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Mitten in Währing: Gründerzeit und Frauenpower

06.12.2012 | 18:52 |  DANIELA TOMASOVSKY (Die Presse)

Teil 3: Vor zehn Jahren wurde der Kutschkermarkt totgesagt. Heute floriert der Markt wie nie zuvor.

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Wien. Ein Samstag ohne Kutschkermarkt? Für viele Währinger undenkbar. Zwischen neun und 14Uhr geht's auf dem Platz um die Gertrudkirche zu wie in einem Bienenstock: Da werden Bio-Erdäpfel gekauft oder Ziegenkäse, frische Bauernblumen und handgemachte Ravioli. Kinder düsen mit ihren Laufrädern über den Markt, während die Eltern bei Cappuccino und Eierspeise sitzen. Und weil hier jeder Platz heiß begehrt ist, akzeptieren die Stammgäste auch nicht, dass eines der Lokale wegen Urlaubs geschlossen wird – nein, da übernehmen sie lieber selbst das Service, berichtet Maggie Kolb, Besitzerin von „Maggies Genussgalerie“. „Wir hatten eine reduzierte Speisekarte, aber es hat funktioniert,“ so die Wirtin.

So gut lief das Geschäft nicht immer: „Vor zehn Jahren, als ich aufgesperrt habe, hieß es, der Kutschkermarkt sei am Sterben.“ Den Mittagsbetrieb, den sie damals unter der Woche geplant hatte, musste sie aufgeben. Die Trendwende kam vor etwa fünf Jahren. „Währing war veraltet. Jetzt leben viele junge Familien hier, die Wohnungspreise sind in die Höhe geschossen,“ sagt Kolb. 3000 bis 4000Euro muss man für den Quadratmeter hinlegen, für Dachterrassenwohnungen bis zu 6000Euro.

 

Gemeinsam das Grätzel retten

Der Dorfplatzcharakter scheint die Sehnsucht vieler Großstädter anzusprechen. Auch sonst hat die Gegend um den Markt all das zu bieten, was eine zahlungskräftige Klientel sucht: Jahrhundertwendebauten mit hohen Räumen und Zimmerfluchten, von denen viele in den letzten Jahren saniert wurden; Geschäfte, Lokale und Cafés in Gehweite, zahlreiche Parks (Marie-Ebner-Eschenbach-Park, Schubertpark, Währinger Park), die Straßenbahn vor der Tür, die U-Bahn in der Nähe, und mit dem Auto ist man ganz schnell im Wienerwald. Rohdachböden sind bei Entwicklern heiß begehrt – sie werden zu luxuriösen Penthäusern umgebaut.

Aufdringliches Marktgeschrei oder Versuche, den Mitbewerber auszustechen, wird man hier nicht hören. Stattdessen gibt es einmal da und einmal dort ein Häppchen zu kosten, und wenn ein Produkt nicht mehr vorrätig ist, wird der Kunde zum türkischen Nachbarn geschickt. Oder zum Bauern ein paar Meter weiter. Das ist nicht selbstverständlich und hat wahrscheinlich damit zu tun, dass der Kutschkermarkt weitgehend in Frauenhand ist. Irene Pöhl ist mit ihrem Feinkoststand seit 25 Jahren hier, Maggie seit zehn Jahren, Heidi Fußgänger betreibt seit vier Jahren das „Kinderzeit“, Cornelia Schneider hat das Blumengeschäft vor zwei Jahren übernommen, und Nicole Ott hat Anfang des Jahres das Café „Himmelblau“ eröffnet. „Es ist viel leichter, ein Grätzel zu retten, wenn mehrere zusammenkommen. Wir verstehen uns nicht als Konkurrentinnen,“ sagt Pöhl.

Und so gibt es immer wieder gemeinschaftliche Aktionen – etwa den Genusspfad durch das nahe Umfeld. Zweimal im Jahr werden in den verschiedenen Lokalen kleine Speisen um je einen Euro angeboten. Rund 60 verschiedene Gerichte stehen auf der Karte, außerdem feine Weine. Für die Anrainer ein willkommenes Event – Tische werden oft schon Tage im Voraus reserviert, es herrscht Volksfeststimmung.

Irene Pöhl, die aus einer Fleischhauerfamilie stammt, hat ihr Leben dem Käse verschrieben. Mit ihr kann man über Ziegenbergkäse und Wiesenblumenkäse philosophieren, und das dazu passende Maronibrot hat sie mit der Bäckerei Kasses selbst entwickelt. Sie setzt auf Qualität, was vom zahlungskräftigen Publikum in Währing auch honoriert wird. „Die Wirtschaftskrise habe ich eigentlich nicht gespürt.“ Zu Mittag kommen Mütter mit Babys oder Angestellte aus den umliegenden Büros in „Pöhls Kantine“. Wie Todor Kitchoukov, der im evangelischen Krankenhaus als Röntgenassistent arbeitet. „Ich hole hier oft Suppe für mich und meine Kollegen.“

 

Skandinavisches Flair

Gerichte aus frischen Zutaten vom Markt gibt es auch im „Himmelblau“. „Wir haben einen griechischen Koch. Das Kochen ist auch mein großes Hobby“, erzählt Nicole Ott, die das Café ganz nach ihren Vorstellungen eingerichtet hat. Es könnte auch irgendwo in Schweden sein: Da gibt es viel Holz, rosa „Lolita“-Lampen und hellblaue Wände; ein bisschen kitschig ist es, aber gemütlich. „Mein Traum war immer, ein Café aufzumachen. Wir haben lange in den USA gelebt. Dort habe ich eine Patisserie-Ausbildung gemacht – nach der French Pastry School.“ Im Shop nebenan verkauft Ott Kochbücher und Schmuck, Tischtücher und Hundehalsbänder. Eines Tages soll hier auch ihr eigenes Backbuch stehen. „Ich möchte mein Wissen weitergeben. Ich finde es schade, dass so wenige Menschen backen.“

Auch Heidi Fußgänger deckt mit der „Kinderzeit“ eine Marktlücke im Grätzel ab: Hier gibt es selbst genähte Hauben, Spielzeug, und ökologische Jausenboxen. „70Prozent sind Stammkunden, sie sparen sich den Weg in die Innenstadt, wenn sie Kindersachen oder kleine Geschenke kaufen wollen.“

Auf einen Blick

Für Eigentumswohnungen bei Erstbezug muss man im 18. Bezirk laut Immobilienpreisspiegel der WKO im Schnitt 3794 Euro pro Quadratmeter hinlegen. Bei übernommenen Wohnungen beträgt dieser Wert 2664 Euro. Die durchschnittliche Miete beträgt rund neun Euro pro Quadratmeter. Es werden jedoch verstärkt Luxuswohnungen angeboten, deren Wert höher liegt. [Stanislav Jenis]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.12.2012)