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Chefbüro: Im Cockpit oder am runden Tisch

17.09.2012 | 16:33 |  Von Christian Lenoble (Die Presse)

Die Raumgestaltung für Entscheidungsträger folgt Kriterien wie dem Unternehmensleitbild ebenso wie der jeweiligen Persönlichkeit. Authentizität ist immer gefragt, Statussymbole sind es nur manchmal.

Symbolbild

Einmal repräsentativ, einmal funktionell, gedacht als Rückzugsort oder als kommunikative Drehscheibe – so verschieden können die Büros sein, in denen die heimischen Unternehmensbosse ihre tägliche Arbeit verrichten.

Modern und funktionell ist beispielsweise das Büro von Roland Jabkowski, Geschäftsführer des Bundesrechenzentrums: „Entsprechend dem Gesamteindruck des Gebäudes. Ich bevorzuge in meinem Office eine schlichte Optik der Möbel: klare Formen, schönes, aber einfaches Design.“ Für Reinhard Pichler, Gesamtleiter des Krankenhauses der Barmherzigen Brüder Wien, steht beim persönlichen Arbeitsplatz die Idee des Rückzugsraums und der Denkwerkstatt im Vordergrund: „Mein Büro ist der ideale Ort, um auch im turbulenten Alltag einen ruhigen Kopf zu bewahren.“

Für runde Gespräche

Ein helles Zimmer voller CD, Bücher und persönlicher Erinnerungen sowie ein herrlicher Ausblick auf den Ring prägen wiederum die Arbeitsstätte des Wiener Staatsoperndirektors. Anstelle eines Chef-Schreibtischs hat Dominique Mayer einen einfachen runden Tisch gewählt (siehe Bild rechts): „Um mit meinen Besuchern und Mitarbeitern auf gleicher Ebene zu diskutieren.“ Auf Ergonomie setzt Helmut Sattler, CEO von Neudörfler, bei der Wahl seines Arbeitstisches: „Mein elektrisch in der Höhe verstellbarer Schreibtisch passt sich an. Wenn ich die Tischfläche maximal anhebe, kann ich im Stehen arbeiten.“ Bei dem Büro, das Architekt Arkan Zeytinoglu entworfen hat (siehe Bild oben), stand der Wunsch nach kommunikativer Gestaltung im Fokus. Der Raum wurde im Zentrum der übrigen Büros untergebracht. Zeytinoglu: „Damit wird die Idee transportiert, dass der Chef im wahrsten Sinne inmitten seiner Mannschaft arbeitet.“

Wirkung nach innen und außen

Die Kriterien, die ein Chefbüro zu erfüllen hat, sind vielfältiger Natur. „Es geht einerseits um die Wirkung nach innen, Richtung Mitarbeiter. Andererseits um jene nach außen, um die Spiegelung der Chefpersönlichkeit. Und natürlich auch um den persönlichen Wohlfühlfaktor“, meint Personalberaterin Charlotte Eblinger. Ob der Raum mit teuren Möbeln, Antiquitäten und Kunstobjekten glänzt oder die Optik eher kühl, puristisch und modern ausfällt, sei dabei nicht nur eine Frage der ästhetischen Bedürfnisse.  Auch die Persönlichkeit des Führungsmanagers und die Symbolkraft eines Chefbüros als Spiegelbild der Unternehmenskultur spielen eine bedeutende Rolle.

„Der Chef ist der Kulturträger seines Unternehmens, sowohl in der betrieblichen Innen- als auch in der Außenwirkung. Im Idealfall ist sein Büro mit der Unternehmensmission, dem postulierten Leitbild und der Branche stimmig. Und Interieur wie Ambiente sollen natürlich zur Person passen. Authentizität ist gefragt“, sagt Office Consulter Andreas Gnesda. Bezüglich Raumgestaltung geht es für ihn um die Aspekte Funktionalität und Flächenökonomie: „Untersuchungen zeigen, dass Führungspersonen im Schnitt nur maximal zehn Prozent ihrer Zeit in den vier Wänden ihres Arbeitsplatzes verbringen. Kommunikative Aufgaben nehmen in dieser Zeit den größten Anteil ein.“

Für große Zimmer bietet sich laut Gnesda somit eine Raumtrennung oftmals als beste Lösung an: „Auf der einen Seite ein Schreibtisch samt Sessel, um die persönlichen Arbeiten und Telefonate ungestört erledigen zu können, auf der anderen Seite eine gemütliche Sitzecke für informelle Kundengespräche und ein kleiner Tisch für den Jour fixe oder für Gespräche mit ein bis zwei Mitarbeitern. Getrennt davon und auch extern begehbar, der berühmte runde Tisch für größere Besprechungen.“

Flache Hierarchien?

Einen Trend hin zu Funktionalität sieht auch Herbert Putz, Geschäftsführer des Immobilienentwicklers hpi consult. „Es ist zwar noch oft so, dass die Chefbüros größer und besser ausgestattet sind und eine tolle Lage haben. Aber auf der anderen Seite entscheiden sich immer mehr Firmen dazu, die Differenzierung kleinzuhalten.“ Wenn die Hierarchien im Unternehmen flacher werden, müssen sie auch weniger dargestellt werden. „Dann ist es eben nicht opportun, als Chef auf 60 Quadratmetern zu residieren, während der Mitarbeiter mit zehn Quadratmeter Nutzfläche auszukommen hat“, so Gnesda. Wobei sich die grundsätzliche Frage stellt, ob besondere Personen im Unternehmen überhaupt einen besonderen Arbeitsplatz benötigen. „Nicht unbedingt“, meint Eblinger. „Ein Chef legitimiert sich durch die Macht seiner Position, durch Autorität, Charisma und Ausstrahlung. Dafür braucht es keinen Raum als Statussymbol. Wenn die Firmenkultur zudem Gleichberechtigung vorsieht, passt ein zu üppiges Chefbüro nicht ins Bild und ist das falsche Signal“, erklärt die Personalberaterin.

„Beispiele für gelebtes Open Office ohne eigene, abgetrennte Räumlichkeiten sind Microsoft und Hewlett-Packard“, beschreibt Eblinger. „In Softwareunternehmen ist es üblich, dass das Management mitten unter den Mitarbeitern seinen Arbeitsplatz hat oder überhaupt auf sogenannten Shared Desks arbeitet“, so Putz. Andere Branchen wiederum können und wollen auf das Chefbüro noch nicht verzichten. „Anwaltskanzleien oder Banken etwa. Allgemein jene Unternehmen, in denen Vertraulichkeit und Diskretion von den Kunden erwartet werden“, meint Gnesda.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.09.2012)