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„Russland und China werden nie was von Wert schaffen“

05.12.2012 | 18:09 |  JEANNINE HIERLÄNDER (Die Presse)

Interview mit dem Ökonomen Kjell Nordström anlässlich des Real Estate Leaders Summit in Kitzbühel.

Nordström

Die Presse: Sie sagen, die USA werden auch in Zukunft die wichtigste Wirtschaftsmacht sein. Was macht Sie da so sicher?

Kjell Nordström: Es gibt 200 Länder auf der Welt. Fast alle sind Nationalstaaten, vier davon sind mehr eine Idee: Kanada, die USA, Australien, Israel. Wenn Sie als Einwanderer nach Schweden kommen, werden Sie den Großteil Ihres Lebens außerhalb der schwedischen Gesellschaft verbringen. Aber Sie können innerhalb weniger Jahre Amerikaner werden. Sogar wenn Ihr Englisch nicht perfekt ist. Arnold Schwarzenegger ist ein gutes Beispiel dafür. Das ist ziemlich cool.

Was machen die USA da so viel besser?

Amerikanische Firmen sind so gestaltet, dass es egal ist, woher man kommt. Zum Beispiel gibt es immer einen Dresscode, und man kann ihn nachlesen, es gibt in der Regel Bilder dazu. In Schweden gibt es natürlich auch einen Dresscode, aber er ist informell. Es gibt in US-Firmen klare Verhaltensregeln, wo und wann man zu Mittag isst. Und auch die Leistungsbeurteilung ist extrem formell. Man weiß, das ist es, was wir von dir wollen, das hast du erreicht. Und diese Maßstäbe gelten für alle, egal, ob Mann, Frau, Amerikaner, Ausländer. Es ist ihnen egal, ob du Moslem bist oder lesbisch. Wenn du gut bist, bist du dabei.

 

Sie sind Professor, schicken Sie Ihre besten Studenten weg?

Ja, aber sie gehen ohnehin von selbst. Ich arbeite an einer Eliteuniversität, dorthin kommen die Besten der Besten. 40Prozent von ihnen studieren ein Jahr im Ausland. Wenn sie richtig gut sind, machen ihnen die Gastuniversitäten, zum Beispiel die Nobelpreisfabrik Stanford, ein Angebot, damit sie bleiben. Europa hat in etwas mehr als zehn Jahren circa 500.000 Akademiker in die USA exportiert. Und das waren gewiss nicht die Schlechtesten. Wir haben Billionen ausgegeben, um sie auszubilden, und dann machen sie dort weiter. Das ist ein riesiges Problem für Europa. Unsere Firmen sind nicht so nett, wenn Sie aus Indien kommen. Siemens ist für viele Absolventen ein attraktives Unternehmen. Aber ab einem gewissen Punkt muss man Deutsch können, um dort Karriere zu machen. Dann gehen sie eben zur Konkurrenz.

 

Das heißt, Europa muss sich öffnen, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

Wenn wir mit diesem Luxus-Lebensstil weitermachen – Autos, Häuser, freie Bildung, ein großer Staatssektor –, dann ist der nächste Schritt für Europa ohne Zweifel, zu einem einladenden Ort zu werden, wo man sich frei bewegen kann. Wo Sie als Österreicherin Mitglied des schwedischen Parlaments werden können. Nicht nur theoretisch, sondern tatsächlich.

 

Viele Experten sagen, das Zeitalter der USA ist vorbei und jenes von China, Indien, Brasilien hat begonnen.

Diese Prognosen unterschätzen, dass China eine 4000 Jahre alte Kultur mit langen Traditionen hat. Es ist eine geschlossene Gesellschaft. Zweitens ist China eine brutale Diktatur. Das ist mit dem Silicon-Valley-Typ von Erfindergeist nicht vereinbar. Um ein iPad zu entwerfen, muss man herumprobieren können. Auch Russland wird nie irgendetwas von Wert schaffen. Das ist der Preis, den man bezahlt, wenn man ein Land zentral steuert. Nur offene, liberale, demokratische Gesellschaften können etwas erschaffen. China kann Billigprodukte herstellen, einfache Sachen. Aber sie werden die Führung bei der Entwicklung nicht übernehmen.

 

Es gibt die umgekehrte Hoffnung, dass der zunehmende Wohlstand in China zur Demokratisierung führt.

Ich liebe diese Idee, weil ich als Professor Theorien mag. Aber Russland hatte seine Revolution 1989. Was haben sie seitdem erreicht? Ist es demokratisch? Das zeigt, wie schwierig es ist, sogar mit wirtschaftlicher Freiheit Demokratie zu schaffen. Man braucht ein funktionierendes Parlament und einen intakten Polizeiapparat. Sonst kann man keine Geschäfte machen, sonst heißt das Mafia. Ja, die wirtschaftliche Liberalisierung treibt China in sehr kleinen Schritten voran. Aber weder Sie noch ich werden in unserem Leben ein demokratisches China sehen. China wird noch lange brauchen, um aus der Blase der Diktatur auszubrechen. Und solange es diese Blase gibt, gibt es dort keine iPads.

 

Der Kapitalismus hat viel Wohlstand geschaffen, nie zuvor ging es so vielen Menschen so gut. Warum rufen trotzdem viele nach einem anderen System?

Marktwirtschaft ist ein vereinfachendes System. Aber keine Alternative bietet etwas ähnlich Attraktives. Faschismus, Kommunismus, Gottesstaaten wie im Iran: Diese Experimente sind die Hölle auf Erden. Es gibt auch keine fixe Form des Kapitalismus. Es ist wie mit einer Sprache, er wird mit verschiedenen Dialekten gesprochen, man kann ihn formen. Wir haben interessante, sozial verträgliche, anständige Formen von Kapitalismus in verschiedenen Ländern. Aber das Gras ist eben immer grüner auf der anderen Seite. Es gibt diesen Traum, dass alles noch besser sein könnte. Das ist nur menschlich.

Auf einen Blick

Kjell A. Nordström (47) gilt als Popstar der Ökonomen, weil er Lederjacken und Goldringe trägt und seine Vorträge „Gigs“ nennt. In „Funky Business“ erklärt er, wie Kapitalismus Spaß macht. Nordström lehrt an der Stockholm School of Economics und war Redner auf der Re.Comm in Kitzbühel. [Autor]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.12.2012)