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Büros für immer

23.01.2018 | 17:44 |  von Elisabeth Postl (Die Presse)

Lebensraum, Identifikationsfläche, Arbeitslabor: Büros müssen flexibler werden, um den Ansprüchen der in ihnen Arbeitenden gerecht zu werden – auch auf lange Sicht. Was macht ein Büro nachhaltig fit für die Zukunft der Arbeit?

Erste Campus der Erste Bank in Wien.
Erste Campus der Erste Bank in Wien. / Bild: (c) Christian Wind 

Ein gewöhnlicher Arbeitstag be­ginnt, wie bei so vielen Menschen, für Ursula Kuntner mit ihrer ID-Karte. Sie zieht sie durch die Sicherheitschleuse und steigt in den Lift. Danach geht sie zu ihrem „Locker“, ihrem Schließfach, in ihrer „Homebase“, und das klingt nach Turnsaal, doch Kuntner arbeitet nicht als Sportlehrerin, sondern in der Human-Resources-Abteilung der Erste Group.

In dieser Funktion hat Kuntner auch mitgeholfen, die „transition“ für ihre 4500 Kollegen von 18 Einzelstandorten hin zur gemeinsamen Konzernzentrale so einfach wie möglich zu gestalten. Der Erste Campus im entstehenden Wiener (Büro-)Viertel Quartier Belvedere, dem Dreieck zwischen Schweizergarten, neuem Hauptbahnhof und dem Nordende Wien-Favoritens, ist nun besiedelt; im März zogen die letzten Mitarbeiter der Bankengruppe ein. Und die müssen sich nun zum Arbeiten in ihren „Homebases“ einfinden. So heißen die Stockwerke mit Büros am Erste Campus. Dort, vor ihren Spinden, wechseln sie ihre Taschen und Rucksäcke gegen kleine Filzboxen, gefüllt mit den Arbeitsunterlagen („und meistens einer Trinkflasche“, sagt Kuntner) und machen sich auf die Suche nach einem Arbeitsplatz – am Fenster? In einer Ruhezone? Auf einem Gruppentisch?

 (c) Christian Wind Ein Headquarter mit Ausblick – am Erste Campus der Erste Bank in Wien gibt es für jeden der Mitarbeiter gleich gute Arbeitsplätze . . .

(c) Christian Wind Ein Headquarter mit Ausblick – am Erste Campus der Erste Bank in Wien gibt es für jeden der Mitarbeiter gleich gute Arbeitsplätze . . .

Was wird in 20 Jahren sein?

Soweit nichts Neues, könnte man sagen. Neu sind allerdings die Erfahrungen, von denen Kuntner als Ansprechperson für ihre Kollegen in puncto Umzug bereits berichten kann. „Wir geben uns eine Frist von sechs Monaten, in der sich alle an die Veränderungen gewöhnen sollen“, berichtet Kuntner, vor­sichtshalber. Denn nicht alle Mitarbeiter der Bankengruppe sind bislang zufrieden mit dem neuen System der freien Platzwahl – Kreativität und Vielfalt bedeuten für manche zu viel Auswahl, zu wenig Fokus für andere.Der Erste Campus entspricht mit seiner aktuellen Organisation somit dem, was seit ein paar Jahren propagiert wird: Offenheit, Flexibilität, das heißt auch Vertrauen und zumindest räumliche Hierarchiefreiheit. Das betrifft die Konzernstruktur, in weiterer Folge auch die Arbeitsergebnisse; nach drei Monaten in der neuen Struktur sagen Kuntners Kollegen, dass vor allem die kurzen Wege zu wesentlich unkomplizierterer Kommunikation führen. Wie sich der Rest entwickelt? Darauf sind am Erste Campus alle gespannt, Kuntner ist die Zukunft betreffend jedenfalls recht optimistisch, der Übergang sei immerhin seit September 2013 geplant worden, mit Seminaren, Probebüros, Testläufen, Ausmisttagen, Coachings: „So ein Umzug ist etwas höchst Emotionales.“

Das Gebäude, in dem die kurzen Wege im Unternehmen entstanden sind, wurde vom Architekturbüro Henke Schreieck geplant. Und der Anspruch dort sagt etwas Wesentliches aus über das, was zukünftig in Büros passieren wird. „Was das sein wird, wissen wir ja nicht“, sagt Marta Schreieck, „und deswegen müssen die Gebäude so flexibel wie möglich gebaut sein.“

Wenn also in 20 Jahren Einzelbüros wieder in Mode kommen sollten, will man bei Henke Schreieck garantieren, dass das dann ebenfalls funktioniert – in derselben Hülle. Nachhaltigkeit bedeutet hier, so zu planen, dass im Inneren alles möglich bleibt. Die Rigipswand aufziehen, wieder abreißen, Datenkabel verlegen, austauschen. „Der Raum, der entsteht, muss alles können“, sagt die Architektin. „Es muss alles integriert werden können. Die Planung darf nicht auf das eine aktuelle Modell der Arbeitsweltgestaltung abzielen.“

(c) Christian Wind . . . und zu Arbeitsbeginn wird dort der Laptop aus dem Schließfach geholt. Mitarbeiter suchen ihren Arbeitsplatz danach frei aus.

(c) Christian Wind . . . und zu Arbeitsbeginn wird dort der Laptop aus dem Schließfach geholt. Mitarbeiter suchen ihren Arbeitsplatz danach frei aus.

