Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentare Artikel senden Senden

Von der Wohnung zum Familientraum

29.12.2017 | 15:43 |  Von Ursula Rischanek (Die Presse)

Kleinkinder brauchen viel Aufsicht, Jugendliche sondern sich gern ab. Was eine familiengerechte Wohnung ausmacht.

Viel Platz ist eines der Grundbedürfnisse junger Familien.
Viel Platz ist eines der Grundbedürfnisse junger Familien. / Bild: (c) imago/Westend61 (Uwe Umstätter) 

Wer über eine geräumige, familientaugliche Wohnung verfügt, kann sich jetzt während der Weihnachtstage besonders darüber freuen. Genug Platz für den Christbaum, für die Kinder und Verwandten, die man zum Essen einlädt. Nicht jedem ist dieses Glück beschieden, und so werden sich auch im neuen Jahr wieder viele auf die Suche nach einer größeren Wohnung machen.
Rund 158.000 Treffer erhält man, wenn man den Begriff „familienfreundliche Wohnung“ googelt. Aber worauf sollte man dabei eigentlich achten – abgesehen von der Leistbarkeit? „Dass sie sich den Bedürfnissen der Familie anpasst“, meint Gerlinde Gutheil-Knopp-Kirchwald, wohnwirtschaftliche Referentin beim Österreichischen Verband gemeinnütziger Bauvereinigungen – Revisionsverband (GBV). Doch diese ändern sich im Lauf der Jahre: Kleinkinder müssen ständig im Auge behalten werden, gleichzeitig muss aber der Haushalt gemanagt werden. Wohn- oder offene Küchen, die quasi als Gemeinschaftsraum fungieren, ermöglichen beides. Kinderzimmer sollten möglichst in der Nähe von Wohn- und Elternschlafzimmer liegen, um Blick- und Hörkontakt herzustellen. Der Sicht- beziehungsweise Rufkontakt zum Innenhof sollte ebenfalls gegeben sein, um die dort spielenden Kinder beaufsichtigen zu können. Wird der Nachwuchs größer, steigt das Bedürfnis nach Ruhe und Privatsphäre. Etwa, um Hausaufgaben ungestört erledigen zu können oder um als Jugendlicher mit Freunden Zeit verbringen zu können – somit werden Rückzugsräume in dieser Lebensphase für sie wichtiger. „Nutzungsneutrale, ähnlich große, abteilbare Wohnräume haben sich bewährt“, sagt die Expertin, die sich in ihrer Dissertation unter anderem auch dem Thema „Familiengerechte Wohnung“ gewidmet hat. Diese könnten leichter getauscht oder einmal anders genutzt werden.

Abstell- und Freiräume

Weitere Kriterien einer familiengerechten Wohnung sind nach Ansicht der Referentin ein Abstellraum sowie ein Balkon, Garten oder eine Terrasse. Darüber hinaus sollte man bei der Wohnungssuche mit Kind auch noch andere Kriterien in Betracht ziehen: Gibt es Gemeinschaftsräume, in denen Kinder beispielsweise spielen oder Geburtstag feiern können, und ausreichend große, gut zugängliche und absperrbare Kinderwagenabstellräume? Sicherheit ist generell ein Thema, etwa, wenn es um das Vermeiden von Angsträumen geht. „Ideal sind natürlich belichtete Stiegenhäuser, Waschküchen und Garagen“, rät Gutheil-Knopp-Kirchwald.
Auch das Wohnumfeld sollte man einer genauen Prüfung unterziehen: Sind Kinderarzt, Apotheke, Kindergarten, Schule und Einkaufsmöglichkeiten in der näheren Umgebung zu finden? Gibt es Parks und Spielplätze? Wie schaut es mit dem öffentlichen Verkehr und Freizeitangeboten aus? Befindet sich die Wohnung gar in einer verkehrsberuhigten Zone? Und hat man die Möglichkeit, vor Bezug der Wohnung die zukünftigen Nachbarn kennenzulernen und bei der Detailplanung mitzuentscheiden? Übrigens: Explizite Kriterien für kinder- oder familiengerechtes Wohnen wird man in der Bauordnung vergebens suchen. „Es gibt aber natürlich Vorschriften zur Errichtung von Spielplätzen, Kinderwagen- und Fahrradräumen.“ Geförderte Wohnbauten in Wien würden außerdem im Vorfeld nach ihrer Qualität beurteilt, erläutert die Expertin.
Die Familienphase, in der Eltern mit den Kindern unter einem Dach leben, ist heute eine verhältnismäßig kurze im Lebenslauf. Dies hängt laut einer Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF) der Universität Wien unter anderem damit zusammen, dass man heute statistisch gesehen später Kinder bekommt, weniger Kinder großzieht und länger lebt. So ergeben sich längere Phasen, in denen man allein, partner- oder kinderlos wohnt und weniger Wohnfläche benötigt. Flexible Wohngrundrisse mit verschiebbaren Wänden und der Option, ganze Wohneinheiten zusammenzulegen und auch wieder trennen zu können, wären daher sinnvoll.
Diesen Weg gehen beispielsweise Georg Kogler und das Büro Stadt, Werk und Wohnen mit ihrem Projekt „Wohnen und Arbeiten mit Kindern“. Gemeinsam mit der Ersten Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft (EGW) wird ab Anfang 2018 ein entsprechendes Demonstrationsprojekt im Seeparkquartier in Aspern realisiert. „Wir planen ein Gebäude mit Einheiten, ähnlich wie Edellofts“, erklärt Kogler.

Nutzungsoffenes Projekt

Eine sehr flexible Trägerstruktur und eine eng gestrickte technische Infrastruktur seien die Hardware, die es ermögliche, die Räume an die jeweiligen Anforderungen anzupassen. Somit seien Wohnungen von 35 bis zu 50 Quadratmetern Größe genauso möglich wie Zellen-, Kombi- oder Großraumbüros. „Dieses Grundmodul ist in Halbachsen erweiterbar“, erläutert Kogler. Den Experten geht es aber um mehr als die Architektur: Sie versuchen, auch ein Programm für das Haus vorzuschlagen, und setzen dabei auf die Community. Ein Schwerpunkt derselben wird auf der Organisation der Kinderbetreuung liegen. „Dabei ist ein Kinderbetreuungssystem im Haus genauso vorstellbar wie die Möglichkeit, dass die gesamte Hausgemeinschaft eine Einheit mietet und sich tageweise die Kinderbetreuung teilt“, sagt der Architekt.
Ausgangspunkt für dieses Konzept war die Überlegung, dass die Digitalisierung einen durchgreifenden gesellschaftlichen Wandel bringen werde. Dabei werden, so Kogler, zwei Fragen in den Fokus rücken: Ist die Betreuung der Kinder außerhalb von Schule und Hort, etwa bei Krankheit oder in den Ferien, gesichert? Und: Wie stabil ist die wirtschaftliche Situation der Eltern? „Wir haben ein Modell der nutzungsoffenen Immobilie entwickelt und dieses eng mit einer Community verknüpft“, versichert Kogler.