Green Building: Leistbar nutzen durch grünes Bauen

19.02.2015 | 14:16 |  von Gerald Pohl (Die Presse)

Betrachtet man die gesamten Lebenszykluskosten, zeigt sich, dass die Nutzung eines Gebäudes durch nachhaltige Technologien bei der Errichtung tatsächlich billiger wird.

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Wien. Leistbare Nutzung von Gebäuden – das ist eine jener Forderungen, die dann entstehen, wenn das Leben in der Stadt als zu teuer empfunden wird. Da die Einwohnerzahl in den Agglomerationen kontinuierlich steigt, muss kostengünstiger Raum geschaffen werden. Dabei stellt sich die Grundsatzfrage: Soll – unter Vernachlässigung bevorstehender Betriebskosten – möglichst billig gebaut werden, oder ist es ratsam, bestmöglich zu errichten – was mitunter recht teuer sein kann –, um später auftretende Kosten niedrig zu halten? In den vergangenen zehn Jahren gab es zahlreiche Innovationen im Bereich des nachhaltigen Bauens, die unter der Prämisse, leistbar zu bleiben, die Nutzer der Immobilien technologisch nicht überfordern sollen. Zu diesem Themenkreis werden weltweit Kongresse veranstaltet wie zurzeit Bau Z, der in der Messe Wien stattfindet. Rund 200 Experten nehmen an dem dreitägigen Symposium teil.

Rasche Amortisierung

Auch in Wien wird ein diesbezüglicher Lösungsansatz diskutiert. Bis zum Jahr 2030 wird die Bevölkerungszahl in der Bundeshauptstadt auf zwei Millionen Einwohner ansteigen. Neue Stadtentwicklungsgebiete wie die Seestadt Aspern oder das Viertel rund um den Hauptbahnhof sind im Entstehen. „Analysen von realisierten Projekten zeigen, dass eine hochwertige Bebauung unter Einbindung erneuerbarer Versorgungstechnologien nicht unbedingt teurer sein muss“, berichtet Thomas Kreitmayer von der Magistratsabteilung 20 der Stadt Wien, zuständig für Energieplanung. Anfängliche Mehrkosten für alternative Energiesysteme sollten sich im Vergleich zu konventioneller Versorgung bereits nach wenigen Jahren rechnen und in Summe zu deutlich niedrigeren Lebenszykluskosten führen. Aber Kreitmayer berichtet: „Die Erfahrung zeigt, dass Bewohner teilweise mit massiven Energiekosten belastet werden, obwohl sie in Niedrigstenergie- oder gar Passivhäusern leben. Der Grund liegt in der Tatsache, dass bei der Errichtung auf eine Energieversorgung gesetzt wurde, die der Bauweise nicht angemessen ist.“ Bestehende Gesetze und Rahmenbedingungen unterstützen den Trend, Systeme mit seiner Meinung nach niedrigen Investitions-, dafür aber höheren laufenden Kosten zu bevorzugen, da diese an den Endkunden weiterverrechnet werden können. Wie es letztlich zu hohen Energiekosten kommt, sei aufgrund fehlender Transparenz oft nur schwer nachvollziehbar. Kreitmayer fordert, die Rahmenbedingungen so anzupassen, dass es attraktiver werde, auf geringe Lebenszykluskosten hin maßgeschneiderte Investitionen zu tätigen.

Eine radikale Lösung bezüglich Heiz-, Kühl- und Belüftungstechnik fand man beim Projekt 2226 in Lustenau (Vorarlberg), das Büros, ein Restaurant und sogar Wohnungen in sich vereint: Man verzichtete gänzlich darauf. Messergebnisse nach 18-monatigem Bürobetrieb zeigen, dass das Gebäude auch in extremen Situationen im Winter und Sommer ohne Komforteinbußen und mit entsprechender Kostenersparnis betrieben werden kann. Das brachte dem von den Vorarlberger Architekten Baumschlager Eberle errichteten Mixed-Use-Building eine Platzierung auf der Shortlist des Mies-van-der-Rohe-Preises 2015.

Studie bestätigt die Annahme

Dass Kosteneinsparung bei der Nutzung von Gebäuden auch international gefordert wird, bestätigt Thomas Mueller, Präsident der kanadischen Green-Building-Vereinigung. Er berichtet beim Kongress von einer 2012 von McGraw Hill durchgeführten Studie, die besagt, dass 92 Prozent der Gebäudebesitzer Energieersparnis als den wichtigsten Beweggrund nannten, um nachhaltig bauen zu lassen, wobei nur 52 Prozent der befragten Architekten dies genauso sahen. Mueller: „Das ist nicht weiter erstaunlich, wenn man bedenkt, dass die Verminderung des Energieverbrauchs und die damit verbundene Kostenersparnis oft die Triebfeder für nachhaltige Hausprojekte oder Renovierungen sind.“ 74 Prozent der Bauherren sind der Meinung, dass die Errichtung von nachhaltigen Gebäuden kostenintensiver ist als die Errichtung von Gebäuden mit herkömmlicher Technologie. Die Schätzungen belaufen sich auf bis zu 30 Prozent Kostenunterschied. Tatsächlich liege dieser Wert laut Mueller bei maximal 12,5 Prozent.

Der Umstand, dass mit nachhaltiger Technologie errichtete Gebäude mithelfen, die Betriebskosten deutlich zu senken, spielt auch bei einem gemeinnützigen Bauvorhaben in Großbritannien eine wichtige Rolle. John Lefever von der Hastoe Housing Association liefert den Beweis, dass eine Passivhaussiedlung in Wimbish (UK) sehr geringe Heizungsrechnungen ermöglicht und so dabei hilft, Folgen von „Energiearmut“ unter den Mietern zu vermeiden und Mietrückstände zu vermindern. „Ein Passivhaus sollte stets wohltemperiert sein. Sogar im Februar 2013, dem kältesten Monat während des Untersuchungszeitraums, lag die Temperatur im Haus maximal ein bis zwei Grad unter den üblichen 20 Grad Celsius“, so Lefever. Die Bewohner berichteten, dass sie nie Kälte verspürten und kaum die Heizung einschalteten.

Kongress Bau Z

Expertentreffen. Vom 12. bis 14. Februar 2014 findet der Kongress für zukünftiges Bauen parallel zur „Bauen und Energie“-Messe in Wien statt. Die Veranstaltung beschäftigt sich mit der Praxis der Gebäudenutzung. Die Themenschwerpunkte liegen dabei auf Gebäudetechnik, Gebäudemonitoring, Energieeffizienz, Komfort sowie Leistbarkeit. Neben Fachvorträgen finden Workshops, eine Speeddating-Session und Podiumsdiskussionen statt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.02.2015)

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