Elemente, die Henke Schreieck beim Erste Campus eingeplant haben, dienen dabei dem Wohlfühlen im Büro – gute Lichtverhältnisse etwa, keine Fenster zu dunklen Innenhöfen, der 8000 Quadratmeter große Park, die einzelnen Garten- und Grünflächen am Gelände, die Infrastruktur mit Cafés und öffentlichen Plätzen. „Die Einrichtung ist quasi das Projekt im Projekt“, meint Schreieck, „die Architektur eines Bürogebäudes erfüllt eine andere Aufgabe: die Sicherung der Flexibilität.“

Ganz ähnlich sieht das auch der Immobilienentwickler Ernst Machart. Der Vorstandsvorsitzende der Wiener IWS TownTown AG baut gerade mit seinem Unternehmen einen Büroturm, den man Orbi-Tower getauft hat – nach seiner Grundform, die heißt auf Englisch nämlich orbiform, dreieckig abgerundet. Der Orbi-Tower soll den aktuellsten Stand der viel propagierten „New World of Work“ widerspiegeln, dafür haben Machart und Michael Bartz, Professor an der FH Krems mit eben diesem Spezialzweig, ein Positionspapier verfasst. Und darin steht vor allem: Die Bürogebäude der nächsten Generation müssen flexibel sein. „Eine Glaskugel habe ich leider nicht. Aber stellen Sie sich vor: Vor 20 Jahren hatten wir keine E-Mails, keine Mobiltelefone, wir hatten gerade einmal ein Faxgerät. Die Menschen hatten keine Ahnung von Computern. Und wo stehen wir heute?“, sagt Machart.

 

Der Krieg um Talente

Aus der Vergangenheit lernen, sozusagen. Wobei die Vergangenheit nicht den Blick ­auf zukünftige Büroarbeitergenerationen ver­­klären sollte. An diese denkt Machart im Speziellen, wenn er an neue Arbeitsweltgestaltung denkt. „Ich selbst bin ein Mitglied der Babyboomergeneration. Von uns gibt es viele. Doch die nächste Generation ist wesentlich kleiner. Um es martialisch auszudrücken: Uns steht ein ‚War for Talent‘ bevor.“ Ein Krieg um die besten Mitarbeiter also. „Und um attraktiv zu sein für die Besten müssen Unternehmen auch eine passende Kultur mitbringen, eine offene. Dafür braucht man Raum.“ Mit dem Orbi-Tower zielt Macharts IWS TownTown auf jene Mieter ab, die sich kein großes Headquarter wie die Erste Group leisten können – aber attraktiv bleiben wollen. Der Vermietungsgrad, rund ein Jahr vor der geplanten Eröffnung des Turms im dritten Wiener Gemeindebezirk, liegt bei 40 Prozent. Die Mieter: einerseits die Wiener Stadtwerke, unter anderem mit einem integrierten, unternehmenseigenen Start-up, andererseits ein Co-Working-Space-Anbieter. Ein wichtiger Punkt für den Bauherren in puncto jener Flexibilität: „Da kann man als Büronachbar Räume dazumieten, wenn man sie braucht: einen Arbeitsplatz für drei Monate, ein Besprechungszimmer für zwei Stunden, eine Eventlocation für einen Tag.“

(c) ZOOM visual project gmbh Der Wiener Orbi-Tower will auch kleineren Betrieben die Möglichkeit geben, ein Büro von morgen zu betreiben. Einzugstermin: Sommer 2017.

(c) ZOOM visual project gmbh Der Wiener Orbi-Tower will auch kleineren Betrieben die Möglichkeit geben, ein Büro von morgen zu betreiben. Einzugstermin: Sommer 2017.

Ein Gedankenspiel, das Thomas Fundneider nachvollziehen kann. „Büroflächen werden tendenziell kleiner werden“, sagt der Unternehmensberater, der mit seiner Agentur The Living Core Firmen hilft, Organisationsstrukturen anzupassen, zu modernisieren, zu transformieren. Er spricht von Beispielen aus Asien: „Dort schrumpfen die Headquarters in den großen Städten.“ Die Mitarbeiter würden aus dem Homeoffice heraus arbeiten oder externe Strukturen wie Co-Working-Spaces nutzen: „Die Leute ersparen sich damit das anstrengende Pendeln.“ Firmen müssten sich auch darum kümmern, dass die Identifikation der Mitarbeiter mit der Marke funk­tioniere. Das gelinge mit regelmäßigen Firmenevents.

 

Im Klostergang

Und Fundneider besinnt sich hier doch auf die Vergangenheit. Das ideale moderne Firmengebäude, sagt er, sei nämlich die Klosteranlage. Das Alleinsein, die Ruhe, die Nähe zur Natur, halböffentliche Räume wie der Klostergang, Gemeinschaftsaktivitäten wie Essen (oder Beten) und das Arbeiten in der Bibliothek: „Das ist einerseits ein Zusammenwachsen von privatem und beruflichem Leben. Es geht darum, persönliche Erfüllung zu finden, und das sollte ja auch heute so sein“, sagt Fundneider. „Andererseits: Geht man ins Kloster, geht man in ein bestimmtes, aus einem bestimmten Grund.“ Und die Räume eines Unternehmens sollen Platz für genau diesen bestimmten Grund schaffen.