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Vom Segen moderner Technik

04.01.2018 | 20:33 |  Von Christian Scherl (Die Presse)

Moderne Fenster sind in vielerlei Hinsicht vorteilhaft: Sie sorgen für mehr Energieeffizienz und Behaglichkeit, aber auch Sicherheit vor Einbrüchen und Fensterstürzen.

Fenster sind die energetischen Schwachstellen von alten Gebäuden.
Fenster sind die energetischen Schwachstellen von alten Gebäuden. / Bild: (c) Wiener Wohnen 

Betrachtet man den U-Wert, also die bauphysikalische Beschreibung der Außenbauteile, dann sind Fenster die energetischen Schwachstellen eines Hauses. Ganz einfach deshalb, weil sie noch andere Funktionen haben, als Energie einzusparen. Bei vielen Sanierungsmaßnahmen wird Fenstern deshalb eine hohe Priorität zugeschrieben. Doch wie erkennt der Laie, ob es an der Zeit ist, Fenster auszutauschen? Gerhard Dell, Geschäftsführer des Energiesparverbandes des Landes Oberösterreich verrät einen guten wie auch simplen Trick, um die Dichtungsqualität zu testen: „Öffnen Sie das Fenster, legen Sie ein Blatt Papier hinein und schließen Sie das Fenster wieder. Lässt sich das eingeklemmte Papier herausziehen, ist das ein Hinweis auf mangelhafte Dichte.“

 

Energetische Fortschritte

Nicht immer muss das komplette Fenster getauscht werden. Oft genügen deutlich preiswertere Maßnahmen. „Man sollte mit einem Fachmann analysieren, ob man eventuell nur die Dichtungen austauschen muss, oder nur das Fensterglas“, so Dell. Manchmal reiche ein Nachstellen der Angeln, weil das Fenster schon lang nicht mehr nachjustiert wurde.

In den meisten Bundesländern besteht für Hausbauer und Sanierer die Möglichkeit produktunabhängiger Energieberatungen, wie eben beim OÖ Energiesparverband. Die Energieberater informieren bis zu einer Stunde vor Ort kostenlos und geben auch Infos zu Fördermöglichkeiten. Unter Sanierungsexperten gibt es eine Faustregel, die besagt: Nach rund 25 bis 30 Jahren ist Schluss, die Fenster haben ausgedient und gehören ausgewechselt. Häuser und Wohnungen aus den 1970er- und 1980er-Jahren stehen bei Sanierungen daher derzeit an vorderster Stelle.

Natürlich hängt ein Fenstertausch aber stets von der Qualität der Produkte ab. Es gibt uralte Bauernhäuser, deren Kastenfenster seit 200 Jahren dicht halten. Mit den Fortschritten der Technologie wird diese Faustregel ebenfalls infrage gestellt, und Fenster und Türen müssen immer seltener getauscht werden. „In der Rahmentechnologie, vor allem aber in der Glastechnologie hat sich viel getan“, erklärt Fenstertauschexperte Walter Leeber aus Dietach im Bezirk Steyr-Land im Traunviertel. „Ein Beispiel: Wo die Gläser zusammengeschweißt sind, verwendeten wir früher Aluminiumabstandhalter, heute jedoch Kunststoffteile, die deutlich besser isolieren und dadurch eine bessere Wärmedämmung aufweisen.“ Lag der U-Wert bei Fenstern vor zehn Jahren bei 2,5, ist er heute bei einem modernen Fenster bei eins oder sogar darunter. Energetisch also doppelt so gut. Das liegt mitunter an der Dreifachverglasung, die speziell im Neubau zum Standard geworden ist.

