beobachtet.

Kunst Improvisation ndash Etagen

Sein Spiegelbild muss Caracas hier nicht fürchten: Dieser Turm hat keine Glasfassade. Als riesiger Scherbenhaufen liegt sie vor dem Haus. Die neuen Nutzer wollten natürliche Belüftung. Aircondition – das wäre etwas für die Krawattenträger in den Bürokojen gewesen. Hier sollten sie mit Zahlen und Geld jonglieren. Stattdessen stemmen nun die Bewohner ganz andere Dinge: jene Stahlteile, die die Aufzugfirma Schindler pünktlich lieferte. Und danach keiner mehr brauchte. Sie landeten schließlich unweit der Plattform, wo eigentlich die Helikopter einmal abheben hätten sollen. Dort liegt heute das improvisierte Fitnessstudio.

23Aufzüge sollten es insgesamt sein, im Komplex des „Centro Financiero Confinanzas“, in bester Zentrumslage. Italienischer Marmor sollte die unteren Etagen in einem Luxushotel überziehen. Das übernehmen jetzt Plastikplanen, Zelte, Ziegelmauern, wenn die neuen Bewohner ihre Territorien abstecken. Das Haus ist besetzt. Von Menschen, die mehr die Not antreibt als die Ideologie. Und das Haus funktioniert. Nur nicht so, wie es Architekturhandbücher und einbetonierte Vorstellungen es gern hätten: Das System der Abfallentsorgung, der Wasser- und Energieversorgung etwa, hat den Bewohnern kein Planer hineingelegt. Sondern sie selbst. Eine Machtdemonstration der Finanzkraft hätte der Turm werden sollen. Nun demonstriert er etwas anderes: die urbane Improvisationskunst und die Kraft der Selbstorganisation.


Informelle vertikale Community. „Das Gute ist, dass der Turm mit den Erwartungen bricht. Etwa mit der von Elendsvierteln und Slums. Oder auch von der, wie Wolkenkratzer funktionieren“, sagt Hubert Klumpner. Gemeinsam mit Alfredo Brillembourg leitet er das Büro „Urban Think Tank“ und den Lehrstuhl für Architektur und Urban Design an der ETH Zürich. Dieser Turm ist anders. Und er ist definitiv kein Slum, sagt Klumpner. Der „Torre David“, so heißt er heute, ist auch nur eine „Ruine“, wenn man als Immobilien-Developer auf ihn schaut. Sie zumindest sind mit ihrem Projekt gescheitert. Die Wirtschaftskrise war schuld. 1990 war Baubeginn. Und 1994 Ende. „Fertig“ machen ihn jetzt die neuen Nutzer, die Hausbesetzer. Sie gestalten die Typologie des Wolkenkratzers selbst dort, wo das Design der Architekten nie hineinreichte. „Meist erschöpft sich ja die Gestaltungsaufgabe bei Wolkenkratzern in der Fassade“, sagt Klumpner. Für die globale Einheitsarchitektur, die strikt nach Handbuch nicht zwischen Abu Dhabi, Chicago und Caracas unterscheidet.

Wie die Bewohner leben, regeln im „Torre David“, nicht die Architekten, sondern sie selbst. Und wie das funktioniert, hat sich „Urban Think Tank“ eineinhalb Jahre in einem Forschungsprojekt ganz genau angesehen, unterstützt hat es die ETH Zürich sowie Schindler Aufzüge. Sie wollten wissen, wie Vertikallogistik ausieht, dort, wo man nicht mehr dazukam, sie technisch zu installieren. Die Ergebnisse zeigt das Buch „Torre David“, das Klumpner kürzlich auf Einladung der Universität für Angewandte Kunst in Wien präsentiert hat.

Die Bewegung in der „vertikalen Community“ läuft über die Stiegenhäuser. Die horizontalen Straßen sind bunte Korridore, schön ordentlich übereinandergestapelt. Gezogen wurden sie noch mit dem Lineal der Planerhand. Die Barrios, die informellen Siedlungen, wuchern hingegen verschlungen und verwinkelt die Hügel hinauf, immer dem Zufall und der Willkür nach. 60 Prozent der „Caraquenos“ leben dort. Notdürftige Dächer und Ziegelwände stehen auf unsicherem Terrain. Rechtlich sowieso. Aber auch bedroht von Erdrutschen.

2007 waren wieder solche Tage in Venezuela. Regen ohne Ende. Ein paar Familien zogen durchs Stadtzentrum, suchten einen Ort, den der Regen nicht wegspülen kann. Sie klopften dort, wo seit Jahren nichts und niemand außer zwei Wachmännern und 45 Stockwerken hohe Leere war. Die Tür öffnete sich. Die Familien blieben. Und wurden immer mehr. Heute sind es rund 750, fast 3000 Menschen, die sich bis zum 28.Stock eingerichtet haben. So gut sie konnten. Und die Beobachtung von „Urban Think Tank“ beweist: Durch die Kraft der Selbstorganisation konnten sie es ganz ausgezeichnet.

