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„Unesco verärgert über Salzburg“

02.12.2012 | 18:25 |  CLAUDIA LAGLER (Die Presse)

Der scheidende Landeskonservator Ronald Gobiet kritisiert fehlendes Engagement in Salzburg. Es bräuchte einen Beauftragen der Stadt.

Die Presse: Braucht die Salzburger Altstadt einen Glassturz?

Ronald Gobiet: Nein, moderne Eingriffe müssen erlaubt sein. Jede Epoche hat zur Entwicklung der Stadt beigetragen. Da kann man das 21. Jahrhundert nicht ausklammern. Es geht um das Was und das Wie. Die Altstadt braucht visionäre Architektur, nichts Abgekupfertes, das man überall finden kann.

Das ist beim heiß umstrittenen Projekt für den Rehrlplatz nicht der Fall?

Die Entwürfe sind eine zu massive Verdichtung am falschen Ort. Der Zustand des Rehrlplatzes ist derzeit erbärmlich, das Areal ist auf jeden Fall bebaubar. Aber ein Siedlungskomplex in diesem von Villen geprägten Bereich ist ein fremdes, störendes Element.

Was sind die größten architektonischen Sündenfälle der vergangenen Jahre?

Der Eingang der Aula der Alten Universität ist Stückwerk geblieben, weil der zweite Teil des ursprünglichen Entwurfs zur Platzgestaltung nicht umgesetzt wurde. Der derzeitige Zustand ist nicht befriedigend, gelber Asphalt ist keine Architektur. Auch beim Haus für Mozart oder beim Kongresshaus muss man fragen, ob das visionäre Architektur ist. Die Verbauung der Sternbrauerei in der Riedenburg ist für mich die falsche Architektur am falschen Ort.

Die Neugestaltung des Residenzplatzes, der nur Schotterbelag hat, scheiterte wiederholt. Wie geht es weiter?

Derzeit herrscht Stillstand. Wenn sich etwas bewegt, werden wir mitreden, weil der Platz unter Denkmalschutz steht. Und das betrifft nicht nur das archäologische Erbe, sondern auch die Oberfläche.

Was wünschen Sie sich für den Platz?

Der Residenzplatz ist ein sensibler Bereich. Da darf man keine Billigware verwenden. Material und Farbe sollten dem ursprünglichen Bachsteinpflaster möglichst nahekommen. Bachsteine waren früher in der ganzen Stadt verlegt. Das war eine zwar rumpelige, aber einheitliche Sache. Heute hat die Salzburger Altstadt die Oberfläche eines Fleckerlteppichs. Das ist nicht befriedigend.

Wie würde die Altstadt mit einer einheitlichen Gestaltung von Straßen und Plätzen wirken?

Ein durchgängiges Material würde die Altstadt großzügiger erscheinen lassen. Heute hören die Stadtplätze irgendwo auf und fangen irgendwo an. Die Hüter des Unesco-Weltkulturerbes sind wegen mangelnder Einbindung bei Projekten verärgert über Salzburg.

Was macht die Stadt falsch?

Es fehlt ein aktives Engagement für das Weltkulturerbe, wie es in anderen europäischen Städten selbstverständlich ist. Es bräuchte einen Beauftragen der Stadt, der diese Agenden aktiv wahrnimmt. Icomos muss bei Neubauten die Zusammenarbeit immer einmahnen, das verbessert das Vertrauen nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 03.12.2012)

1 Kommentare
Rene Herndl
03.12.2012 15:55
0 0

Freunderlwirtschaft

In Salzburg gibt es kein Bewußtsein für die Kultur, es sei denn , sie ist wirtschaftlich verwertbar. Aufträge werden nicht nach Qualität des Angebots oder nach den gesetzlichen Richtlinien erteilt, sondern schon bei den Ausschreibungen so formuliert, dass der gewünschte Partner zum Zug kommt. So wird eine ganze Stadt in Geiselhaft der Politik genommen.