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Steirische Einfamilienhäuser: Experimentieren oder konservieren

16.11.2012 | 18:34 |  von Klaudia Blasl (Die Presse)

Die Immobilien decken gestalterisch eine große Bandbreite ab: von traditionell über zeitgenössisch interpretiert bis extravagant.

Seifert Haus

Die architektonischen Möglichkeiten steirischer Häuslbauer sind vielfältiger als je zuvor, die Verbindung von Tradition und Innovation, Ästhetik und Umweltverträglichkeit scheint gebietsübergreifend zu gelingen.

Im waldreichsten Bundesland Österreichs verwundert es kaum, dass die energieeffiziente Holzbauweise mittlerweile eine ungebremste Renaissance erlebt. „Holz als Baustoff hat ein riesiges Potenzial. Es wächst bei uns, wird seit Jahrhunderten verwendet und genügt auch künftigen Ansprüchen“, so der Holzbaufachmann Oskar Beer. Er hat für die Revitalisierung eines alten Vierkanthofes samt Kellerstöckl in St. Magdalena eine Auszeichnung – die „GerambRose“ für gutes Bauen erhalten.

Der natürliche Baustoff steht für hohe Wohnqualität, Wirtschaftlichkeit und Umweltverträglichkeit ebenso wie für eine oftmals geringe Bauzeit. Wobei der individuellen architektonischen Gestaltung mittlerweile nur noch finanzielle oder Grundstücksgrenzen gesetzt sind, altvatrisch kommen die modernen Holzhäuser schon lange nicht mehr daher.

 

Im urbanen Kontext

Idealerweise findet allerdings eine optische Adaptierung an das Umfeld statt. Gewichtige Holzriegelkonstruktionen passen eher in ländliche Gebiete, Flachdächer und kubistische Formen fügen sich gut in den urbanen Kontext ein. Ansonsten wird meist erlaubt, was gefällt. Das frei stehende, aus Brettsperrholzpaneelen erbaute Einfamilienhaus Weber-Mzell in Graz, im Vorjahr mit dem Holzbaupreis ausgezeichnet, beweist, dass ein traditioneller Werkstoff keinesfalls an ebensolche Formen gebunden ist. Dieses L-förmige Gebäude des Architekten Rolf Seifert besticht durch seine ungewöhnliche Optik mit asymmetrischen Auskragungen und schrägen Dachverschneidungen, unter denen auf engem Raum ein Maximum an Platz geschaffen wurde. Auch passt sich die glatte Fassade gut an das städtische Umfeld aus Beton und Zement an.

 

Altes im neuen Kleid

Bei den „ländlichen“ Stilentwicklungen ist eher eine Tendenz zur Kombination von alten Elementen und einem neuen Kleid zu erkennen. Das zeigt sich am Schalungsdesign im Stil alter Scheunen, bei Vollholzfassaden, dem vermehrten Einsatz von Schindeln und aufwendigen Satteldachkonstruktionen. Letztere werden durch Stahlträger und Glasbrüstungen nicht nur zeitgenössisch „aufgemotzt“, sondern sorgen auch für optimierten Lichteinfall und weitreichende Aussicht, was bei ehemaligen Kellerstöckln, Winzerhäusern oder Bauten in höheren Lagen ein zusätzlicher Gewinn ist. Und wenn Häuser in Stadlform durch Aluminiumblechhaut, Satteldach und Lärchenlattung für optisches Aufsehen sorgen, fühlt man sich beinahe schon an die Architekturrichtung des „kritischen Regionalismus“ erinnert.

Über zwanzig Jahre lang hat die „Grazer Schule“ der Architektur durch Experimentierfreude und Innovationslust erfolgreich alle gängigen Konventionen gesprengt und prägt heute noch, bewusst oder nicht, das Erscheinungsbild der architektonischen Gestaltung. Der Kubus etwa setzt unverändert coole Akzente und spannende Kontraste zum herkömmlichen Baubestand. So verbirgt sich hinter der vollständig mit Kunstrasen verkleideten Fassade des steirischen Architekturpreisträgers surplus value01 in Laufnitzdorf auch eine vielwürfelige Form.

Das Planerduo Weichlbauer/Ortis hat aber nicht nur mit einer kompakten Oberflächenstruktur gebrochen, sondern auch mit gängigen Funktionalitäten. Da dienen Fensterprofile auch mal als Handläufe von Treppen oder präfabrizierte Treppen als Vordach. „Der Reiz des Hauses in Laufnitzdorf besteht in dem Nebeneinander von Konvention und Experiment“, so Hubertus Adam, Kurator des Architekturpreises. Dennoch ist es ein „ganz normales Haus, in dem ganz normales Leben gelebt werden kann“.

Das Vorurteil, dass extravagante Häuser allein zum Anschauen gut wären, trifft jedenfalls nicht zu. Und generell gilt: Insgesamt gesehen geht der gestalterische Trend mittlerweile schon etwas weg vom rein Experimentellen in Richtung schnörkellose Unaufdringlichkeit.

 

Riskieren oder revitalisieren

Im wahrsten Sinn des Wortes „schräg“ wirken manche zeitgenössischen Gebäude, die sich steil an einen Hang zu klammern scheinen. Früher undenkbar, ist heute dank moderner Technik und findiger Architekten beinahe jedes Terrain bebaubar. In Gutenberg nahe Weiz etwa haben die Passivhausspezialisten Kaltenegger und Partner ein Haus auf sechs Stützen in den Hang gestellt, dessen Brüstung nicht nur für spektakuläre Aussichten sorgt, sondern so nebenbei auch noch Strom erzeugt.

In Hafning in der Hochsteiermark ragt das ehemals „beste Haus der Steiermark“ von yes architecture wie ein Kranarm hervor, mit einem riesigen Schwimmbecken auf dem Dach und einer Natursteinmauer als Wärmespeicher. Es gibt nichts, was mittlerweile nicht doch irgendwie möglich scheint. Immer mehr individuelle Lösungen für jeden Geschmack und jedes Bedürfnis werden angeboten.

„Die Stärken der steirischen Architektur liegen in der Qualität und den bauherrenspezifischen Lösungen der Bauwerke“, meint Eva Guttmann, Geschäftsführerin des Hauses der Architektur (HDA). Sie merkt aber auch an, dass die bautypologische Berechtigung von Ein- und Zweifamilienhäusern hinsichtlich Zersiedelung, Energiefragen und Infrastrukturkosten zu überdenken sei. Was wiederum eher für eine Revitalisierung alten Baubestands spräche, an dem bislang noch kein eklatanter Mangel herrscht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2012)