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Wohnglück: Quadratmeter sind nicht alles

01.12.2017 | 21:31 |  Von Michael Loibner (Die Presse)

Die Österreicher lieben es gemütlich und bequem. Was genau dazu beitragen kann, darüber gehen die Meinungen auseinander. Einige Wünsche teilen aber fast alle.

Symbolbild.
Symbolbild. / Bild: (c) BilderBox.com (BilderBox.com) 

Es ist ein Stereotyp, aber es stimmt – zumindest, wenn man den Aussagen der Wohnexperten traut: Die Österreicher lieben es zu Hause gemütlich und bequem. Doch die Wege zum Glück sind höchst unterschiedlich. Daher mahnen die Fachleute ein: Um die unterschiedlichen Ansprüche befriedigen zu können, wird man in Zukunft Wohnungen planen und bauen müssen, die individuell noch besser gestaltbar sind.

Freiflächen ein Muss

Die eigene Wohnung wird für immer mehr Menschen zum Rückzugsraum, zum Ort der Entschleunigung und des Wohlfühlens, sagt der Zukunftsforscher Andreas Giger. Auch wenn Gemütlichkeit in diesem Rückzugsraum bei den meisten Österreicherinnen und Österreichern ganz oben auf der Wunschliste steht, so gehen die Meinungen darüber, was Gemütlichkeit nun ausmacht, auseinander. Sie hängen unter anderem vom Alter ab, weiß Claudia Brandstätter, Geschäftsführerin des Grazer Trendbüros „Bmm“, aus zahlreichen Umfragen. Einige „Musts“ gehören zum Wohnglück aber unbedingt dazu. So zum Beispiel Terrasse oder Balkon. „Eine Wohnung am Stadtrand, mit den Annehmlichkeiten des urbanen Raums und gleichzeitig viel Grün, das ist für viele unerschwinglich, daher will man sich die Natur in Form möglichst großzügiger Außenflächen nach Hause holen.“
Das Schlafzimmer vermittelt Lebensqualität, was sich in tendenziell immer größeren Raummaßen niederschlägt. Bei der Matratzenwahl wird selten gespart, was für die Experten ein Indikator für die große Bedeutung eines ruhigen Schlafes ist. Ein geräumiges Bad wird als Wellnesszone geschätzt, das Wohnzimmer dient der Entspannung. „Absolut in Mode ist daher derzeit eine Einrichtung aus Eichenholz, das Wärme ausstrahlt“, meint Einrichtungsexperte Robert Ludl von Weihburg Interiors in Wien.
„Was vielen Leuten wichtig ist, aber bei Neubauten oft fehlt, sind klassische Abstellräume“, kennt Raiffeisen-Immobilien-Geschäftsführer Peter Weinberger einen weiteren Wunsch. Nicht nur für Hilfsmittel im Haushalt wird Stauraum gesucht, auch persönliche Andenken brauchen einen Ort zur Aufbewahrung. Sie sind Teil der Identität der Bewohner, die Gewissheit ihrer Nähe daher ein wichtiger Beitrag zum Glücklichsein.
Der Wunsch nach vielen Räumen muss sich aber nicht unbedingt im Streben nach Wohnungen mit großzügiger Fläche niederschlagen. Im Gegenteil: „Die durchschnittliche Wohnungsgröße geht nach dem Höchstwert in den 1980er-Jahren wieder zurück, Mietwohnungen in der Bundeshauptstadt haben derzeit durchschnittlich nicht mehr über 40, sondern etwa 36 Quadratmeter“, weiß Georg Fellner, Leiter des Referats für Wohnbauforschung der Stadt Wien. Das liegt daran, dass im modernen Wohnbau dank funktionalerer Aufteilung gleiche Wohnqualität auf geringerem Platz als früher untergebracht wird. „Was viel wichtiger ist als die Quadratmeterzahl, sind intelligente Raumkonzepte“, pflichtet Claudia Brandstätter bei. „Man muss vor der Planung schon wissen: Wer soll sich dort wohlfühlen?“ Für Fellner liegt die Zukunft in flexibleren Wohnungen, beispielsweise mit wenigen tragenden Wänden, denn: „Die optimale Wohnung für alle gibt es nicht. Je mehr Gestaltungsmöglichkeiten ich habe, desto glücklicher bin ich in meinem Zuhause. Die Wünsche ändern sich mit der Zeit ja auch.“
Roman Ascherov vom Bauträger und Projektentwickler Aira in Wien berichtet über seine Kunden: „Viel Wert wird auf Entscheidungsfreiheit gelegt: Was kann ich mir aussuchen, und was kostet mich das? Kann ich die Wand versetzen oder die Fliesenfarbe ändern?“ Der Schnitt sei daher nach der Leistbarkeit das wichtigste Kriterium bei der Wohnungssuche, sind sich die Experten einig. Den Schnitt nur nach dem Plan zu beurteilen fällt jedoch künftigen Bewohnern von Neubauwohnungen oft schwer. „,Kann ich die Wohnung vorab in 3-D sehen?‘, ist eine der häufigsten Fragen unserer Kunden“, berichtet Ascherov. Bei etlichen Immobilienanbietern sind tatsächlich solche Computeranimationen möglich.

Eigenheim oft unbezahlbar

Das Institut für Freizeit- und Tourismusforschung (IFT) nimmt regelmäßig die Wohnträume der Österreicher unter die Lupe und hat herausgefunden, dass rund die Hälfte jener, die in einer Miet- oder Eigentumswohnung leben, in einem eigenen Haus noch glücklicher wären. „Der Wunsch nach einem Eigenheim nimmt zu, und auch wenn die Österreicher beim Wohnen am wenigsten sparen wollen, bleibt er für viele aufgrund geringer finanzieller Möglichkeiten ein Traum“, sagt Institutsleiter Peter Zellmann.