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Aus der Nische in den Wachstumsmarkt

10.02.2017 | 17:45 |  von Michael Loibner (Die Presse)

Seine Wohnung nachhaltig einzurichten bedeutet mittlerweile selten einen Verzicht auf Komfort oder Design. Auf Schnäppchen allerdings schon.

Symbolbild Einrichtung
Symbolbild Einrichtung / Bild: imago/Manngold 

Wer einen umweltfreundlichen Schreibtischstuhl sucht, kann sich gemütlich zurücklehnen – und zwar in eine Rückenstütze aus Textilnetz, aufgespannt von Edelstahlstäben, statt einer herkömmlichen Lehne. „Das Netz ist nachhaltig, chic und liefert eine gute ergonomische Performance, weil es sich dem Rücken perfekt anpasst“, schildert Wolfgang Wimmer, was dabei herauskommen kann, wenn sich Möbeldesigner auf die Suche nach biologisch verträglichen Alternativen für herkömmliche Einrichtungsgegenstände machen. Wimmer ist Leiter des Forschungsbereiches Ecodesign am Institut für Konstruktionswissenschaften der TU Wien und weiß, dass die asketisch anmutende „Bio-Ästhetik“ von einst längst einem hohen Designanspruch gewichen ist. Das hat dazu beigetragen, dass nachhaltige Möbel und Wohnaccessoires sich vom Nischenprodukt mittlerweile zu einem Wachstumsmarkt entwickelt haben.

Aus dem Müll . . .

Das ökologische Wohnkonzept berücksichtigt umweltrelevante und soziale Aspekte der Herstellung. In erster Linie geht es um die verwendeten Materialien. Heimisches Massivholz gilt durch die kurzen Transportwege und die damit verbundene positive Ökobilanz als Toptipp der Experten. „Eiche ist bei den meisten Kunden der Favorit, derzeit gibt es zudem einen Hype rund um die Zirbe“, erklärt Gerhard Spitzbart, Bundesinnungsmeister der Tischler. Einige Einrichtungshäuser und Versandservices haben sich darauf spezialisiert. Hintergrund: Dem Duft des Zirbenholzes wird eine entspannende, kreislaufstabilisierende und schlaffördernde Wirkung nachgesagt, weshalb es häufig für Betten empfohlen wird. „Zirben wachsen jedoch nur in Höhen zwischen 1400 und 2500 Metern und sind daher nicht unbeschränkt vorhanden“, warnt Spitzbart. Ebenfalls im Trend ist Bambus. Zwar muss diese Pflanze über lange Wege transportiert werden, ihre CO2-Bilanz ist dennoch gut: Sie braucht keinen Dünger oder Pestizide und wächst sehr schnell, meterhohe Stämme sind bereits nach fünf Jahren erntereif. „Bei nicht heimischen Produkten stellt sich jedoch für viele Kunden die Frage der fairen Produktion“, gibt Spitzbart zu bedenken.

Was natürlich ebenfalls in die Kategorie „nachhaltig“ fällt, sind Einrichtungsgegenstände und Accessoires aus Recyclingmaterial, die ihren einstigen Experimentalcharakter längst verloren und den Weg aus den Labors studentischer Arbeitsgruppen in etablierte Designstudios gefunden haben – vor allem, seit sich mit ihnen viel Geld verdienen lässt. So sieht man ihnen ihre Herkunft aus dem Mülleimer keineswegs an.

. . . für Generationen

Weitere Kriterien sind eine qualitätsvolle Verarbeitung ohne Schadstoffe und, damit verbunden, die Langlebigkeit des Möbelstücks. Diese schlägt sich freilich im Preis nieder. „Ein Billigregal aus dem Einrichtungshaus wird man in der Regel schon bald ersetzen und eher nicht vererben“, sagt Designer Wimmer, der freilich weiß, dass heutzutage kaum jemand jahrzehntelang in derselben Wohnumgebung leben will. An der Wiener TU läuft derzeit ein Projekt, das sich mit Produkten befasst, deren Lebensdauer die Nutzungsdauer übersteigt. Die Lösung: Möbel aus unterschiedlich zusammensetzbaren Modulen. Wimmer: „Da werden die einzelnen Elemente herausgenommen, indem man etwa bei Möbeln nur die Fronten tauscht“, wenn man einmal Tapetenwechsel in den eigenen vier Wänden benötigt. Stichwort Tapete: Die Wandverkleidung der 1970er-Jahre ist wieder in, wobei Produkte auf Grasfaserbasis den höchsten Umweltverträglichkeitsfaktor aufweisen. Wer lieber streicht, verwendet am besten Farben auf Kalkbasis. „Alternativ dazu gibt es Wandcremen, die mit Ionenaustauschern positiven Einfluss auf das Raumklima haben, mit Tonputz lassen sich interessante optische Effekte erzielen“, empfiehlt Dan Badstuber, Geschäftsführer des mit dem „Staatspreis Patent“ ausgezeichneten Unternehmens Johan Natur.Design.Wohnen. Wer sich beim Fußboden nicht für Holz entscheidet, für den gibt es eine ebenfalls nachhaltige Alternative. Seit einigen Jahren sind Fliesen mit Holzoptik verfügbar, die nicht nur eine robuste Oberfläche aufweisen, sondern sogar eine bessere Wärmeübertragung als Holz. So spart man Energie, falls man zu Hause eine Fußbodenheizung eingebaut hat. Den Energieverbrauch einschränken kann man auch bei der Beleuchtung, gewöhnlich einem der größten Stromfresser. Bei LED-Lampen wird fast die gesamte Energie in Licht umgewandelt, ohne dass als Nebenprodukt Hitze erzeugt wird. Das Problem: „Die Fabriken haben ihren Sitz zumeist in Asien“, verweist Badstuber darauf, dass selbst österreichische Leuchtkörper-Hersteller LED-Teile zukaufen müssen.

DEFINITIONSSACHE

Eine rechtsverbindliche Definition für nachhaltige Möbel (wie etwa für nachhaltige Textilien) gibt es derzeit (noch) nicht. So unterwerfen sich mehrere Produzenten, Händler und Designer – etwa Johan oder Grüne Erde aus Scharnstein (OÖ), das sich selbst als „Pionier für Ökomöbel“ bezeichnende Team 7 aus Pram (ebenfalls OÖ) und andere auf nachhaltige Produkte spezialisierte Betriebe – einer freiwilligen Selbstkontrolle und bieten dem Käufer mit anerkannten Ökosiegeln (FSC, Öko Control etc.) eine Orientierung. Mittlerweile gibt es sogar – eine Folge der steigenden Nachfrage – einen Europäischen Verband ökologischer Einrichtungshäuser, bei dem allerdings Tiroler Naturschlaf der einzige österreichische Vertreter ist. Tipp der Experten: Im Zweifel den Händler nach der Umweltprodukterklärung fragen!

 


[NAVZA]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.02.2017)