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Wohnen, wo man einst badete

07.07.2017 | 15:15 |  Von Erich Ebenkofler (Die Presse)

Baugeschichte. In Wien Meidling wurde ein stillgelegtes Tröpferlbad in ein Wohnhaus mit 21 Einheiten umgewandelt. Die Sanierung wurde mit dem Stadterneuerungspreis 2017 bedacht.

Rundum erneuert: Ehemaliges Tröpferlbad mit 21 neuen Wohnungen.
Rundum erneuert: Ehemaliges Tröpferlbad mit 21 neuen Wohnungen. / Bild: (c) Lichtbildkultur Martin Schlager/ proportion.at 

Es wird derzeit viel abgerissen und neu gebaut in Wien. Dass es dabei zu keinen Exzessen kommt, darüber wacht das Bundesdenkmalamt, das wertvolle Bausubstanz unter seinen besonderen Schutz stellt. Eines dieser Gebäude ist ein in den Jahren 1924 bis 1926 nach den Plänen des Stadtbaumeisters Josef Bittner erbautes ehemaliges Tröpferlbad in der Ratschkygasse 26 in Wien Meidling. „Tröpferlbäder waren die erweiterten Badezimmer der Wiener in der Zwischen- und Nachkriegszeit“, erläutert Wolfgang Mayr vom Architekturbüro proportion.at. „Es gab Duschen, Badewannen und oft sogar eine Sauna.“

Strenge Auflagen

Architekt Mayr und sein Partner Thomas Köstler sind wesentlich verantwortlich dafür, dass eine der letzten dieser Badeanstalten in neuem Glanz erstrahlt. Als Gebäude, wenn auch nicht in seiner ursprünglichen Funktion als Tröpferlbad. Die Planer wurden von der Eigentümergesellschaft Pan Consult, die das Haus 2012 von der Stadt Wien erworben hatte, vor die Aufgabe gestellt, ein Konzept für den Umbau in ein Wohnhaus zu entwerfen – da war es fast eine Ruine. „Einzig das Stiegenhaus war noch gut erhalten“, erzählt Mayr. Fast zehn Jahre war das seit 1993 unter Denkmalschutz stehende Gebäude bereits leer gestanden. „Wir sind zwar auf Sanierungen von Altbauten spezialisiert, aber in diesem Fall schien die Aufgabe nahezu unlösbar“, blickt Mayr zurück.
Die Umwidmung in ein Wohngebäude war dabei noch das geringste Problem. Doch wie die strengen Bauvorschriften mit den mindestens ebenso strengen Vorgaben des Bundesdenkmalamtes unter einen Hut bringen? „Da war viel Hirnschmalz und Kreativität nötig“, erzählt Mayr mit Verweis darauf, dass der Denkmalschutz bis auf wenige Ausnahmen im Eingangsbereich keine Eingriffe in die massive Bausubstanz zulassen wollte. Als besondere Herausforderung erwiesen sich die bestehenden Fensteröffnungen: Die kleinen schlitzförmigen Fenster ließen nicht genügend Licht in die geplanten Wohneinheiten. „Daran wäre das Projekt fast gescheitert“, berichtet der Architekt. Die Straßenfassade musste in ihrem originären Zustand erhalten bleiben, und auch die Hoffassade war in der ursprünglichen Version der Flächenwidmung unantastbar. „Nach intensiven Verhandlungen mit Magistrat und Bundesdenkmalamt konnten wir aber eine Erweiterung unseres Planungskonzeptes erwirken, die es uns ermöglichte, die vorhandenen Oberlichten der Hoffassade um französische Fenster zu ergänzen.“ Im Straßentrakt mussten die Architekten jedoch einige Kompromisse in Kauf nehmen: „Mangels Fenstern konnten einige großzügige Gangbereiche nicht in die neuen Wohnungen inkorporiert werden und sind im Grunde jetzt funktionslos“, so Mayr. Nicht verändert werden durfte auch der repräsentative Haupteingang. Dieser musste – offiziell aus Gründen der Barrierefreiheit – in den Seitentrakt verlegt werden. Grundsätzlich kann sich Mayr über die Zusammenarbeit mit den Behörden aber nicht beschweren. „Am Anfang war es ein vorsichtiges Aneinandertasten. Mit viel Detail- und Überzeugungsarbeit haben wir dann aber doch das eine oder andere Gentleman's Agreement erreicht“, zwinkert er.

Jede Wohnung individuell

Ohne größere Beschränkungen konnte der Dachausbau angegangen werden. Ein früher ungenutzter Bereich, „von fast kathedraler Anmutung“, kommt Mayr ins Schwärmen. Die hölzerne Dachkonstruktion wurde aus statischen Gründen abgetragen und durch eine Stahlkonstruktion ersetzt. Zusätzlicher Wohnraum und Platz für Freiflächen konnten durch zwei seitliche Zubauten gewonnen werden. „Insgesamt haben wir uns von den bestehenden Gegebenheiten leiten lassen und uns Wohnung für Wohnung vorgetastet. Daher ist jede von ihnen ganz individuell geworden – mit allen Vor- und Nachteilen, die ein Altbau zu bieten hat. Das heißt: Entweder man mag es, oder eben nicht.“
Die Mieter mögen es offenbar: „Mir sind bisher noch keine Beschwerden zu Ohren gekommen“, schmunzelt Mayr. Gefallen an der Ausführung fand auch die Jury des Wiener Stadterneuerungspreises. Diese würdigte ausdrücklich die „innovative Planung“ von proportion.at sowie die „meisterhafte Bauausführung“ der Hazet Bauunternehmung und kürte das Projekt zu ihrem diesjährigen Sieger.

Zum Objekt

Das unter Denkmalschutz stehende städtische Tröpferlbad in der Ratschkygasse 26 wurde als eines der letzten seiner Art im Jahr 2006 geschlossen. 2012 wurde es von einer Eigentümergesellschaft erworben und nach den Plänen des Architekturbüros proportion.at in eine Wohnanlage mit 21 Wohnungen umgewandelt. Der originale Bauzustand wurde dabei so fachgerecht restauriert, dass das Projekt den diesjährigen Wiener Stadterneuerungspreis erhielt. www.proportion.at