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Architekturfotografie: Bilder einer Baustelle

02.08.2013 | 15:55 |  von Madeleine Napetschnig (Die Presse)

Auch Kabelbündel und Mischmaschinen können ein Bildmotiv sein. Nicht nur edle Lobbies und aufregende Fassaden.

Auf einer Baustelle: Die Präsidentensuite im künftigen Park Hyatt.

Mit Architekturfotografie kommt der Betrachter meist erst in Kontakt, wenn das Objekt finalisiert aus den Medien strahlt, sobald es vorgestellt und vermarktet wird. Und erst recht, wenn an ihm ein außergewöhnlicher baukünstlerischer Wert festgestellt wird. Selten aber sieht man viele Bilder aus jenen Bauphasen, in denen die Betonmischer herumstehen, die Kabelbündel von den Decken baumeln und mehrheitsfähige Popmusik aus dem zementbespritzten Radio plätschert. Was sie eigentlich immer tut, wenn der Rohbau erledigt ist und die Innenausbauer ans Werk gehen, wie Ludger Wälken, Projektleiter der Signa-Baustelle am Hof – für das zukünftige „Park Hyatt“ – erzählt.

Regelmäßig kommt Gregor Titze ins goldenen Quartier, um fotografisch einzufangen, wie der Umbau des mächtigen Gebäudes Formen annimmt. Seine Aufgabe ist natürlich nicht die zu dokumentieren, wo genau welche Leitungen verlegt und welche Platten verfugt worden sind, das geschieht ohnedies. Vielmehr sollen die Bilder atmosphärisch den Prozess beschreiben, der hier voranschreitet – und später vielleicht zu einem Buch werden: die Restaurierung der Prunkräume und Zugänge, die Freilegung unerwarteter Schätze wie etwa Dekofresken an der Decken, die Verwandlung von einstigen Bankerbüros in moderne Hotelsuiten, die kleinteiligen Arbeiten der Kunsthandwerker und die großen, die man noch stemmen muss. „Die Presse“ konnte vor Kurzem mit dabei sein, mit Bauhelm und festen Schuhen die abgeriegelte Baustelle betreten, die man vom Gastgarten des Schwarzen Kameels aus so gut und gern observieren kann.

„Wir haben im wahrsten Sinn des Wortes einen Hoffotografen“, grinst Wälken und weist dort und da auf ein Detail, das vielleicht ins Bild kommen sollte: die Zierelemente an der Fassade, „wir haben sie aufgehoben und wieder eingesetzt“, oder die Decken des feudalen Kassensaals. Oder die großen Kastenfenster, die hundert Jahre unbeschadet überlebt haben und saniert wieder eingesetzt werden. Oder die Rippen der einst sehr fortschrittlichen Eisenbetondecke. Während er dort und da in die zeitliche Tiefe der späthistoristisch-jugendstilgeprägten Architektur hinweist, hat Titze schon sein Stativ aufgebaut und mit seiner Architekturkamera, die stürzende Linie korrigieren kann, ein paar atmosphärische Aufnahmen gemacht: Baugerüste von unten, Architekturdetails, grafisch anmutende Flächen. Beleuchtung hat Titze bewusst keine mit: „Ich hab das Licht am liebsten so, wie ich es gerade vorfinde.“ Wann immer es geht, arbeitet der Fotograf mit natürlichem Licht, und wenn nötig sehr langen Belichtungen – die es vor allem bei Shootings in der Dämmerung oder Nacht braucht.

Stil und Freiheit

Wie viel kreative freie Hand die Auftraggeber dem Fotografen- und Produktionsteam lassen, hängt oft von der Fachkenntnis und vom Vertrauen der Kunden ab. „Die größte Arbeit ist eigentlich die, herauszufinden, was der Kunde will“, meinen Titze und die Fotoproduzentin Michaela Fidanzia. Und manchmal muss ein Auftraggeber – meist in Gestalt eines größeren Immobilienentwicklers – überzeugt werden, dass ein bewölkter Himmel vielleicht der spannendere Ansicht ist als der strahlend blaue, Schatten manchmal auch lang sein dürfen. Oder dass ein reportartiger Zugang im speziellen Fall der angemessenere sein könnte: also die Arbeiter und Baubewegungen zu sehen sind, die Baustelle auch in der Nachbearbeitung nicht gesäubert wird, Container und Schutt nicht per Photoshop verschwinden müssen.

Manchmal erfordert die Arbeit am Objekt auch einigen Mut – so erzählt Fidanzia von ihrem Einsatz über den Dächern des goldenen Quartiers, als sie ein Shooting von ganz oben übernahm und in den wackligen Baustellenkorb klettern musste.

Bereits finalisiert und in elegante Imagebilder übersetzt ist das Immobilienprojekt ein paar Ecken weiter in der Wiener City: Das Bürohaus „Fleischmarkt eins“, das über weitere Bauteile nach hinten verfügt, strahlt nach umfassender Sanierung in neuem Glanz. Allein schon die Fassade, die viel mehr nach London aussieht als nach Wien. Oder „auch vergleichbar mit Venedig ist – unten leicht, oben schwer“, meint Thomas Belina, Prokurist von Amisola, über die Stahlstruktur und die besonderen alten Elemente. Bei den Bildern, die Titze hier im Inneren, der noblen Lobby und im Stiegenhaus, gemacht hat, ließ ihm der Auftraggeber freie Hand. So vermitteln die Fotos vor allem die exklusive Materialität vor Ort: die glänzenden dunkelbraunen Kacheln, die polierte schwarze Decke, die aufwendige Jugendstilverglasung am Lift, die Chairs in der Lounge. Bruchlos erkennt man darin das Zusammentreffen von historischem Bestand und moderner Fortschreibung. „Es sollte möglich plastisch wirken“, sagt Titze.

Damit die Atmosphäre und auch das Image einer solchen Büroadresse im Bild erlebbar werden, braucht es Zeit vor Ort – damit zuerst einmal die kleine Kamera erfasst, was möglich ist und man beobachten kann, wann das beste Licht zum Fotografieren da ist. Und danach vielleicht auch ins Bild setzen kann, wie das Leben rund um das Objekt pulsiert.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.08.2013)