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Kleingarten: Ideen wachsen im Grünen

13.09.2013 | 18:34 |  von wolfgang Pozsogar (Die Presse)

50 Quadratmeter Baufläche sind genug, um Schrebergarten-Knusperhäuschen in moderne Einfamilienhäuser zu verwandeln.

Ideen wachsen Gruenen

Der Traum des Städters vom Wohnen im Grünen: Wilhelm Wohatschek kennt ihn nur zu gut. Er ist als Präsident des Zentralverbandes der Kleingärtner und Siedler Österreichs für einen großen Teil der Wiener Schrebergärten verantwortlich – und bei ihm langen Anmeldungen von Menschen ein, die auf der Suche nach verfügbaren Objekten sind. Der Andrang ist groß, die Chancen, bald im eigenen Häuschen leben zu können, gering: „Wir haben mehr bei als 1000 Anmeldungen aufgehört, weitere anzunehmen“, sagt Wohatschek. Auch bei den Kleingartenvereinen selbst übersteigt die Nachfrage das Angebot bei Weitem.

Grund für das Ungleichgewicht: Es gibt derzeit in Wien keine Neuwidmungen für Kleingärten, obwohl die notwendigen Flächen dazu vorhanden wären. Andererseits haben sich die einstigen Schrebergärten in den letzten Jahrzehnten als attraktive Wohnalternativen etabliert. In vielen Kleingärten finden sich heute schmucke Häuschen, die das ganze Jahr über bewohnbar sind und auch ausreichend Platz für Familien bieten. Fast ein Viertel der 30.000 Wiener Kleingärten ist für ganzjähriges Wohnen gewidmet. Diese Umwidmung soll in den kommenden Jahren forciert werden. Dort dürfen – im Gegensatz zum klassischen Kleingartengebiet, wo nur 35 Quadratmeter verbaubar sind – immerhin 50 Quadratmeter zum Bauen genützt werden, wobei man zwei Geschoße sowie ein Kellergeschoß errichten kann.

Auf dieser Fläche lässt sich bereits anspruchsvolle Architektur realisieren. Das beweist etwa der Wiener Architekt Christian Prasser mit einigen Projekten: „Fläche und Höhe des Baukörpers sind zwar limitiert, dafür werden bei der Gestaltung mehr Freiheiten geboten als beim Bauen im Wohngebiet“, erzählt der Architekt. Mit einigen planerischen Kniffen gelingt es ihm beispielsweise, ein „Kleingartenhaus“ für eine dreiköpfige Familie zu bauen, das von Form und Wohnkomfort viele gängige Einfamilienhäuser übertrifft.

 

Schlank durch Holz

Der Planer setzte bei diesem Projekt auf das Baumaterial Holz: „Damit lassen sich die schlanksten Wandkonstruktionen realisieren, was wiederum einen Gewinn an Nutzfläche bringt.“ Die Beschränkung in der Raumhöhe wird durch Verglasungen vom Fußboden bis zur Decke ausgeglichen, wodurch der Raum großzügiger wirkt. Kleine Einschränkungen gibt's bei der Ökologie: Ein Passivhaus hat nach Prassers Meinung auf 50 Quadratmetern Baufläche wenig Sinn, einerseits wegen der notwendigen Wandstärke für die Dämmung, „aber auch die Leitungen für die kontrollierte Wohnraumbelüftung lassen sich bei geringen Decken- und Wandstärken nicht realisieren.“

Abweichungen von den Bebauungsvorschriften, die sich von Bundesland zu Bundesland leicht unterscheiden, werden im Kleingarten meist strenger kontrolliert als bei normalen Wohnbauten. Ein großer Teil der Anzeigen bei der Baupolizei kommt nämlich – die andere Seite des Kleingartenidylls – von den Nachbarn. Das gibt auch Wiens oberster Kleingärtner, Wilhelm Wohatschek, zu: „Man darf aber nicht verallgemeinern, es sind immer Einzelne, meist Leute, die selbst schon Probleme mit der Baupolizei gehabt haben und jetzt andere anschwärzen.“

Die Baupolizei geht bei Verstößen konsequent vor und lässt sich nicht auf Kompromisse ein: „Die Bauordnung lässt nicht einmal Toleranzen zu, es muss immer eine gesetzeskonforme Lösung gefunden werden“, sagt Hannes Kirschner, bei der Wiener Baupolizei der Spezialist für Kleingärten. Aufgrund der komplexen Bebauungsvorschriften – neben klassischen Kleingärten und Kleingärten für ganzjähriges Wohnen gibt es noch Gartensiedlungen, wo im Schnitt sogar 80 Quadratmeter Grundfläche verbaut werden dürfen – rät Kirschner sowohl beim Kauf eines Kleingartenhauses als auch beim Neubau sich über die Bebauungsvorschriften genau zu informieren.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2013)