Kaum große Blasen in Sicht
29.06.2012 | 18:48 | BEATE LAMMER (Die Presse)
In den USA und in Spanien haben Immobilienblasen schwere Krisen ausgelöst. In Österreich und Deutschland sehen trotz steigender Preise nur wenige diese Gefahr.

Der Aufbau einer Immobilienblase und ihr Bersten zählen zu den meistgefürchteten Krisenszenarien. Das Platzen einer Blase in den USA im Jahr 2007 gilt als Mitauslöser der Finanzkrise. Auch an der Euro-Schuldenproblematik haben Immobilienkrisen ihren Anteil: Die gegenwärtige Misere in Spanien wurde durch das Zerbrechen der dortigen Immobilienblase ausgelöst. Ähnliches passierte in Irland. Und viele fürchten, dass das Ende des Immobilienhypes in China zu einer Wirtschaftsabkühlung führt, die die gesamte Weltkonjunktur in Mitleidenschaft zieht.
Typischerweise laufen Immobilienkrisen so ab: Günstige Kredite und niedrige Zinsen verleiten viele Menschen dazu, sich Häuser zuzulegen. Das treibt die Preise in die Höhe, was wiederum Spekulanten auf den Plan ruft, die auf schnelle Wertsteigerungen hoffen. Kommt es zu einer Abschwächung der Wirtschaft oder steigen die Zinsen, können viele Kreditnehmer ihre Raten nicht mehr zahlen. Sie werfen die Häuser auf den Markt und müssen feststellen, dass sie längst nicht mehr den Preis erhalten, den sie ursprünglich dafür ausgegeben haben. Die Banken bleiben auf „notleidenden Krediten“ sitzen und geraten ebenfalls in Schwierigkeiten.
Hierzulande werden Immobilien mit relativ geringem Fremdmittelanteil gekauft. Doch da dem Platzen einer Blase meist starke Preissteigerungen vorangehen, fürchten manche, dass sich auch in Deutschland oder Österreich eine Immobilienblase aufbauen könnte.
Anleger kaufen, aber nicht auf Kredit
In Deutschland warnte etwa der Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft, Joachim Scheide, vor einer solchen. Er sagte anlässlich der Präsentation des Frühjahrsgutachtens der deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute zur Agentur Reuters: „Wenn das jahrelang so weitergeht mit den extrem niedrigen Zinsen, besteht das Risiko einer Immobilienblase in Deutschland.“ Die Europäische Zentralbank versucht derzeit, der Wirtschaft mit niedrigen Zinsen (der Leitzinssatz liegt auf einem Tief von einem Prozent) auf die Sprünge zu helfen. Das schlägt sich zwar noch nicht in den Teuerungsraten nieder: Die Inflation in der Eurozone ging zuletzt leicht zurück.
Doch die Preise für Wohnimmobilien in Deutschland und Österreich sind in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. S-Real-Geschäftsführer Michael Pisecky hält das für keine Blase. Die Unterschiede zu Spanien seien groß: So sei in Österreich die Bautätigkeit trotz hoher Nachfrage in den vergangenen Jahren rückläufig gewesen, in Spanien habe sie während der Immobilienblase stark angezogen. Auch seien dort Spekulanten auf den Zug aufgesprungen, die die Häuser nach ein bis zwei Jahren mit Gewinn weiterverkaufen wollten.
Starke Preisschübe seit fünf Jahren
In Österreich passiere das eher selten. Auch würden die Käufer hierzulande einen viel geringeren Anteil fremdfinanzieren, als das etwa während der Immobilienblasen in den USA oder in Spanien passiert sei. Ähnlicher Ansicht ist Bank-Austria-Chefökonom Stefan Bruckbauer: Der steile Anstieg der Wohnimmobilienpreise in Österreich sei nicht kreditgetrieben, sondern auf die Umschichtung von Vermögen zurückzuführen. Anleger schichteten aus Angst vor Geldentwertung ihr Geldvermögen in reale Werte um, verkauften also Aktien und legten sich Wohnungen zu. Im schlimmsten Fall würden sich diese Investments doch nicht so stark rechnen wie erhofft. Zwar könnte die Vermögensumschichtung langfristig eine andere Gefahr mit sich bringen: Das Geld, das in Immobilien geparkt wird, könnte der produktiven Wirtschaft fehlen, was die Konjunktur schwächen könnte. Doch auch diese Gefahr sei gering, meint Bruckbauer: Es sei genug Geld vorhanden. Dritte Gefahr: Österreich könnte wegen der steigenden Preise negative internationale Aufmerksamkeit erhalten – so wie vor einigen Jahren, als ein US-Ökonom warnte, das Land sei wegen des großen Osteuropa-Engagements pleitegefährdet. Denn seit fünf Jahren seien die Wohnimmobilienpreise in Österreich so stark gestiegen wie kaum in einem anderen europäischen Land, und das könnte oberflächliche Beobachter schrecken, meint Bruckbauer. Das Phänomen sei aber zum Teil mit dem Nachholbedarf zu erklären. Im Vergleich zu anderen Ländern sei Wohnen hierzulande günstig.
Auch anderswo sieht er gegenwärtig keine große Blasengefahr. In den USA seien die Preise inflationsbereinigt tiefer als vor 15 Jahren, in Spanien gebe es noch ein wenig mehr Luft nach unten, doch seien auch dort die Preise gesunken. Stark gestiegen seien sie lediglich in Frankreich, doch von einer Überhitzung sei der Markt weit entfernt. [Fotolia/yvart]
("Die Presse", Print-Ausgabe, 30.06.2012)



