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Shoppingcenter: Blau werden mit grünen Dächern

18.05.2012 | 18:35 |  MARTIN WALPOT (Die Presse)

Nachhaltiges Bauen in großen Einkaufsarealen hat Aufholbedarf. Was es braucht, damit Handelsflächen zu Blue Buildings werden.

Shoppingcenter Blau werden gruenen

Schnell errichtet, nüchtern funktional, stark frequentiert: In Sachen Nachhaltigkeit sind Shoppingcenter die Gebäudetypen, an die der Benutzer nicht zu allererst denkt. Tatsächlich gibt es hier viel Nachholbedarf. Aufgrund neuer Raumordnungsbestimmungen und steigender Gesamtkosten sollen sie zukünftig nicht bloß grüner, sondern blauer werden. „Blue Buildings bewerten Nachhaltigkeit gesamtheitlich und berücksichtigen daher neben ökologischen auch wirtschaftliche und soziokulturelle Faktoren“, erklärt Iva Kovacic vom Institut für interdisziplinäres Bauprozessmanagement der TU Wien. Wirtschaftliche Faktoren wie Standortauswahl, Infrastruktur, Branchenmix und Größe der riesigen Einkaufsflächen seien ebenso wichtig wie der Einsatz nachwachsender umweltschonender Rohstoffe und rationales Energiemanagement. „Was schlussendlich zählt, ist, dass sich der Kunde beim Einkaufen wohlfühlt“, erklärt Philipp Kaufmann, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Nachhaltige Immobilienwirtschaft (ÖGNI). Aber wie fühlt man sich „nachhaltig wohl“ beim Shoppen?

 

Tageslicht und Umsatz

Laut Brian Cody, Architekt und Institutsvorstand für Gebäude und Energie der TU Graz, ist der Wohlfühlfaktor im Konzept vieler Einkaufszentren noch nicht gegeben. „Shoppingcenter und Hotels werden nach etablierten Industriestandards überall auf der Welt gleich gebaut“, sagt Cody. Im Zentrum einer solchen steht die Mall – eine überdachte und zur Außenwelt meist geschlossene Fläche mit angrenzenden Geschäften. „Anstatt hier das Tageslicht zu nutzen, werden viele Malls künstlich beleuchtet – obwohl tagesbelichtete Räume mehr Umsatz generieren. Die entstehende Abwärme muss dann mit elektrischen Kühl- und Lüftungsanlagen das ganze Jahr über teuer abgeführt werden“, zeigt Gernot Zöhrer von ECE, Europas größtem Unternehmen im Shoppingcenter-Bereich, auf. Eine natürlichere Umgebung wünscht auch er sich: Eine Belüftung durch großdimensionierte Fenster- und Dachöffnungen ist oft ohne Riesenaufwand realisierbar. Helle Materialien oder Sonnenschutzgläser bei Fassaden könnten dabei helfen, den Kühlungsbedarf zu reduzieren. Begrünte Dächer würden für weniger Temperaturschwankungen und ein organisches Stadtbild sorgen.

Manche Projekte greifen den Umweltgedanken bereits auf: So wurde vor Kurzem ein portugiesisches Shoppingcenter gerade wegen seiner zertifizierten Nachhaltigkeit beim Across Award zum innovativsten Europas gekürt. Auch das in Gerasdorf bei Wien geplante G3-Shoppingresort verwendet ein „nachhaltiges System, mit dem mittels Fernwärme aus Biomasse geheizt und Grundwasser gekühlt wird“, erklärt Kurt Schneider, CEO des Handelsimmobilienunternehmens Ekazent. Im tageslichtdurchfluteten und begrünten Resort können Kunden ab Herbst 2012 einkaufen, flanieren und konsumieren. Wie nachhaltig das G3 tatsächlich im Betrieb sein wird, bleibt abzuwarten. Eine große Umweltverträglichkeitsprüfung wurde durchlaufen, nachhaltige Baustoffe wurden verwendet, in die Planungsphase sogar Feng-Shui-Berater miteinbezogen. Wenn Nachhaltigkeit auch den Grad der Verbauung betrifft: Nach dem G3, Österreichs fünftgrößtem Shoppingcenter, soll kein derart großes mehr bundesweit errichtet werden.

Dass sich Nachhaltigkeit auch bei Handelsimmobilien durchsetzen wird, dafür sprechen wirtschaftliche Fakten: Solche Gebäude erzeugen bis zu einem Viertel weniger CO2 und Müll und brauchen 40Prozent weniger Wasser – „aber nur, wenn Nachhaltigkeit in die früheste Planungsphase von Gebäuden einfließt und ihren gesamten Lebenszyklus berücksichtigt“, mahnt Cody. Noch bevor ein neues Einkaufszentrum gebaut wird, verbraucht es sehr viel „graue“ Energie. „Bereits in der Herstellung der Materialien eines Gebäudes darf nicht mehr Energie aufgewandt werden, als schlussendlich eingespart werden will“, so Kaufmann, der auch auf die gesundheitlichen Aspekte am Baubestand verweist. Nachhaltige Revitalisierung wird da zunehmend ein Thema, wenn Shoppingcenter wieder verstärkt in die Innenstädte wandern. „Der ideale Standort für ein Einkaufszentrum, weil man auf urbane Baustrukturen und bereits bestehende Infrastruktur zurückgreifen kann, ohne grüne Wiese zu verbauen“, sagt Zöhrer.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 19.05.2012)