Handelsfreie Zonen: Stadtkerne drohen zu veröden
10.09.2012 | 14:04 | von Herbert Asamer (DiePresse.com)
Die Politik hat bei der Entwicklung der Speckgürtel an den Stadträndern jahrelang mitgeholfen und die Innenstädte vernachlässigt. Nun ist Wiederbelebung angesagt.

Jahrelang sind Kleinstädte und deren Verantwortliche wie die Kaninchen vor den Schlangen Einkaufszentrum und Fachmarkt gestanden. Die Speckgürtel haben im Wettbewerb um die Gunst des Einzelhandels zugelegt und die historisch gewachsenen Orts- und Stadtzentren an die Wand gedrängt. Heute dominieren monotone und überall gleich aussehende Handelskonzentrationen die Bilder an den Stadträndern. Doch nun soll alles anders werden. Eine Initiative hat sich die „nachhaltige Stadtentwicklung“ in der Steiermark zur Aufgabe gestellt. Dabei sollen die Funktionen des Handels, der Kultur, der Gastronomie, der Dienstleistung, des Wohnens und des Sozialen wieder dorthin zurückgeholt werden, wo sie früher immer zu Hause waren: In die Stadtkerne.
Als Hauptgrund für die aktuelle Situation werde die nicht erfolgte Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen des Handels und dessen Kunden ausgemacht, sagt Hans Erwin Draxler, Unternehmensberater und geschäftsführender Obmann des Vereins „Netz.Werk.Stadt“. Zudem hätten Einzelinteressen, ungesunder Egoismus der Beteiligten sowie ein Versagen der Raumordnungs-Politik dazu beigetragen. Doch jetzt soll Schluss sein mit unabgestimmten Einzelaktionen zur Belebung der Stadtkerne und ein ganzheitlicher Zugang gewählt werden, so Draxler. Er legt Wert auf die Feststellung, dass sein Verein die Standortdiskussion nicht einseitig sehe und die Ansiedlungen von Firmen mit großem Flächenbedarf am Stadtrand verstehe. Denn die Händler, die sich dort in den Fachmärkten niedergelassen haben, hätten in den Innenstädten kaum geeignete Flächen vorgefunden.
30 Mio. Euro könnten Voitsberg retten
Wachsende Kaufkraft und die zunehmende Mobilität der Gesellschaft, unterstützt durch den Ausbau hochrangiger Straßennetze, haben Stätten der Begegnung wie Einkaufszentren, Büroimmobilien und Wohnbau allesamt auf der „Grünen Wiese“ entstehen lassen. Die Zahl dieser Agglomerationen ist in Österreich seit Mitte der 1990er Jahren nach dem Motto „Jeder Gemeinde ihr FMZ" ungezügelt gestiegen. Kaum ein Bürgermeister wollte auf die Einnahmen in seiner Gemeindekasse verzichten.
Heute ist es zudem einfacher und wirtschaftlich günstiger diese neuen Siedlungsformen herzustellen als komplexe Stadtkerne zu reorganisieren. Immobiliensanierungen und Parkraumlösungen in den Städten sind mit hohen Umbaukosten verbunden. „Das ist ein Wettbewerbsnachteil für die Stadtzentren, der nur durch ein gesellschaftliches Bekenntnis zur Wiederbelebung der Kerne und den dafür notwendigen Investitionen der öffentlichen Hand ausgeglichen werden kann“, sagt Draxler. Beim 1. Steirischen Stadtkernsymposium am 19. September in Voitsberg werden Details der nicht einfachen Aufgabenstellung vorgestellt und diskutiert.
Draxler will mit seinem Verein mithelfen, die EU-Geldquellen im Fonds für regionale Entwicklung und Wettbewerbsfähigkeit anzuzapfen. Dazu hat die europäische Investitionsbank ein ab 2014 zur Verfügung stehendes Förder- und Finanzierungsinstrument entwickelt, das kommende Woche ebenfalls präsentiert werden soll. Mit dem Projekt in Voitsberg wurde eine Inventur an leerstehenden Geschäftslokalen in den Städten Voitsberg und Köflach initiiert. „Mit 30 Millionen Euro könnten die Umbauten an bis zu 15 Gebäuden am Voitsberger Hauptplatz sowie die dazu passenden Infrastrukturmaßnahmen wie 400 Meter überdachte Gehsteige finanziert werden“, wird Draxler ziemlich konkret. Das könne die Frequenz in der Stadt um 50 Prozent heben, zeigt sich der Kämpfer für die Stadtkerne optimistisch. Er ortet mittlerweile auch eine positive Änderung in der Diskussions- und Streitkultur der früheren Einzelkämpfer.
Bürgermeister an vorderster Front
Dass sich Gemeindepolitiker an die Spitze der Idee stellen, entspricht auch den Vorstellungen der Handelsexperten. Stephan Mayer-Heinisch, Präsident des Handelsverbandes, hatte vor Wochen in einem Interview mit DiePresse.com gefordert, dass Politiker Handel als zentrale Aufgabe sehen und nicht länger als lästige Nebensache betrachten. Denn letztlich kommt dem Handel als Treiber eine zentrale Aufgabe bei Belebungsaktionen zu. Mit dem Voitsberger Bürgermeister Ernst Meixner gibt es einen gewichtigen Befürworter des Vorhabens. „Wir haben hier eine Entwicklung eingeleitet, die steiermarkweit als Vorbild dienen soll“, so Meixner.
Doch das Warten auf das Geld aus Brüssel und Unterstützungsbekundungen aus der Politik alleine werden nicht zum Durchbruch verhelfen. Um das Projekt zu einem Erfolg und zu einem Vorbild für andere Städte werden zu lassen, sind aber Änderungen im Verhalten und in den Einstellungen aller Beteiligten unabdingbar. Denn der Status quo, gegen den angekämpft werden soll, wurde von Politikern, Händlern, Konsumenten und Immobilieneigentümern selbst herbeigeführt. Die Kaufmannschaften müssen mehr Gemeinschaftssinn beweisen, um durch ein geschlossenes Auftreten bei Kunden und Gästen für Verlässlichkeit zu sorgen. Einheitliche Öffnungszeiten bieten eine gute Möglichkeit, die Ernsthaftigkeit der Vorhaben zu zeigen. Auch das Thema Parken und Anfahrt muss professioneller angegangen werden. Solange rigorose Parkstrafen wegen geringfügiger Überschreitung an der Tagesordnung stehen wird die Überlegenheit der Einkaufszentren und Fachmarktzentren mit dem Gratisparkangebot nicht wirklich gebrochen werden können. Bislang mangelte es an der Koordination für Haus- und Leerflächenbesitzer in Stadtkernen, die kaum Anlaufstellen für Planung und Beratung finden. Und letztlich müssen auch Citymanager zu der Einsicht gelangen, dass sie mit Events und Hochglanzbroschüren die angesprochenen Defizite kaum wirksam beseitigen können.
Für Draxler, den „Kundenanwalt der Stadtzentren“, muss es gelingen, die historische Erbmasse der regionaltypischen, unverwechselbaren Altstadtkulissen wieder zu dem Alleinstellungsmerkmal zu machen. Und dann könne sich dieser USP (Unique Selling Proposition) im knallharten Wettbewerb unter den Standorten als unbezahlbarer Wettbewerbsvorteil erweisen.





