Wüstenrot-Chefin Riess: "Bauen nur Single-Ghettos"
25.06.2012 | 18:41 | GERHARD HOFER UND ALEXANDER WEBER (Die Presse)
Der Immobilien-Boom werde primär von Reichen befeuert, sagt Ex-FPÖ-Vizekanzlerin Susanne Riess. Um auch Menschen mit kleineren Einkommen zu Wohneigentum zu verhelfen, sollte der Staat das Bausparen weiter fördern.

Die Presse: Offensichtlich stehen Länder, in denen Bausparen populär ist, finanziell besser da. Sie können uns sicher den Zusammenhang erklären.
Susanne Riess: Wenn man das zu Ende denkt, gibt es natürlich einen Zusammenhang. Für eine Volkswirtschaft ist es von Bedeutung, wie sich die privaten Haushalte verschulden und wie viel Eigentum und Vermögen es im privaten Bereich gibt. Bausparen ist für den Bund günstig, weil die Bausparprämie das Budget nicht so belastet wie andere Förderungen und konjunkturell trotzdem große Auswirkungen hat.
Warum ist ausgerechnet das Bausparen in Österreich so beliebt?
Es fängt damit an, dass ein eigenes Heim eines der Grundbedürfnisse der Menschen ist. Einer der Grundgedanken des Bausparens ist es ja, diesen Wunsch Menschen mit kleineren Einkommen zu ermöglichen. Zu den Hochzeiten der Fremdwährungskredite dachten die Leute, sie brauchen das nicht mehr, weil man einen Kredit aufnehmen und noch daran verdienen kann. Wie wir gesehen haben, hat sich das genauso wenig bewährt wie alle anderen Wunderdinge in der Finanzwelt.
Auch der Staat soll sich nicht heillos verschulden. Die Bausparprämie darf er aber nicht kürzen?
Das rettet den österreichischen Bundeshaushalt ja nicht. Und Förderungen, die die Konjunktur ankurbeln, machen Sinn. Die 100 bis 150 Mio. Euro, die der Staat jährlich in die Bausparprämie investiert, sind besser als eine Fülle von Privatkonkursen. Ich bin kein Anhänger von Förderungen per se, aber der Staat muss Anreize setzen. Wir sprechen von 36 Euro pro Jahr – das ist keine Riesenförderung, aber immerhin ein Anreiz, in ein System zu investieren, das konjunkturelle Effekte schafft.
Wenn man sich die Preissteigerungen bei Immobilien allein im vergangenen Jahr anschaut – braucht es da wirklich zusätzliche Anreize, um die Menschen zum Bauen und Kaufen von Immobilien anzuregen?
Wir brauchen überhaupt einen anderen Zugang zum Bauen und Wohnen. Wenn ich mir ansehe, wie viele Single-Wohnungen in Wien gebaut werden, dann wird klar, dass wir die falschen Dinge bauen. Gerade im städtischen Bereich bräuchten wir viel mehr Generationenwohnmodelle. Wir können ja nicht irgendwann alle in ein Pflegeheim gehen, auch nicht mit staatlichem Pflegegeld.
Was haben Sie gegen Singles?
Nichts, aber wenn ich lauter „Single-Ghettos“ baue, werden die Menschen dort irgendwann einmal älter und später können sie sich nicht mehr allein versorgen. Wenn man schon staatliche Förderungen vergibt, dann sollte das Geld in lohnende Projekte fließen.
Und nicht in „Single-Ghettos“?
Es werden Wohnanlagen gebaut, die später leer stehen werden.
Erinnert ein wenig an Spanien.
So weit werden wir ja hoffentlich nicht kommen.
Zu Beginn Ihres Exkurses über sinnvolles Bauen stand die Frage, ob man einen Immobilien-Boom auch noch staatlich fördern soll. Diese Antwort sind Sie noch schuldig geblieben.
Wir reden beim Immobilien-Boom doch nur über eine privilegierte Bevölkerungsschicht. Bausparen richtet sich in erster Linie an Menschen mit kleineren Einkommen.
