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Arbeitsraum reloaded

23.01.2018 | 17:42 |  von Maria Schoiswohl (Die Presse)

Flexibel, modern, wohnlich: Unsere Büros müssen vielen Ansprüchen genügen. Künftig geht es bei der Gestaltung viel um Individualisierung und Wellbeing.

Der Anspruch nach mehr Wohnlichkeit am Arbeitsplatz verändert Möbeltypologien: Die Wohnzimmercouch mutiert zum Meeting Place.
Der Anspruch nach mehr Wohnlichkeit am Arbeitsplatz verändert Möbeltypologien: Die Wohnzimmercouch mutiert zum Meeting Place. / Bild: (c) Vitra  

Ein modernes Büro ist heute ein summender Bienenstock, in dem sich die Person für ihre Aufgabe den passenden Platz suchen kann. Stehend, sitzend, liegend, laufend wird gearbeitet. Vollzeit, Teilzeit, projektbezogen. Der Kollege telefoniert, die Kollegin recherchiert, der Chef hat ein Meeting. Der eine liegt am Sofa, die nächste steht am Kaffeetisch, der dritte sitzt im Fokusraum hinter einer mobilen Wand. Gleichzeitig. Im selben Raum. Mit 40 weiteren Mitarbeitenden. Wer dazu noch Großraumbüro sagt, ist in den 70er-Jahren stecken geblieben, wer Open Office sagt, Anfang der Nullerjahre. „Wir kreieren offene, aktivitätsbasierte Arbeitsstrukturen“, sagt Martin Lesjak. „Zonen, die ineinander fließen.“ Er ist Designer, Architekt und Geschäftsführer des Architekturbüros Innocad aus Graz. Für seine Arbeit erhält er fast im Jahrestakt Auszeichnungen, zum Kundenkreis zählen sowohl die ÖBB und die Volksbank Südtirol als auch Microsoft und Samsung. „Die Veränderung, die wir in den letzten zehn Jahren im Arbeitsbereich sehen, hat ihren Auslöser in der Veränderung der Kommunikationstechnologie“, sagt Lesjak. Klare Sache, mobile Devices haben unser Leben grundlegend verändert – Arbeitende vom ortsgebundenen Arbeitsplatz befreit. „Die Arbeit ist, wo ich bin“ heißt die Realität.

(c) Vitra  Das Alcove-Sove von Vitra schafft als mikroarchitektonisches Element einen Raum im Raum – für Besprechungen oder solitäre Arbeit.

(c) Vitra  Das Alcove-Sove von Vitra schafft als mikroarchitektonisches Element einen Raum im Raum – für Besprechungen oder solitäre Arbeit.

Werken im Wohnbüro

Statt fix eingerichteter Büros für wenige gibt es variabel gestaltbare Social Hubs für viele. Start-ups, EPUs, Großkonzerne – sie teilen sich den Platz. Die Vorteile liegen auf der Hand: Für die Kleinen ist gemeinsame Infrastruktur günstiger, die Großen sparen Geld aufgrund des geringeren Flächenbedarfs, Stichwort: „mobile working“. Die Kommunikationswege werden für Kollaborationen kürzer, die Arbeit für Kollegen effizienter. Die unmittelbare Nähe, ohne massive bauliche Barrieren, fördert den sozialen Kontakt untereinander. Die offene Gestaltung kreiert ein modernes Image. Das ist vor allem für die Großen ein wesentlicher Punkt im steten „War of Talents“: Die Attraktivität beim Arbeitnehmer steigt auch durch die zeitgemäß designte Arbeitsumgebung. „Vor allem junge Arbeitnehmer verstehen den Arbeitsplatz als eigenen Wert“, sagt Eckart Maise, Chief Design Officer von Vitra. Das Unternehmen beschäftigt sich seit über 50 Jahren mit dem Büro und arbeitet mit dem Erste Campus der Erste Group in Wien, für die Niederlassung der IATA in Genf oder jene von Deloitte in Amsterdam.

(c) Paul Ott Das Grazer Architekturbüro Innocad gestaltete das Creative Lab der ÖBB in Wien als offenen, flexiblen und multifunktionalen Raum.

(c) Paul Ott Das Grazer Architekturbüro Innocad gestaltete das Creative Lab der ÖBB in Wien als offenen, flexiblen und multifunktionalen Raum.

Potenziale entfalten

Produktivität und Wohlbefinden soll das Office fördern, und natürlich die Unternehmensidentität transportieren. Gleichzeitig sei ein wohnlicher Ort, „ein Ort an dem man gern ist und nicht nur gern arbeitet“, gefragt, sagt Maise. „Wenn sich der Mensch an seinem Arbeitsplatz wohlfühlt, ist er eher bereit, sein ganzes Potenzial zu entfalten, hat Freude an seiner Tätigkeit, ist leistungsfähiger und kreativer“, sagt Andrea Steinegger, Referentin der Österreichischen Möbelindustrie. Die Berufsgruppe des Fachverbandes der Holzindustrie vereint 50 heimische Betriebe.

