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Vom Konsum- zum Erlebnistempel

25.01.2018 | 13:27 |  Von Wolfgang Pozsogar (Die Presse)

Um der wachsenden Konkurrenz des Onlinehandels Paroli zu bieten, müssen sich Shoppingcenter neue Konzepte einfallen lassen.

Central Embassy in Bangkok: Ein großer Teil der Flächen ist den Gaumenfreuden gewidmet.
Central Embassy in Bangkok: Ein großer Teil der Flächen ist den Gaumenfreuden gewidmet. / Bild: (c) Wolfgang Pozsogar 

Wer wissen will, wie europäische Einkaufszentren morgen aussehen werden, sollte nach Asien pilgern. In Bangkok etwa betreibt die Central Group der milliardenschweren thailändischen Familie Chirathivat Einkaufszentren, die mehr bieten als eine Anhäufung von Geschäften und Schnellimbissen. Central World und Central Embassy sind beeindruckende innerstädtische Treffpunkte. Shopping ist dort fast Nebensache, die Konsumtempel in Bangkok wollen Erlebnistempel sein.

Dafür sorgen eindrucksvolle Architektur, aufwendige Dekorationen und ständige Events. Ein großer Teil der Flächen beider Häuser ist Gaumenfreuden gewidmet. Es gibt erstklassige Restaurants ebenso wie Spezialitätenläden. Die sechsstöckige Central Embassy bietet Luxus pur. Livrierte Diener öffnen die Türen der vorfahrenden Limousinen. Im letzten Stock findet sich eine große Buchhandlung, umgeben von Restaurants, Cafés, Seminarräumen und Arbeitsplätzen für Desk-Sharing.

Asien als Vorbild

Die Central Group ist nicht nur in Thailand aktiv, sondern längst auch in Europa. Das Familienunternehmen besitzt die italienische Warenhauskette Rinascente und ist Mehrheitseigentümer des KaDeWe-Warenhauses sowie der Karstadt-Kaufhäuser in Deutschland. An dieser KaDeWe-Group ist auch die österreichische Signa von René Benko beteiligt. Diese wiederum hat im November ein Kaufangebot von drei Milliarden Euro für die Warenhäuser der Kaufhof-Gruppe abgegeben. Über mögliche Zukunftspläne für das Kaufhausimperium schweigt man bei Signa noch. Durchaus denkbar, dass zumindest die in guter Lage befindlichen Häuser mit den Erfahrungen des Partners Central Group in Erlebnistempel umgebaut werden. Begonnen wurde damit schon in Berlin, Hamburg und München.

Immobilienexperten sind jedenfalls überzeugt, dass die guten alten Einkaufszentren noch lange nicht tot sind, vorausgesetzt, sie stellen sich auf das veränderte Konsumverhalten ein. Walter Wölfler, Handelsimmobilienspezialist von CBRE, sieht Asien durchaus als Vorbild: „Die Trends im Shoppingcenter-Bereich kommen derzeit vor allem von dort.“ Shopping soll im Zeitalter von rund um die Uhr verfügbaren Internetshops nicht mehr allein dem Grundbedürfnis Einkauf dienen, sondern vor allem Spaß machen. „Dazu bedarf es eines umfassenden Freizeitangebotes über die reinen Geschäfte hinaus“, meint er. In Europa sei hier sicher Nachholbedarf gegeben.

Erste Ansätze in Österreich

Eine Entwicklung wie in den USA, wo in den vergangenen Jahren Hunderte Shopping Malls geschlossen wurden, sieht der Experte in Europa nicht. Es handle sich dort vor allem um eine natürliche Marktbereinigung und weniger um eine Folge der Verlagerung. Gute Chancen sieht er für Kaufhäuser im Luxussegment, wie sie Signa in Deutschland plant: „Luxus hat sich in den vergangenen Jahren konstant gut entwickelt.“

Den Wandel von Einkaufszentren zu Erlebniszentren beurteilt Jörg Bitzer, bei EHL Spezialist für Retail-Immobilien, ähnlich: „Shopping heißt künftig Freunde treffen, entspannen, essen, und erst ganz zum Schluss kommt das Einkaufen.“ Umgesetzt würden solche Ideen auch schon vereinzelt in Österreich meint der Experte. Markantestes Beispiel ist für ihn die Plus City in Linz mit einem nachgebauten Markusplatz, einem Family-Entertainment-Center mit Bowling, Billard, Fun- und Videogames sowie einem Kinocenter. Aber selbst in einem solchen Erlebniscenter zählen weiterhin klassische Kriterien, betont der Experte. Eine optimale Lage gehöre ebenso dazu wie ein richtiger Mietermix. Lebensmittel sollten in jedem Zentrum dabei sein, da sie Frequenz bringen und am wenigsten anfällig für den Onlinehandel seien. Auch nach Meinung des EHL-Experten wird der Onlinehandel für gut aufgestellte Zentren keineswegs existenzbedrohend sein. Für verstaubte Läden nach altem Konzept und generell für Handelsimmobilien in schlechter Lage sieht es allerdings weniger gut aus: „Da junge Menschen ein anderes Konsumverhalten haben, wird der Flächendruck bei Handelsimmobilien weiter anhalten“, sagt er.

Diese Aussagen bestätigt der Markt: Während in den Topeinkaufszentren die Mieten steigen und bei bis zu 120 Euro pro Quadratmeter liegen, verzeichnen Zentren in B- und C-Lagen sinkende Mieten und höhere Leerstände.

AUF EINEN BLICK

Ein immer größerer Teil des Einzelhandelsumsatzes verlagert sich ins Internet. Retail-Immobilien vom guten alten Shoppingcenter bis zum Einzelhandelsgeschäft in guter Lage haben trotz dieser Entwicklung aber durchaus gute Chancen – als Erlebniszentren, in denen man mehr als einkaufen kann.

Die Trends hierfür setzt man in Asien. Im thailändischen Bangkok etwa hat die in Europa gemeinsam mit Signa aktive Central Group mehrere solcher Freizeit-Hubs errichtet.

In Österreich beginnt die Zukunft des Einkaufens mit leichter Verzögerung. Aber es gibt bereits einzelne Beispiele wie die Plus City in Linz.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.01.2018)