Sie sehen also die Gefahr, dass sich nur noch Reiche Eigentum leisten können?
Es geht durchaus in die Richtung, dass sich viele eine eigene Wohnung nicht mehr leisten können.
Sie trauen dem Markt nicht zu, dass er auf diese Entwicklungen reagiert?
Der Markt reagiert auf Menschen mit Geld. Da reden wir aber über das obere Einkommensdrittel.
Zurück zum Bausparen: Wird in schlechten Zeiten weniger gespart?
Gerade in einer Zeit, in der die Sorge ums eigene Geld größer wird, wird mehr gespart. Die Leute denken sehr viel übers Geld nach. Viele erwerben Immobilien aus Angst vor der Inflation.
Die Angst vor einer Geldentwertung ist also groß.
Die gibt es zweifellos. Vor fünf Jahren war ein Bausparvertrag für viele „herzig“. Jetzt gehen die Menschen wieder zu den ganz traditionellen Sparformen zurück. Die erste Frage, die sie stellen, lautet: Was kann ich verlieren?
Und früher fragten sie: Wie viel kann ich verdienen?
Der blinde Glaube an das ewige Wachstum hat dazu geführt, dass sich keiner über Risken Gedanken gemacht hat. Dabei sagt einem der gesunde Hausverstand, dass es kein System gibt, bei dem alle immer nur verdienen. Es ging nur um ganz tolle Modelle, wie man ganz schnell zu ganz viel Geld kommt.
Und damit ist endgültig Schluss?
Wenn der Schmerz nachgelassen hat, wird es bestimmt wieder solche „ganz tollen“ Finanzprodukte geben, die ganz tolle Gewinne versprechen. Aber momentan ist nicht die Rendite, sondern die Sicherheit das Um und Auf.
Der Bausparvertrag ist also hoch im Kurs – auch mit halbierter Prämie?
Wir haben im März und April, als die Kürzung der Bausparprämie diskutiert wurde, einen Rückgang bei neuen Verträgen verzeichnet. Aber deshalb, weil viele abgewartet haben. Ich rechne damit, dass wir heuer zehn Prozent weniger Bausparverträge abschließen werden.
Sie sagten, viele haben Angst vor Inflation. Haben Sie persönlich auch in Immobilien investiert?
Ja. Ich hab in ein altes Bauernhaus im Salzburger Flachgau investiert.
Und von dort aus beobachten Sie die aktuelle Politik?
Und rede darüber nicht in der Öffentlichkeit. Als ich aus der Politik ausgeschieden bin, habe ich mir gesagt: Ich will nicht einer von den lästigen Ex-Politikern sein, die im Nachhinein alles besser wissen.
Einige Ihrer früheren Regierungskollegen treten heute in diversen Untersuchungsausschüssen auf. Was geht Ihnen da durch den Kopf?
Ich könnte es mir leicht machen und sagen, all diese Dinge sind nach meiner Zeit passiert. Aber das, was derzeit ans Licht kommt, macht mich manchmal sprachlos. Ich hab auch keine Erklärung dafür. Ich kann nur ausschließen, dass ich in meinen Bereichen damals derartige Dinge wahrgenommen habe.
Aber es geht um Menschen, mit denen sie früher tagtäglich zu tun hatten?
Man kann in niemanden reinschauen. Das gilt nicht nur für die Politik.
Der Immobilien-Boom werde primär von Reichen befeuert, sagt Wüstenrot-Chefin und Ex-FPÖ-Vizekanzlerin Susanne Riess. Um auch Menschen mit kleineren Einkommen zu Wohneigentum zu verhelfen, sollte der Staat das Bausparen weiter fördern. Die Halbierung der Prämie auf 18 Euro im Jahr hält sie deshalb für falsch. Um auf den demografischen Wandel zu reagieren, sollte der Staat noch stärker in die Baukultur eingreifen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.06.2012)






