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Ein Haus, das zu schweben scheint

29.12.2017 | 15:38 |  Von Lisbeth Legat (Die Presse)

In Enns, fast im Zentrum, hat Architekt Helmut Poppe das Haus A, ein Einfamilienhaus, realisiert, dessen hervorstechendstes Merkmal ein vorkragendes Betondach ist.

Die bodentiefen Verglasungen lassen viel Licht ins Gebäude. Schutz vor direkter Sonne bietet das vorragende Betondach.
Die bodentiefen Verglasungen lassen viel Licht ins Gebäude. Schutz vor direkter Sonne bietet das vorragende Betondach. / Bild: (c) Walter Ebenhofer 

Die Vorgaben der Bauherren, einer Familie, deren studierende Kinder schon aus dem Haus sind, waren klar umrissen: 150 m22 Wohnfläche, eine Zigarrenlounge und „ein nicht allzu üppiger finanzieller Rahmen. Architektonisch wurde mir völlig freie Hand gelassen“, betont Architekt Helmut Poppe. Seine Entscheidung, sämtliche vertikalen Flächen in Ziegelbauweise und alle horizontalen Flächen in Sichtbeton ausführen zu lassen, hatte in erster Linie ästhetische Gründe. „Wir bauen sehr viel mit Holz, Glas und Beton, und für dieses Haus schienen mir Sichtbeton und Glas den Vorgaben am besten gerecht zu werden – auch, weil ich es schön finde.“

Ästhetik in Sichtbeton

Das ebenerdige, rechteckige Gebäude steht in der Mitte eines rund 2000 Quadratmeter großen Grundstücks. Die ursprüngliche Hanglage hat Poppe dazu genützt, einen einstöckigen Gebäudeteil mit Garage und darüber die Zigarrenlounge zu errichten. An dessen Mauer führt eine überdachte, frei stehende Stiege auf die eingeebnete Hausebene. Das Haus steht auf einem Betonsockel, „wegen der Hanglage und der Dämmung, aber auch, weil das den Effekt hat, dass das Haus zu schweben scheint“, erklärt der Architekt. Ausgeführt sind alle Betonteile als Sichtbeton. „Wir haben dabei ganz besonders auf das Schalungsbild geachtet, was in der Ausführung aufwendiger ist, und dafür gesorgt, dass überall die gleiche Körnung verwendet wurde, damit sich ein einheitliches optisches Bild ergibt.“
Das Dach bildet durch seine 3,20 Meter Vorkragung nicht nur eine große Terrasse, sondern dient auch der Temperaturregelung mittels Bauteilaktivierung. Im konkreten Fall wurde die Decke über entsprechende Verrohrungen als Energieträger aktiviert und dabei der Beton als Speichermasse genützt. Gleichzeitig schützt es im Sommer die Räume vor direkter Sonneneinstrahlung und sorgt im Winter für eine Erwärmung durch die in flacherem Winkel einfallenden Sonnenstrahlen. Unterteilt und zum Teil gegen den Garten hin abgeschirmt wird diese Terrasse durch Stahllamellen. „Wir haben dafür Cortenstahl genommen, der eine Rostoberfläche bildet, was gemeinsam mit dem Beton einen ganz eigenen Reiz hat.“
Das Haus selbst, beschützt vom Betondach, scheint nur aus Glas zu bestehen. Bodentiefe, zweifach verglaste Fenster respektive Türen öffnen das Hausinnere zu der umlaufenden Terrasse beziehungsweise zum Garten hin. Interessant ist, dass auch der Fußboden im Haus aus Sichtbeton besteht. „Das hat mehrere Gründe: Einerseits gelangt so die Wärme über die Fußbodenheizung direkt in den Raum, andererseits ist er unkompliziert. Die Familie besitzt eine Dogge und wollte unbedingt einen pflegeleichten Fußboden, darüber hinaus ergibt sich optisch ein durchgehendes Bild“, erläutert Poppe. Die Heizung erfolgt über eine Wärmepumpe, „das war in diesem Fall die wirtschaftlichste Lösung.“ Heizen und Kühlen sind in Haus A zwei getrennte Systeme: Der Boden dient der Heizung, das Dach der Kühlung.

Aus einem Guss

Man betritt das Gebäude durch eine überdachte Treppe, die zu der offenen Terrasse führt, die auf einer Seite durch die Stahllamellen abgeschlossen ist. Von dort kommt man in Gemeinschaftsräume wie Küche und Wohnraum. Diese sind einer Sichtachse entlang durchgehend offen. Daran schließen sich die Rückzugsräume, das Schlafzimmer, Badezimmer und ein Wellnessbereich an, die kompakt abgeschlossen sind. Die Inneneinrichtung besteht weitgehend aus Holz, die Möbel sind weißlasierend geölt. Durch die in diesem Teil des Hauses durchgehende Verglasung sind die Räume lichtdurchflutet. „Uns war es wichtig, auch die Innengestaltung zu übernehmen, damit das ganze Haus eine Einheit bildet und aus einem Guss ist“, erläutert der Architekt. „Und da die Bauherren damit sehr zufrieden sind, ist uns das offenbar ganz gut gelungen.“