Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentare Artikel senden Senden

Baustoff: Beton, weit besser als sein Ruf

08.02.2013 | 18:24 |  von wolfgang Pozsogar (Die Presse)

Bei der Schall- und Wärmedämmung schneidet Beton heute überraschend gut ab. Planer schätzen zudem die Formbarkeit und Möglichkeiten des Materials.

Baustoff Beton weit besser

Wer ökologisch bauen will, denkt vermutlich zuletzt an den Einsatz von Beton. Dabei meinen Vertreter der Zementindustrie, dass sie einen absolut natürlichen Baustoff liefern: Zement, Kalkstein, Ton, Gesteinskörnungen und Wasser sind die Zutaten für dieses Baumaterial. Den natürlichen Rohstoffen steht aber ein ökologischer Makel entgegen: Zement wird bei sehr hohen Temperaturen gebrannt und ist mit beträchtlichem Energieeinsatz und wiederum hohen CO2-Emissionen verbunden. „Natürlich erfordert das Brennen einen gewissen Energieaufwand, auf der anderen Seite haben wir aber einen massiven Baustoff, der durch seine Verwendung Energie einsparen kann“, entgegnet Felix Papsch von der Vereinigung der Österreichischen Zementindustrie.

Dass sich mit Beton energiesparend bauen lässt, meinen heute selbst jene, für die das Thema Ökologie im Vordergrund steht. Helmut Schöberl etwa, Baumeister und Diplomingenieur, ist Spezialist für Passivbauten und Plusenergiegebäude. Er hält Beton für gut geeignet: „Die große Speichermasse trägt zu konstanten Temperaturen bei. Im Winter bleibt es in solchen Häusern angenehm warm, im Sommer angenehm kühl.“ Der für energiesparende Bauten notwendige hohe Wärmeschutz lässt sich bei der Betonbauweise problemlos realisieren, so Schöberl: Eine 18 bis 20 Zentimeter starke Betonaußenwand mit 30 Zentimeter Wärmedämmung unterschreitet bereits die für Passivhäuser geforderten Wärmedämmwerte.

 

Lautes Image

Bauphysiker betonen außerdem die schalldämmenden Eigenschaften von Beton. „Während bei Leichtbaustoffen Zusatzmaßnahmen nötig sind, um eine entsprechende Schalldämmung zu erreichen, habe ich hier ausreichend Masse“, erklärt Schöberl. Dass der Baustoff gerade bei Schall- und Wärmedämmung oft noch einen schlechten Ruf hat, erklärt er aus Fehlern der Vergangenheit: „Sowohl der Wärme- als auch der Schallschutz waren in den 1950er- und 1960er-Jahren, als die Betonbauweise boomte, ganz untergeordnete Themen.“

 

Wasser zirkuliert, Luft nicht

Gerade im Passivhausbereich bietet Beton einen weiteren Vorteil: Fußböden, Wände und Decken lassen sich zum Heizen und Kühlen nützen. Bei der Betonkernaktivierung werden Rohre, in denen Wasser zirkuliert, in den Boden, die Wände oder die Decken einbetoniert. Im Winter wird über diese Kreisläufe mit niedrigen Temperaturen geheizt, im Sommer dagegen gekühlt. Anton Ferle von Blitzblau Architektur ist überzeugt, dass diese Technologie mit minimalem Energieeinsatz mehr Behaglichkeit als eine Klimaanlage bringt: „Die von den großen Flächen ausstrahlende Temperatur empfinden die Bewohner meist als sehr angenehm. Es gibt auch keine unangenehme Luftzirkulation wie bei einer konventioneller Heizung oder Kühlung.“

Ferle hat bereits 80 Häuser mit Betonkernaktivierung für seine Kunden errichtet. Bei seinem eigenen Haus in den Weinbergen von Langenlois nutzte er ebenfalls diese Möglichkeit. Im Hangbereich ließ er vier Meter hohe Betonwände errichten, die wie die Bodenplatte thermisch aktiviert sind. Die Außenwände wurden in Sandwichbauweise gefertigt und bestehen aus 20 Zentimeter Stahlbeton sowie 20 Zentimeter Wärmedämmung, die außen von einer acht Zentimeter starken Vorsatzschale aus Beton geschützt wird. Mit dieser Konstruktion erreichte der Baumeister den Wärmedämmwert eines Passivhauses und schuf zusätzlich einen guten Temperaturspeicher. „Bis spät in den Herbst müssen wir die Heizung kein einziges Mal aufdrehen“, erzählt er. Die funktionellen Betonwände kombinierte Ferle mit „natürlichen“ Materialien. So finden sich vorn im Haus Holzriegelwände mit Lehmputzplatten. Der Grund: „Lehm sorgt für optimalen Feuchtigkeitsausgleich. Obwohl wir eine automatische Wohnraumlüftung haben, gibt es im Winter nie Probleme mit zu trockener Luft“, meint er. Beton setzt in seinem Haus auch architektonische Akzente. Im Badezimmer etwa sind die Wände aus Sichtbeton, der Betonboden im Wohnzimmer wurde eingefärbt und wirkt dadurch auch wohnlich – ein Belag ist nicht notwendig.

Geschätzt werden die Gestaltungsmöglichkeiten, die sich durch die Kombination von Beton mit anderen Werkstoffen wie Holz oder Glas ergeben. Auch die Formbarkeit des Baustoffs selbst ist ein Grund, warum Planer Beton mehr schätzen als die meisten Bauherren, meint Ferle: „Vor allem wenn das Budget eine untergeordnete Rolle spielt, bietet Beton nahezu grenzenlose Möglichkeiten, um formal außergewöhnliche Bauten zu realisieren.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2013)