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Immobilienkongress re.comm 2017: Tribüne für Wiki

24.11.2017 | 09:34 |  Christian Lenoble aus Kitzbühel (DiePresse.com)

Vom 22. bis 24 November fand die re.comm in Kitzbühel statt. Drei Tage mit Blick über den Tellerrand und Wikipedia-Gründer Jimmy Wales als Eröffnungsredner, der im wahrsten Sinne Neues zu berichten hat.

Jimmy Wales
Jimmy Wales / Bild: (c) Jana Madzigon/epmedia (Jana Madzigon) 

Wer zu spät kam, den bestraften die Pünktlichen – mit eindringlichen Blicken und dem Verweis, dass eventuell am Balkon noch Plätze frei seien. Das Gedränge am Eröffnungstag bei der sechsten Auflage des Immobilienkongresses re.comm in Kitzbühel war größer denn je. 230 Gäste sorgten in der mit schwarzen und weißen Fauteuils vollgepackten Halle des K3 KitzKongress für einen neuen Besucherrekord. Gekommen waren wie alle Jahre wieder Immobilienexperten, um gemeinsam über den hausgemachten Tellerrand der Branche zu blicken. "Wir wollen Denkanstöße liefern und keine Denkschablonen vorgeben", lautet seit 2012 das Motto von Veranstalter Richard Einwaller. Der Geschäftsführer der epmedia Werbeagentur setzt auf internationale Speaker, deren Fachgebiete mit dem Berufsalltag des Auditoriums vordergründig wenig zu tun haben. Einwaller geht es um Einblicke von außerhalb, um eine Werkstatt der Ideen, in der unter anderem Zukunftforscher, Avantgarde-Künstler, Politiker, Finanzwischenschaftler, Umweltaktivisten, Soziologen oder Internetunternehmer neue Impulse liefern.


Trump sei Dank


Da passt ein Mann wie Eröffnungsredner Jimmy Wales ins Konzept. 2001 gründete der US-amerikanische Internetpionier die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Nur fünf Jahre später wurde er vom Time Magazine als einer der Top 100 einflussreichsten Menschen gelistet. Wikipedia gilt mittlerweile als umfangreichstes Lexikon der Welt. Rund 40 Millionen Artikel wurden bis heute in annähernd 300 Sprachen von freiwilligen Autoren verfasst. Mit monatlich 17 Milliarden Pageviews liegt das Portal aktuell auf dem fünften Platz der weltweit am häufigsten besuchten Websites. "Wikipedia steht federführend für den so wichtigen Erhalt einer Demokratie im Internet", sagt Wales. Der Zensur die Stirn zu bieten und Wissen möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen, sei mehr denn je ein Gebot der Zeit. Von einer post-faktischen Ära will Wales nichts wissen. "Facts matter" lautet sein Leitspruch. Dass ihn ausgerechnet die Präsidentschaft und das Umfeld von Donald Trump inspiriert haben, eine lange gehegte Idee entscheidend voranzutreiben, darf als Pointe der Geschichte betrachtet werden.


Fakten als Schiedsrichter


Es war Anfang 2017, als Trumps Sprecherin Kellyanne Conway eine längst als falsch bewiesene Behauptung eines Kollegen in einem NBC-Interview als "Alternative Fakten" bezeichnet hatte. „In diesem Moment dachte ich: Verdammt, soll das ein Witz sein, da müssen wir etwas unternehmen“, erinnert sich Wales an den Motivationsschub für sein jüngstes Projekt. Mit "WikiTribune" glaubt der Wikipedia-Gründer, ein taugliches Mittel gegen die Verbreitung "alternativer" Fakten und Fake News geboren zu haben. "Nachrichten sind kaputt – aber wir haben einen Weg gefunden, sie zu reparieren", sagt er zu seiner neuen Plattform, die am 30. Oktober 2017

in einer Beta-Version veröffentlicht wurde. Das Konzept sieht vor, die Stärken von professionellem Journalismus und einer engagierten Community zu vereinen. "Wir wollen etwas von der faktenbasierten und faktenprüfenden Mentalität von Wikipedia in die News-Welt bringen. Meine Ziele sind ebenso ehrgeizig wie einfach zu verstehen", erläutert Wales. Es gehe um den Aufbau eines globalen, multilingualen, hoch qualitativen und vor allem neutralen Nachrichten-Dienstes: "Ich will, dass wir objektiv und fair berichten. Die ultimativen ,Schiedsrichter' der Wahrheit sind die Fakten der Realität. Und es soll uns bei der Erstellung von Nachrichten mehr darum gehen, faktisch richtig zu liegen, als darum, die schnellsten in der Verbreitung zu sein."


Hauptsache transparent


Konkret arbeiten bezahlte Redakteure und Freiwillige Hand in Hand. Artikel werden laufend erweitert und ergänzt. So wie Wikipedia bleibt auch Wikitribune werbefrei. Die Finanzierung läuft über Spenden. Den Unterstützern steht kein Einfluss zu – mit der Ausnahme, dass mit dem gespendeten Geld neue Journalisten akquiriert werden können, die auf besonders häufig nachgefragte Themen spezialisiert sind. Im Unterschied zu herkömmlichen Artikeln setzt Wikitribune mit detaillierten Quellenangaben auf Transparenz. Leser sollen wissen, woher die Informationen stammen. Ein Klick auf Artikelpassagen führt zu einer Seite, die einen Überblick über die Entstehungs- und Recherchengeschichte des Artikels verschafft. "WikiTribune baut auf dem Prinzip auf, dass in Communities tiefes Wissen verankert ist und dass Menschen mit gutem Willen große Probleme lösen können", so Wales. Eine Philosophie ganz im Geiste der Veranstaltung am Fuß des Hahnenkamms.

Re.comm 2017

In Kitzbühel hat vom 22. bis 24. November bereits zum sechsten Mal die Re.comm, ein Immobilienkongress der anderen Art, stattgefunden: Das Auditorium besteht aus europäischen Immobilienfachleuten, die elf Speaker sind Zukunftsforscher, Avantgarde-Künstler, Politiker, Internetunternehmer, Finanzwissenschaftler oder Soziologen.