„Eines der Dinge, die wir gelernt haben, während wir eineinhalb Jahre durch die Stockwerke gezogen sind: Soziale Organisation kann technische Einrichtungen ersetzen“, erzählt Klumpner. Beim Eingang schützt ein selbst installierter Sicherheitsdienst die Bewohner. Auf einem Basketball-Court fliegen die Bälle. Ein paar Etagen höher singt die Kirchengemeinde. Über mehrere Stockwerke verteilt reichen Kioske und kleinere Geschäfte Waren durch Löcher in der Wand. „Jede Etage hat auch einen eigenen Schlüssel, ein Community-Board, an dem Putzdienste und andere Informationen ausgehängt sind“, erzählt Andres Lepik, Leiter des Architekturmuseums der TU München. Er verfasste die Einleitung der Buchdokumentation „Torre David“. 2010 hat er im New Yorker MoMA die Ausstellung „Small Scale, Big Change: New Architectures of Social Engagement“ kuratiert. Das Feld, in dem „Urban Think Tank“ seit seiner Gründung tätig ist.


Interventionen. Dort, wo die Idealvorstellung der Städteplaner Lücken hat, schickt man gern die Eingreiftruppe hin: Die Architekten intervenieren auf dem verödeten Stadtplatz von Attnang-Puchheim genauso wie im Problemviertel auf den Hügeln von Medellin – „Social Design“, so wie es die Angewandte in Wien versteht, funktioniert wie „art as urban innovation“. Der künstlerische Leiter des gleichnamigen Masterstudiums Anton Falkeis hat „Urban Think Tank“ nach Wien geladen. Für die Installation „Torre David/Gran Horizonte“ – eine improvisierte venezolanische Arepa-Bar – haben sie bei der letztjährigen Architekturbiennale in Venedig den Goldenen Löwen bekommen.

Bis die urbane Wirkkraft von „Social Design“ so etwas wie „soziale Transformation“ in südamerikanischen Favelas auslösen kann, sind andere „Trigger“ am Zug. Intervention sieht dann so aus: schusssichere Weste, Marschbefehl. Und schnell wieder raus. Das heißt dann in Brasilien „Pacificacao“. Und erst danach gehen die Architekten mit ihren Projekten rein. Auch mit Seilbahnprojekten, wie etwa dem „Metrocable“, das „Urban Think Tank“ in Caracas realisiert haben – mit der Technik des österreichischen Unternehmens Dopplemayr. Seitdem gondeln die Bewohner des Barrios bequem hinunter ins Zentrum. Und wieder hinauf in die urbane Welt, die Filme wie „Slumdog Millionaire“ oder „City of God“ so erfolgreich romantisiert haben. Als Verbeugung vor den kreativen Überlebenskünsten der Bewohner.

„Wenn man intervenieren will, muss man wissen, wie die physische und soziale Struktur der Stadt funktioniert“, sagt Klumpner. Und Vertikallogistik ohne Aufzug, abseits von Stiegensteigen, das sieht im Torre David so aus: Im angrenzenden Parkhaus fahren Moped-Shuttles die Asphaltserpentinen auf und ab – und führen Mensch und Material zumindest bis zum zehnten Stockwerk.

Städtebauliche Lehren. Andreas Lepik skizziert eine mögliche Lektion aus dem Projekt: „Wie man beitragen kann, Strukturen zu schaffen, die schließlich von den Menschen fertig gebaut werden.“ Die Beobachtung des „Torre David“ regt zum Hinterfragen an. Etwa die Normen, die Architekten gern so selbstverständlich quer über kulturelle Kontexte um den Globus spannen: im Wohnbau etwa. Oder auch mit dem Modell „Hochhaus“: „Das Standardvokabular eines Wolkenkratzers gibt es hier nicht“, erklärt Klumpner. Es sei „ein radikaler Ausbrecher aus dem herkömmlichen Konzept“. Ein Ausnahmezustand. „Wir müssen uns fragen, welche Qualitäts-, Ressourcen- und Dichtestandards Städte wie Caracas brauchen. Denn diese sind die Regel. Und die unsrigen die Ausnahme.“

In Europa ist den Planern das Ungeplante ungeheuer. Und doch wollen manche Städte in Zukunft mehr davon sehen, Eigendynamik und Selbstorganisation mehr Raum und Flächen bieten. Doch als Vorzeigemodell für romantischen Hands-on-Urbanismus taugt der „Torre David“ dann doch nicht: „Man darf die Gestaltung der Stadt nicht den Menschen allein überlassen“, sagt Lepik. Und nicht allein den sprießenden Grass-Root-Bewegungen in europäischen Städten etwa die urbane Spielwiese übertragen. Beide Richtungen der Stadtentwicklungen, sagt Klumpner – „Top-down“ und „Bottom-up“ – müssten sich in der Mitte treffen. „Es geht darum, diese Initiativen zusammenzuführen.“ Die Architekten könnten dabei eine tragende soziale Rolle übernehmen. „Doch natürlich muss man auch als Architekt irgendwo wirtschaftlich andocken können“, sagt Klumpner. Vielleicht an den „Corporate Social Responsibility“-Strategien der Konzerne. „Es geht nicht darum, Seilbahnen in die Favelas hineinzuschmeißen. Die Herausforderung ist es, das Gebäude und die soziale Komponenten kongruent in einem Projekt übereinanderzulegen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2013)