Höher, urbaner, charmanter

13.01.2017 | 16:36 |  Michael Loibner (Die Presse)

Wohntürme. Das Leben im Hochhaus hat in Österreich wenig Tradition. Doch das urbane Lebensgefühl verlagert sich auch in Wien auf immer höhere Ebenen – ganz wörtlich genommen.

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Wohnen auf höchsten Niveau – damit werben zahlreiche Wolkenkratzerprojekte, die die Wiener Skyline neu definieren und Wohngefühl à la New York an die Donau holen wollen. Zahlreiche Bauvorhaben sind derzeit entweder in Planung oder wachsen bereits bis zu 160 Meter in den Himmel.
Dass man beim Wohnbau seit einigen Jahren verstärkt in die Höhe expandiert statt in die Breite und Hochhäuser nicht mehr ausschließlich als Bürotürme konzipiert, hat einerseits einen pragmatischen Grund: Laut Expertenschätzungen wird Wien spätestens im Jahr 2030 die Zwei-Millionen-Einwohner-Grenze überschreiten, was einen Bedarf von rund 120.000 neuen Wohnungen bedeutet. Und da Grundstücke teuer sind, versucht man eben, so viele Wohneinheiten wie möglich auf dem vorhandenen Areal zu realisieren. Dazu kommt, dass die Ansprüche steigen: Fand der Wiener vor 50 Jahren noch mit 22 Quadratmetern Wohnraum das Auslangen, so benötigt er laut „Statistik-Journal 2016“ nunmehr durchschnittlich 35 Quadratmeter Platz.

Internationale Urbanität

Zum anderen orten viele Investoren einen neuen Trend. Für Claus Stadler, Geschäftsführer von Strauss & Partner, dessen 65 Meter hohes My Sky mit 229 Wohnungen sowie einem integrierten Studentenheim am Monte Laa demnächst die Gleichenfeier begeht, ist das Wohnen im Hochhaus Teil eines Lifestyles, der von Schlagwörtern wie Internationalität, Modernität und Urbanität geprägt ist. Das „Wohngefühl Hochhaus“, wie es in Städten wie New York das Lebensbild definiert, halte nun in der Donaumetropole Einzug, stellt auch Rafaela Reiter von der Soravia Group fest.
Mit Argumenten von einst wie etwa einer guten Anbindung an den (öffentlichen) Verkehr und der leichten Erreichbarkeit von Einkaufszentren allein lockt man anno 2017 allerdings kaum Kunden – obgleich beispielsweise der grüne Erholungsraum in unmittelbarer Nähe sehr wohl einen Mehrwert darstelle, wie man seitens Soravia betont. Deren drei ab dem Jahr 2020 bewohnbare 100-Meter-Türme des Triiiple liegen zwischen Donaukanal und Prater, die 160 Meter hohen, nicht unumstrittenen Danube Flats mit 520 Wohnungen, ab 2019 der höchste Wohnturm Österreichs, direkt am Fluss.

Zusatzangebote wie in Siedlung

Ein Wohnhochhaus muss heute aber weit mehr bieten. „Die hausinternen Zusatzangebote müssen stimmen“, weiß Reinhold Oblak von der IES Immobilienprojektentwicklung GmbH. Deren Marina Tower am Donaukanal mit Baustart im Frühjahr wird deshalb auf 130 Metern nicht nur 640 Wohnungen unterbringen, sondern auch einen eigenen Kindergarten und ein Fitnesscenter. Mit solchen Services wollen auch andere Projekte wie das Triiiple oder das Hoch 33 der Erste Immobilien AG am Monte Laa punkten.
Swimmingpool auf dem Dach, Kaffeehaus und Co. sind beinahe schon selbstverständlich. Und sie haben auch einen Zweck jenseits des Entspannens: Sie sollen die Anonymität aufheben. Denn mit dem Makel des anonymen Nebeneinanderlebens, das für Wohntürme früherer Jahrzehnte kennzeichnend war, soll beim Hochhauswohnen aufgeräumt werden, etwa mit turminternen Treffpunkten. „Hier können sich die Bewohner treffen, da verzichten wir gern auf ein paar Wohneinheiten“, sagt Oblak. „Außerdem ist ein Hochhaus von der Bewohnerzahl mit einer großflächigen Verbauung vergleichbar“, und dort würde man ja auch nicht auf Grünraum, Treffpunkte und Kinderbetreuungseinrichtungen verzichten. „Urbanes braucht die menschliche Komponente“, pflichtet Stadler bei. Manche Projekte werben daher auch mit einem speziellen Conciergeservice.
Für solche Zusatzleistungen müssen die Interessenten freilich in die Tasche greifen, wobei grundsätzlich gilt: Je näher die Etage dem Himmel, desto höher sind auch die Quadratmeterpreise. Da wird für den freien Blick über die Stadt, den die vielfach raumhohen Fenster und die dem Wind architektonisch geschickt entzogenen Terrassen bieten, mitbezahlt. Quadratmeterpreise von rund 4000 Euro sind Standard. 9000 Euro, etwa im Penthouse des Marina Tower, bilden den Preisplafond. Günstiger wohnt sich's in den untersten Stockwerken, wo viele Anbieter Mietwohnungen eingeplant haben. Andere wieder verzichten auf das Luxussegment, wie etwa die Premium Immobilien AG, die neben dem Millennium Tower einen 145-Meter-Turm mit rund 800 Wohnungen hochziehen will und dafür demnächst den Architektenwettbewerb ausschreibt. Sprecherin Nicole Wallmann: „Die Nachfrage in diesem Bereich ist ja bei Weitem nicht gedeckt.“

Eigenwillige Architektur

Im Gegensatz zu den Wohnblöcken des vorigen Jahrhunderts ist man bei den Hochhäusern jetzt auch um architektonisch gefällige und mitunter auch eigenwillige Lösungen bemüht. Die Parkapartments am Belvedere von Signa Real Estate Management (346 Wohnungen, Fertigstellung 2018) kommen nach Plänen des Italieners Renzo Piano auf Stelzen daher, der 110 Meter hohe „Turm mit Taille“ der Bauträger Austria Immobilien GmbH, entworfen vom holländischen Büro MVRDV, scheint sich im schmalen Mittelteil um die eigene Achse zu winden. Beim Triiiple hat man für die Außenflächen eigens einen Landschaftsplaner engagiert. Schließlich gilt es vor allem bei zentrumsnahen Projekten auch auf den Weltkulturerbestatus der Innenstadt Bedacht zu nehmen. Ob die Unesco etwa die noch im Jänner einzureichenden Unterlagen für das redimensionierte Luxuswohnungenprojekt am Heumarkt akzeptieren wird, wird sich zeigen.

Auf einen Blick

Wohnen im Hochhaus wird salonfähig: Aus der Not, viel Wohnraum auf wenig Platz schaffen zu müssen, machen viele Investoren eine Tugend und errichten Wolkenkratzer nicht als Bürotürme, sondern zu Wohnzwecken. Anstelle der anonymen Wohnburgen von einst setzt man aber 2017 auf architektonisch stilvolle Akzente und Zusatzleistungen wie Infrastruktur oder Conciergeservice. Zielgruppe ist vor allem die obere Mittelschicht, dazu kommen Angebote im Luxussegment, und auch für gestützte Mietwohnungen ist in den unteren Etagen der Wohntürme Platz.

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