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Winzerarchitektur: Kubus, Kunst und Kellertechnik

16.11.2012 | 18:34 |  KLAUDIA BLASL (Die Presse)

Wenn sich trendige Architektur und traditioneller Weinbau zusammentun, kommt einiges an Bewegung ins Weinland der Steiermark.

Weinidylle Dreisiebner

Gerade mal zehn Jahre ist es her, da sorgten visionäre Winzer wie Albert Neumeister oder die Gebrüder Polz mit ihrer unkonventionellen Weinbauarchitektur für Aufsehen und Kritik. Schräg in den Hang getreppte Elemente mit begrünten Dächern, offenen Räumen und minimalistischem Inventar – die von Burghardt/Schüttmayr beziehungsweise g2plus grabensteiner entworfenen Objekte waren anfänglich nicht nach jedermanns Geschmack. Doch heute zählt die Symbiose aus exklusivem Wein und zeitgenössischer Architektur zum etablierten heimischen Qualitätsstandard. Neben einem Materialmix aus Beton, Stein, Glas und Holz zeichnen sich sehr viele dieser Bauten durch eine oft beinahe kubistisch oder monolithisch anmutende Formensprache aus.

 

Reduktion und Kontrast

Das Weingut Ploder-Rosenberg etwa dominiert die vulkanländische Aussicht auf St. Peter am Ottersbach durch einen roten Kubus, der nicht als Kunstobjekt, sondern als Verkostungsort, Konzertsaal oder Arbeitsbereich dient. Beinahe noch reduktionistischer in seinem Erscheinungsbild präsentiert sich der mit anthrazitfarbigen Paneelen verkleidete „Presshauswürfel“ vom Weingut Krispel. Mit ihm haben die Weidemann-Architekten einen starken Kontrast von altem Anwesen und neuen Keller- und Verkostungsräumen in die Südsteiermark nahe Straden gesetzt.

„Touristisch gesehen profitiert die gesamte Region von einer modernen, zweckmäßigen Weinbauarchitektur“, erklärt die Weinstraßen-Koordinatorin Claudia Pronegg-Uhl. Allein aus ästhetischen Gründen baut allerdings kein Winzer aus oder um. Auch die bereits als Kultobjekt gehandelten Anwesen von Jaunegg, Sabathi, Goedmakers oder Mahorko fungieren zuallererst als Arbeitsplatz. „Aber wer es schafft, seine Produktionsflächen in eine ansprechende Hülle zu verpacken, profitiert doppelt“, so Pronegg-Uhl.

Gerade auf dem Gebiet der Weinbauten ist eine gewisse „Umweltverträglichkeit“ angebracht, denn nicht jeder Stil passt in jede Landschaft. Das mit dem Holzbaupreis und den Naturpark-Baupreis Abinas ausgezeichnete Weinidyll Dreisiebner etwa liegt im pappelbestandenen, sanfthügeligen Süden. „Hier gelten lange, schmale Gebäude und steile Satteldächer als traditionelle Bauform“, erklärt Susanne Dreisiebner. Und diese regionalen Charakteristika wollten sie bei ihrem Neubau unbedingt erhalten. Was dem Architekten Albert Köberl gelungen ist. Sogar die bodenständige Aufteilung in ,unten massiv‘ und ,oben aus Holz‘ wurde respektiert. „Mehr als 100 Kubikmeter unbehandeltes Holz wurden verbaut, das riecht und spürt man“, so die Bauherrin. Viel Glas, riesige Lichteinlässe und klare Strukturen setzen hier durchwegs moderne Akzente und fügen sich harmonisch in das Gesamterscheinungsbild des umliegenden Naturparks ein. Ein Effekt: Seit dem Umbau ist der Altersdurchschnitt der Kunden um zehn Jahre gesunken.

 

Wie Winzer wohnen

Oftmals stehen die Wohngebäude der Winzer den Schau-, Keller- und Verkostungsräumen an Exklusivität in nichts nach. Immerhin prägen persönlicher Stil, Weinstil und Baustil ein gemeinsames Bild. Wie beim Weingut Gross auf dem Ratscher Nussberg, der Privat- und Berufsleben untrennbar unter die Giebel des ehemaligen Haufenhofs vereint hat. Die Dualität zwischen klassischer Optik und moderner, puristischer Linienführung fällt unauffällig angenehm ins Auge. Was auch auf das Wohnhaus der Zweyticks mitten in den Gamlitzer Rebhügeln zutrifft. Die ausgewogene Fusion aus Alt und Neu, Tradition und Moderne zählt allerdings generell zur stilistischen Handschrift vom Studio Albertoni, das beide Gebäudekomplexe entworfen hat. „Wir haben anhand dieses Objektes die traditionelle Architektur der Region aufgearbeitet“, so Albertoni.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2012)