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Chinesen auf Einkaufstour in Europa

08.02.2013 | 18:24 |  KARL-HEINZ GOEDECKEMEYER (Die Presse)

Asiatische Investoren zeigen wachsendes Interesse an europäischen Immobilienmärkten. Vor allem chinesische Fonds könnten hier bald sehr aktiv werden.

Angesichts der niedrigen Renditen in allen Anlageklassen stehen Immobilien bei Investoren hoch im Kurs. Vor dem Hintergrund des zähen Erholungsprozesses in Europa dürften sich internationale Investoren vor allem auf die Märkte in den wichtigsten Wirtschaftszentren konzentrieren. Bislang kamen die Kapitalanleger außerhalb Europas zumeist aus dem nordamerikanischen Raum, in den nächsten Jahren könnten chinesische Investoren als neue mächtige Käufergruppe hinzukommen.

Für chinesische Investoren gilt Deutschland seit einigen Jahren als der mit Abstand attraktivste Investitionsstandort Europas, heißt es in einer Studie der Beratungsgesellschaft Ernst&Young. Wenngleich Deutschland bislang vor allem als Produktions- und Forschungsstandort gefragt ist, sprechen viele Faktoren dafür, dass Investoren aus dem Reich der Mitte auch den dortigen Immobilienmarkt stärker in den Fokus nehmen werden.

Genug Kaufkraft haben die Chinesen allemal, zum Staatsfonds China Investment Corporation (CIC) kommen die gefüllten Kassen weiterer Großinvestoren. Der Schwerpunkt der Investitionen dürfte nun aber nicht mehr auf Börsenbeteiligungen oder Staatsanleihen anderer Länder liegen, sondern mehr auf alternativen Investments wie Infrastruktur- und Projektfinanzierungen und eben auch Immobilien.

 

Konzentration auf die Metropolen

Nach vorliegenden Informationen sind Chinesen bislang vor allem in der Londoner City und Paris (Île-de-France) vertreten, hinzu kommen Märkte wie Marseille, Italien, Polen, Rumänien und Deutschland, sagt Thomas Beyerle, Chef der Analyseabteilung der IVG. Auch Robert Stolfo, Senior Client Portfolio Manager bei Invesco Global Real Estate, geht davon aus, dass chinesische Großinvestoren wie Staatsfonds, Versicherungsgesellschaften, staatliche Pensionsfonds sich vor allem auf große europäische Metropolen wie London, Paris und Berlin konzentrieren werden. Bislang sei jedoch noch keine geografische Fokussierung erkennbar.

Laut dem Immobilienberater CBRE investierten Kapitalanleger von außerhalb Europas im ersten Halbjahr 2012 mehr als zehn Milliarden Euro in europäische Immobilien, wobei ein Fünftel des Kapitals aus Nordamerika, dem Nahen Osten und Asien kam. Staats- und Pensionsfonds trugen wesentlich zum Anstieg der Transaktionen bei, und erstmals wurden beträchtliche Kapitalzuflüsse aus China registriert. Angesichts der Lockerungsmaßnahmen seitens der Chinese Regulatory Commission dürften die Kapitalzuflüsse in die globalen Immobilienmärkte in den kommenden Jahren weiter zunehmen, sagt Stephen Dawn, Head of Central London bei Savills.

 

Chinesische Investoren denken langfristig

Laut Jones Lang LaSalle wurden in den ersten drei Quartalen 2012 im Zentrum Londons 55Großtransaktionen im Wert von 11,7 Mrd. Pfund abgewickelt, 41 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Fast 66 Prozent des neuen Investitionskapitals stammt von ausländischen Geldgebern. Asiatische Staatsfonds, Immobilienfonds und Großinvestoren sollen für 20 Prozent der Investitionen verantwortlich sein. So wurde unter anderem der Hauptsitz der Deutschen Bank in der Winchester Street für 250Mio. Pfund an die China Investment Corp. verkauft, der südkoreanische Pensionsfonds erwarb den Hauptsitz von HSBC in Canary Wharf für 773 Mio. Pfund. Und der chinesische Staatsfonds beteiligte sich mit rund 560 Mio. Dollar am Londoner Flughafen Heathrow, das entspricht einem Zehn-Prozent-Anteil am Flughafen. Schwerpunktmäßig investieren chinesische Anleger in zentral gelegene Objekte, meist in Bürogebäude, die teilweise auch für Einzelhandel oder Wohnungen genutzt werden können, sagt Invesco-Manager Stolfo. Die Experten von Jones Lang LaSalle erwarten eine weiterhin stabile Nachfrage der asiatischen Kundschaft nach attraktiven Bürogebäuden. Heuer ist auch mit Hotelinvestments zu rechnen, insbesondere in Deutschland und Frankreich.

Chinesische Anleger kalkulieren meist langfristiger als europäische Investoren, ihr Investitionshorizont beträgt etwa 20 bis 30 Jahre. Deshalb legen sie auch mehr Wert darauf, dass sich die Gebäude langfristig exzellent vermieten lassen und die Mieter ihnen praktisch eine sichere „Anleiherendite“ für ihre Investition zahlen. Mit diesem Langfristhorizont lässt sich eine Immobilie besser refinanzieren oder verkaufen. Investoren außerhalb Europas stehen auch deshalb hoch im Kurs, weil die Finanzierungspower der Europäer angesichts der Zurückhaltung westlicher Banken beschränkt ist.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 09.02.2013)