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Dachlawinen: Schneenasen gegen Schneebretter

25.01.2013 | 16:19 |  Von Erich Ebenkofler (Die Presse)

Schneit es erst und taut es dann, droht Gefahr von oben. Ohne Schutzmaßnahmen kann es für den Hausbesitzer teuer werden.

Schauplatz Raaber-Bahn-Gasse in Wien-Favoriten am vergangenen Freitagabend: Ein Einsatzwagen der Feuerwehr versperrt die Gasse, Bänder markieren eine Sicherheitszone, auf der ausgefahrenen Leiter turnen im Dachbereich eines Gründerzeitbaus mehrere Einsatzkräfte herum. Als es kurz nach 21 Uhr ein dumpfes „Ruuumpps“ gibt, wird schnell klar: Hier geht es nicht um einen Brandeinsatz, sondern um das kontrollierte Auslösen einer Dachlawine.

Servicevertrag vom Spengler

Solche Bilder waren in den vergangenen Tagen öfter zu sehen, am Bahnhof Wien-Mitte etwa oder im vierten Bezirk, wo die Schneemassen auf dem Dach der Paulanerkirche ins Rutschen kamen. Täglich an die hundert zusätzliche Einsätze verzeichnet die Wiener Feuerwehr in diesen Tagen, um Gebäude von überhängenden Schneelasten zu befreien, berichtet Sprecher Gerald Schimpf. Die meisten beträfen öffentliche Gebäude, zuweilen – bei Gefahr in Verzug – schreiten die Florianijünger aber auch bei privaten Liegenschaften ein.
„Solche Einsätze sind für den Liegenschaftsbesitzer dann je nach Aufwand mit Kosten verbunden“, sagt Schimpf.

In der Regel müssen sich Private allerdings selbst um ihre Dächer kümmern. Viele Spenglerbetriebe bieten zu diesem Zweck eigene Serviceverträge an, die die Entfernung von überhängenden Schneewächten oder Eiszapfen miteinschließen. Ohne Vertrag bleibt nur die individuelle Suche nach einem freien Fachmann oder man schreitet selbst zur Tat. Eingeschränkter sind die Zusatzservices, mit denen Hausbetreuungen wie Attensam werben: Diese überprüfen im Rahmen einer „Tauwetterkontrolle“ per Sichtkontakt Dachränder, sichern die Straße gegebenenfalls mit Warnstangen, und verständigen die Hausverwaltung.

Gratis sind zwar auch diese Dienstleistungen nicht, wesentlich höhere Kosten können allerdings entstehen, wenn gar nichts geschieht. Othmar Berner, Bundesinnungsmeister der Dachdecker, Glaser und Spengler, berichtet von einem Fall in Kitzbühel, bei dem fünf Autos der Luxusklasse von einer Dachlawine begraben wurden. „Wenn in einem solchen Fall dem Liegenschaftsinhaber Fahrlässigkeit nachgewiesen wird, und die Versicherung den Schaden nicht übernimmt, kann es teuer werden.“

Eigentümer haftet für Schäden

„Kommt es zu Sach- oder Personenschäden durch herabstürzende Dachlawinen, haftet der Eigentümer“, bestätigt Erich Bata von der Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt in Wien. Festgeschrieben ist dies in Paragraf 93 der Straßenverkehrsordnung (StVO), die die Eigentümer von Liegenschaften in Ortsgebieten nicht nur dazu verpflichtet, Gehwege oder Stiegenanlagen von Schnee zu säubern, sondern auch dafür zu sorgen, „dass Schneewächten oder Eisbildungen von den Dächern ihrer an der Straße gelegenen Gebäude entfernt werden“, wie es darin heißt. „Das Anbringen von Warnstangen oder Schildern entbindet von dieser Pflicht nicht“, betont Bata.

Im Rahmen diverser Bauordnungen und Normen geregelt sind auch die Präventionsmaßnahmen. Um das unkontrollierte Abrutschen des Schnees zu verhindern, müssen  auf den Dächern spezielle Schutzvorrichtungen angebracht werden. „Wie diese beschaffen sind, hängt von der durchschnittlichen Schneemenge und der Dachneigung eines Gebäudes ab“, erklärt Bundesinnungsmeister Berner. Zur Beurteilung stehen dem Fachmann hierfür spezielle, landesweite Schnee- oder Zonenkarten zur Verfügung, aus denen er ersehen kann, welche Systeme in einem Gebiet vorgesehen sind.

Grundsätzlich werden drei Arten unterschieden: Dachfang-, Dachhalte- und Einzelnasensysteme. Bei Dachfang- und Dachhaltesystemen handelt es sich um gitterartige Barrieren, die in der Regel im Traufenbereich angebracht sind und sich in ihrer Höhe unterscheiden. Schneenasen hingegen sind punktförmig verteilte Elemente, die an den Ziegeln befestigt werden und den Schnee in der Fläche festhalten sollen. Bei großen, steilen oder glatten Dächern kommen oft mehrreihige Barrieren zum Einsatz, die mit Schneenasen kombiniert werden.

Trittstufen und Laufstege

Wie genau solche Dach-Schneeschutzeinrichtungen ausgeführt sein müssen, ist seit 2010 in der ÖNORM B 3418 geregelt. Sie gilt, unabhängig von der jeweiligen Dacheindeckung, für alle Dächer mit einer Neigung von bis zu 60 Grad. Um Arbeitsunfälle bei Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten zu vermeiden, sind zudem entsprechende Sicherheitsvorrichtungen wie Trittstufen, Laufstege mit Geländer oder Anschlageinrichtungen verpflichtend vorgeschrieben.

„Die ÖNORM bildet den aktuellen Stand der Technik ab. Damit ist man auch bei einem Versicherungsfall auf der sicheren Seite, wenn trotz aller Vorsorgemaßnahmen doch einmal etwas passiert“, so Berner. Denn gänzlich verhindern lassen sich Dachlawinen nicht. „Bei einer Schneehöhe von 20 bis 30 Zentimetern kann es – ähnlich wie bei Lawinen – zu Schichtabrutschen kommen. Da bieten selbst die besten Barrieren nur einen begrenzten Schutz“, warnt der Experte.

Auf einen Blick
Paragraf 93 der StVO verpflichtet die Hauseigentümer nicht nur zur Räumung von Gehsteigen, sondern auch zur Entfernung von Schneewächten und Eiszapfen auf den Dächern.
Die ÖNORM B 3418 gilt als Leitfaden für Planung und Ausführung von Dach-Schneeschutzsystemen. Zu beachten sind dabei auch die Bauordnungen der einzelnen Bundesländer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.01.2013)