 

Fachmann statt Nachbarn

„Wichtig ist auch der G-Wert, der die Energiedurchlässigkeit bestimmt“, weiß Energiewirtschaftler Dell. „Je höher dieser Wert, desto besser.“ Denn damit ist gewährleistet, dass das Fenster von innen nach außen keine Wärme entweichen lässt, umgekehrt hingegen Wärme von außen – etwa durch Sonnenlicht – in den Raum dringen kann. Dass sämtliche Sanierungsexperten empfehlen, beim Fenstertausch auf den Fachmann zu setzen, ist keine Überraschung. Der unabhängige Energiesparverband ist dabei keine Ausnahme. „Bei aller Wertschätzung an die sogenannte Nachbarschaftshilfe, die in Österreich üblich ist – beim Fenstereinbau gibt es so viele Risken, etwas falsch zu machen, dass der Fachmann ran sollte“, sagt Dell. Klassiker sei etwa eine falsche Dichtungsebene. „Dann nützt das beste Fenster nichts, der Positiveffekt geht verloren.“ Eine große Fehlerquelle ist auch die Anschlussfuge zwischen Fenster und angrenzendem Bauwerk. Sie muss luft- und winddicht verschlossen sein. Dafür existiert eine eigene Önorm. Auch die Wärmedämmung muss mindestens drei Zentimeter über den Fensterstock reichen.

So einig sich die Experten beim Einbau sind, ganz anders die emotional geführte Diskussion um das optimale Rahmenmaterial. Je nach Anbieter gibt es hier unterschiedliche Meinungen, und jeder versucht, das von ihm angebotene Produkt zu verkaufen. Im Wohnbau dominieren die Varianten Holz und Kunststoff. Metallfenster finden sich überwiegend bei Bürogebäuden. Bei einem gut gedämmten Rahmen ist das Material aber nebensächlich, und es entscheidet der persönliche Geschmack.

 

Sicher ist sicher

Neben Energieeffizienz ist Sicherheit ein großes Thema beim Fenstertausch. Laut dem Kuratorium für Verkehrssicherheit (KFV) stürzt etwa alle drei Wochen in Österreich ein Kind aus einem nicht gesicherten oder geöffneten Fenster. Fensterstürze zählen zu den schwersten Unfällen bei Kindern, weshalb das KFV bauliche Maßnahmen wie Fenstersicherungen fordert. „Am besten geeignet sind Sperren, die bereits in den Fenstergriff integriert sind und mit einem Schlüssel zu öffnen sind, sonst der nachträgliche Einbau von versperrbaren Fenstergriffen“, so die KFV-Pressestelle. Außerdem sollten Fenstersicherungen grundsätzlich verschraubt und an Stellen montiert werden, die außerhalb der Reichweite von Kindern liegen. Und nicht zuletzt seien versperrbare Fenstergriffe ein optimaler Einbruchsschutz.

Was Sie beachten sollten beim . . . . . . Fenstertausch

Tipp 1

Test. Eine Faustregel besagt, dass Fenster nach rund 25 bis 30 Jahren ausgetauscht werden sollten. Dank technologischer Fortschritte, etwa bei Rahmen und Verglasung, halten fachgerecht eingebaute, moderne Fenster heute allerdings auch deutlich länger. Ob ein Fenstertausch fällig ist, verrät oft ein einfacher Dichtungstest mit einem eingeklemmten Stück Papier.

Tipp 2

U- und G-Wert. Zentral bei der Anschaffung neuer Fenster ist der U-Wert als Maßstab für die Wärmedämmeigenschaften eines Bauteils. Je niedriger, desto besser. Vor zehn Jahren lag dieser noch bei 2,5, bei modernen Fenstern sollte er bei eins oder sogar darunter liegen. Der G-Wert, der die Energiedurchlässigkeit bestimmt, sollte hingegen möglichst hoch liegen.

Tipp 3

Einbau. Da es beim Einbau auf Präzision und Sorgfältigkeit ankommt, raten unabhängige Institutionen wie der OÖ Energiesparverband die Expertise eines Fachmanns an. Kommt es nämlich zu klassischen Fehlern wie einer falschen Dichtungsebene, nützt auch das beste Fenster nichts. Beim Rahmenmaterial hingegen kann man sich von eigenen Vorlieben leiten lassen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.01.2018)