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Coworking und künstliche Intelligenz: Wohin die Reise geht

06.10.2017 | 09:28 |  von Walter Senk (Die Presse)

Arbeitsformen wie Coworking, aber auch Entwicklungen wie künstliche Intelligenz stellen neue Herausforderungen an Immobilien, Facility Management und an die Gesellschaft.

Bild: (c) Die Presse (Clemens Fabry) 

Coworking-Spaces und künstliche Intelligenz treiben die Büroentwicklung voran. Was gestern galt, gilt heute nicht mehr, und was heute gilt, ist morgen passé. Wie viel Quadratmeter Arbeitsplatz benötigen wir? 16 waren es vor ein paar Jahren, jetzt sind es zehn. Das ist ungefähr die durchschnittliche Größe, die Coworking-Anbieter derzeit auf dem Wiener Markt suchen.

„Ich bin ein Verfechter dafür, dass sich die Arbeitswelt verändert“, sagt dazu Immobilienexperte Georg Spiegelfeld, Geschäftsführer von Spiegelfeld Immobilien. „Es wird hoffentlich dazu kommen, dass die Leute selbständiger werden und kreativ ihre Arbeit machen. Warum muss ich eine bestimmte Zeit im Büro sitzen? Warum wird mir vorgegeben, wann ich auf Urlaub gehen kann?“ Die Menschen müssten flexibler werden und für Spiegelfeld haben die laufenden Veränderungen daher noch einen anderen Aspekt: „Sie dienen eigentlich dazu, dass sich die Menschen aus einer Form der Bevormundung befreien.“

Und das kann schneller gehen, als wir glauben. „Im Jahr 2020 werden 40 Prozent der Beschäftigten als Einzelunternehmer arbeiten“, ist Alexi Marmot überzeugt. Sie ist Professorin für Facility and Environment Management und Head der Bartlett School of Graduate Studies. „Das bedeutet weitreichende Veränderungen auch in der benötigten Infrastruktur und den Services.“

Bei Coworking beispielsweise geht es eben nicht nur darum, möglichst vielen Menschen auf einer bestimmten Fläche einen Büroplatz zu bieten, sondern auch, ein bestimmtes Lebensgefühl zu schaffen. Nicht um Quadratmeter geht‘s, sondern um Platz für ein Netzwerk und eine Community. Für Stefan Rief, Leiter Competence Center Workspace Innovation beim Fraunhofer Institut, steht der eigentliche Siegeszug des Coworkings im Grunde erst bevor. Nach den Anbietern von Bürogemeinschaften gehe der nächste Schub von den Unternehmen aus. Das Interesse der Unternehmen, kreative Potenziale in ihren Belegschaften zu fördern, nehme spürbar zu, meint er. Und damit auch die Bereitschaft, solche Modelle in ihren verschiedenen Spielarten zu erproben.

 

Coworking für alle?

„Die Möglichkeiten reichen von der temporären Anmietung von Projektflächen für eigene Teams bis hin zu Coworking mit Dienstleistern und Entwicklungspartnern“, so Rief. Aber möchten das die Coworker auch? Alexander Redlein, Professor für Facility Management an der TU Wien gibt zu bedenken: „Das mit dem Arbeitsplatz ist so eine Sache. Für einen Teil der Generation Y ist der Arbeitsplatz nicht so wichtig, weil ihre Vertreter oft im Team arbeiten“, so der Experte. Aber ein anderer Teil sage, sie hätten Angst vor der Zukunft und wollten Sicherheit. Und die ist eben mit einem Arbeitsplatz verbunden.“

So wie Coworking verändert auch künstliche Intelligenz unsere Arbeitswelten. „Wir erzeugen Terabytes an Daten und auch genügend Trash, aber wenn man künstliche Intelligenz oder Algorithmen darüber setzt, werden Muster und Zusammenhänge erkennbar. Jetzt ist es am Menschen, die entsprechenden Entscheidungen zu fällen“, sagt Redlein. Sogenannte „Selflearning Systems“ durchleuchten die Messdaten und leiten daraus Ergebnisse ab, die nur umgesetzt werden müssen. Damit lasse sich etwa ein Bedarf feststellen und entsprechend kann im Unternehmen darauf reagiert werden.

 

Wo sind die Grenzen?

Wenn es in einem Bürohaus zum Beispiel 200 Arbeitsplätze gibt, aber immer nur 80 Prozent der Mitarbeiter anwesend sind, ist es durchaus sinnvoll, hier Optimierungen vorzunehmen. Vor allem besteht mit künstlicher Intelligenz die Möglichkeit des „Service on Demand“ oder einer Reorganisation im laufenden Betrieb. Die Grenzen liegen hier nicht in der Technik, sondern im Gesetz – oder in der Ethik. So kann ein Rauchmelder einfach zu einem Präsenzmelder umfunktioniert werden. Damit lässt sich nicht nur die Nutzung der Räume, sondern auch die Anwesenheit der Personen feststellen. Daher gibt Redlein zu bedenken: „Wenn sich – wie es in einigen Unternehmen in den USA gehandhabt wird – unter jedem Sessel ein Sensor befindet, mit dem man feststellen kann, wie lange dieser besetzt ist und von wem, dann sind das Dinge, die man nach österreichischem Arbeitsrecht nicht machen darf und die auch moralisch sehr bedenklich sind.“ Und selbst der TU-Professor, der sich mit diesen Themen intensiv beschäftigt, meint: „Es ist sehr schwer vorauszusagen, wohin die Reise geht.“