Luft, Licht, Temperatur, Akustik beeinflussen das Arbeitsklima ebenso wie offene Strukturen, Pflanzen oder ökologische Materialien. „Der Wunsch nach einer wohnlichen Einrichtung am Arbeitsplatz nimmt spürbar zu.“ Modulare Polstermöbel, ergonomische Stühle, ausgeklügelte Akustikelemente auf Schränken – wer wohnlichen Gestaltungswillen hat, hat die Wahl. Vitra hat dafür ein transversales Produktprogramm, das Möbel, wo es sinnvoll scheint, aus dem Wohnbereich in die Arbeitswelt transferiert.

„Das Alcove-Sofa von Ronan und Erwan Bouroullec ist so ein Beispiel“, erklärt Maise. Das Sofa mit seiner hohen Lehne kreiert als mikroarchitektonisches Element einen mobilen Raum im Raum, für Meetings, Besprechungen, als Rückzugsort und Ort der Ruhe. „Gerade die Akustik in großen Arbeitsräumen wird uns in Zukunft beschäftigen“, sagt Maise.

(c) Paul Ott Richtig wohnlich: Innocad lässt (hier am Beispiel Microsoft) Zonen für unterschiedliche Aktivitäten ineinander fließen.

(c) Paul Ott Richtig wohnlich: Innocad lässt (hier am Beispiel Microsoft) Zonen für unterschiedliche Aktivitäten ineinander fließen.

Playful spaces

Für den Designer und Architekten Lesjak dominieren künftig zwei große Themen die Arbeitsweltgestaltung: Individualisierung und Wellbeing. „Man hat erkannt, das Modell ‚one fits for all’ funktioniert nicht. Wir stellen den einzelnen Menschen wieder in den Mittelpunkt“, sagt er. Konzepte für den voll personalisierten, flexiblen Arbeitsplatz sind in Arbeit, beim Thema Wellbeing wird es konkreter. Es geht um einen ganzheitlichen, gesundheitsfördernden Ansatz auf kognitiver, psychischer und physischer Ebene. Da wird die Kreativität gefördert, in eigenen Creative Labs, mit flexibler Möblage – „reflective spaces, playful spaces, stimulating places“, nennt Lesjak das, nach amerikanischem Vorbild. Da wird das Konzept der Biophilie für die Psyche relevant, die Verbindung des Menschen mit der Natur. Die Topfpflanze am Schreibtisch ist dabei nur das Tüpfelchen am i. Vielmehr reicht die Idee von der Gebäudeplanung mit Naturmaterialien über die Farbwahl zur Raumgestaltung bis zur speziellen Geräuschkulisse für unterschiedlichste Arbeitssituationen. „All das sind stressabbauende Maßnahmen“, erklärt Lesjak. Für die körperliche Gesundheit sind bewegungsfördernde Wege im Arbeitsalltag und die passenden Möbel notwendig. „Man muss eine bewusste physische Veränderung von den Mitarbeitern verlangen. Da muss auch viel im Möbelbereich entstehen.“

(c) Vitra Schreibtisch, Stehtisch, Sofanische – Hack ist die moderne Variante eines flexiblen Arbeitsmöbels für die Generation der Millennials.

(c) Vitra Schreibtisch, Stehtisch, Sofanische – Hack ist die moderne Variante eines flexiblen Arbeitsmöbels für die Generation der Millennials.

Virtueller Wahnsinn

Die Nachfrage nach Steh-Sitztischen, die Maise feststellt, kommt also nicht von ungefähr. Das Unternehmen versucht sich in dem Bereich an neuer Optik – mit Hack des Industriedesigners Konstatin Grcic ist eine reduzierte Steh-Sitz-Kombination aus OSB-Platten entstanden, die sich mit wenigen Handgriffen in eine Besprechungsnische oder eine flache Kiste verwandelt.

Die Zielgruppe dafür ist jung. „Millennials ticken einfach anders“, meint auch Lesjak. Sie reißen die Grenzen zwischen Arbeits- und Wohnwelt nieder, sie lechzen nach sozialem Kontakt. Das formt für Lesjak den Auftrag: „Es geht darum, das Miteinander und die Selbstbestimmung zu fördern. Man muss dem virtuellen Wahnsinn ein physisches Gegenüber bieten.“ Damit im summenden Bürobienenstock jeder seinen wohligen Platz hat.

(c) Sandra Fockenberger

(c) Sandra Fockenberger

Creative Cluster

Arbeitsumfeld des Zufalls.
In einer ehemaligen Traktorfabrik in Floridsdorf entsteht ein Creative Cluster für Filmschaffende, Musiker, Künstler und Start-ups. Sie nutzen künftig temporär rund 3000 Quadratmeter Leerstand in günstiger All-In-Miete, aufgeteilt in kleine Zimmer oder Räume von mehreren 100 Quadratmetern.

Es ist ein Experiment in Sachen Großraumgestaltung für eine äußerst individuelle Arbeitswelt. Das Arbeitsumfeld entsteht durch die Mieter, die die Einrichtung mitbringen – Projektkoordinator, Raumunternehmer und Künstler Karim El Seroui hilft bei Fragen, ist aber eigentlich nur für die Platzvergabe und -verwaltung verantwortlich.
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