Just in time ins fünfzehnte Stockwerk

17.06.2016 | 16:38 |  Wolfgang Pozsogar (Die Presse)

Baustellenlogistik. Die Bauwirtschaft entdeckt langsam, welches Potenzial in einer Optimierung der Supply Chain liegt.

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Großbaustellen sind eigentlich ein Dorado für engagierte Logistiker. Bei Hochbauten etwa müssen Zehntausende Kubikmeter Beton quasi just in time angeliefert und verbaut werden. Klappt das nicht, wird der Beton im Mischwagen hart, oder es gibt Probleme beim Einbau. Erschwerend hinzu kommt, dass der Platz auf der Baustelle oft so knapp ist, dass nur ein oder zwei Misch-Lkw gleichzeitig zufahren können. Vom Transporter wird der Beton mit Pumpe oder Kran – meist eine Engstelle – zur Einbaustelle in die Obergeschoße gebracht. Und während im 15. Stock die Betonarbeiten im Gang sind, laufen in den Untergeschoßen Ausbauarbeiten, für die Materialien per Lkw und danach über Bauaufzüge oder Kran angeliefert werden müssen.

Logistik beeinflusst Baukosten

„Noch gravierender ist die Herausforderung bei Tunnelbaustellen, wenn etwa die gesamte Versorgung der Baustelle über einen 400 Meter tiefen Schacht erfolgen muss“, erzählt Gerald Goger von der TU Wien. Der Universitätsprofessor ist seit April am Institut für Interdisziplinäres Bauprozessmanagement der TU Wien für den Forschungsbereich Baubetrieb und Bauverfahrenstechnik verantwortlich. Baustellenlogistik ist eines seiner Lieblingsthemen. „Eine effiziente Logistikplanung spart sehr viel Zeit und damit Kosten“, betont der Wissenschaftler.
Bei der Strabag heißt es in einer internen Zeitschrift dazu, dass rund 30 Prozent der Gesamtkosten eines Bauprojekts direkt oder indirekt von der Logistik beeinflusst seien. Allein der Transport mache durchschnittlich sechs Prozent der Bauleistung aus. Um dieses Potenzial zu lukrieren, führt Österreichs größter Baukonzern Forschungsprojekte in diesem Bereich durch. Ein eigenes Team mit dem Namen Strasco widmet sich der Optimierung der Supply Chain bei den konzerneigenen Asphalt- und Betonmischanlagen, besonders aber auch bei Großprojekten im Verkehrswegebau und beim Transport von Mischgut.
Auch externe Dienstleister wie Marktleader Zeppelin Streif Baulogistik erstellen für Bauunternehmen komplette Konzepte zur Optimierung von Personenströmen, Materialflüssen sowie vertikalen und horizontalen Transporten auf der Baustelle. Diese Firmen bieten darüber hinaus noch weitere Dienstleistungen an wie etwa Personenkontrollen auf der Baustelle. Wichtig sei in solchen Fällen, dass die letzte Verantwortung für die Logistik beim Bauleiter vor Ort liege, meint Goger: „Es muss eine Person sein, die über ein Durchgriffsrecht verfügt.“

Zu viel Spezialistentum

Trotz solcher Aktivitäten ist das Thema Optimierung der Supply Chain noch nicht auf allen Baustellen angekommen: „Bauingenieure sind Machertypen, die Leistung sehen wollen und sich oft zu wenig Zeit nehmen, Prozesse strategisch zu überlegen“, nennt Goger als möglichen Grund. Joseph Dörmann vom Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik hat eine andere Erklärung parat: „Schlanke Prozesse wie in der Industrie sind am Bau deshalb eher die Ausnahme, weil nach wie vor jedes Bauprojekt als Unikat verstanden wird, für das eigene Lösungen entwickelt werden müssen.“
Goger und Dörmann erwarten, dass sich hier in den nächsten Jahren einiges ändern wird. Es sind in ihren Augen nicht allein Großbauprojekte, die logistisch gut geplant sein wollen: „Die Renovierung eines Gebäudes in der Innenstadt mit minimalem Platz für Zulieferfahrzeuge, laufendem Betrieb und lärm- sowie staubempfindlichen Anrainern ist ebenfalls eine logistische Herausforderung“, sagt Dörmann. Notwendig wäre es, so meinen die Experten, sich bereits vor der Ausschreibung mit dem Thema auseinanderzusetzen: „In den Verträgen muss bereits festgehalten sein, ob es etwa einen operativen Baulogistiker gibt, bei dem alle Transporte angekündigt werden müssen“, fordert Dörmann. Hier hakt es oft, denn in der Baubranche ist es gang und gäbe, dass Aufträge für Bauarbeiten bereits vergeben werden, während in den Planungsbüros noch an verschiedensten Detailplänen gearbeitet wird.
Notwendig sei es auch, die Logistikkonzepte während des Baufortschritts zu pflegen, so Dörmann weiter: „Wächst der Bau in die Höhe, verändern sich die Arten der Anlieferungen, und die Gesamtlogistik muss den neuen Verhältnissen angepasst werden.“

Vernetzte Transportkette

Künftig dürfte auch die Vernetzung der gesamten Transportkette in der Baulogistik eine große Rolle spielen. Auf der Bauma in München, der größten Baumaschinenmesse der Welt, wurde auf einem riesigen Display anhand einer Straßenbaustelle gezeigt, wie das funktionieren könnte. Das Betonwerk, sämtliche Transporter sowie die Einbaugeräte waren in einem Netzwerk miteinander verbunden. Der Bauleiter sah exakt den jeweiligen Verbrauch an Beton und konnte seine Disposition im Werk an die Einbauleistung vor Ort anpassen. Gab es auf den Zufahrtstraßen zur Baustelle Staus, wurden Alternativrouten gewählt. Einem breiten Einsatz solcher Techniken steht bislang aber vor allem ein Hindernis im Weg: Einzelne Beteiligte an diesem Prozess können sich nicht zur Anschaffung der entsprechenden Technologien entschließen.

Auf einen Blick

Eine Baustelle ist einem industriellen Produktionsbetrieb nicht unähnlich. Viele Tonnen Material müssen zeitgerecht angeliefert und mangels Lagerflächen mehr oder weniger just in time verbaut werden. Dazu kommen Engstellen wie Krantransporte oder im Tunnelbau die Versorgung über enge Schächte. Die Optimierung dieser Supply Chain ist bislang aber erst für große Bauunternehmen ein Thema.

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