Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentare Artikel senden Senden

Favoritenstraße: Zwischen Depression und Aufbruch

28.12.2012 | 15:41 |  Von Patrick Baldia (Die Presse)

Grätzel-Serie, Teil 4: Während die obere Favoritenstraße von Wettbüros, Handyläden und Imbissbuden dominiert wird, gibt es weiter unten bereits erste Anzeichen einer Revitalisierung.

Immobilienentwickler sind nicht dafür bekannt, ihre Projekte kleinzureden. Das Quartier Belvedere, das gerade auf dem Gelände des ehemaligen Südbahnhofs um den neuen Wiener Hauptbahnhof entsteht, wird gar als „das bedeutendste Stadtentwicklungsprojekt Wiens seit der Gründerzeit“ angepriesen. Mehr als vier Milliarden Euro fließen in dieses neue Stadtviertel. Hier wird 2016 die Erste Group ihr neues Headquarter, den Erste Campus, beziehen. Hier sollen neben Büros und Wohnungen auch Museen, Freizeiteinrichtungen sowie Geschäfte entstehen. Hier soll sich eine Kulturmeile – mit 21er-Haus und Schloss Belvedere – durchziehen, die bis hinunter zum Karlsplatz reicht.

Spekulieren auf den Aufschwung

Am Anfang der oberen Favoritenstraße klingen solche Pläne eher wie schöne Träume, die aber letztlich nie in Erfüllung gehen werden. Der ältere Herr mit dem Staffordshire-Mischling rümpft ungläubig die Nase. Hier ist weit und breit kein Yuppie, geschweige denn Bobo zu sehen. Im Übrigen sind auch nicht allzu viele Menschen auf der Straße anzutreffen, obwohl die Stadt in der Vorweihnachtszeit aus allen Nähten zu platzen scheint, die Geschäftsmeilen innerhalb des Gürtels gerammelt voll sind, der Verkehr auf den wichtigen Verbindungsstraßen zum Erliegen kommt. Die kleinen schummrigen Cafés, Wettbüros und Geschäfte wie der Istanbul Mode Bazaar sind nur spärlich besucht. Das Gleiche gilt für die diversen Imbissbuden, die Kebab und Pizza anpreisen. Je näher man zum Columbusplatz kommt, desto mehr hellt sich das Bild aber auf.
Resag-Geschäftsführer Stefan Linder glaubt durchaus, dass auch die untere Favoritenstraße durch den vierten Gemeindebezirk Potenzial hat. „Das wird allerdings noch eine Zeit dauern“, sagt er. Er spricht von mindestens fünf Jahren – bis alle großen Büros bezogen und die Geschäfte vermietet sind, sich eine Struktur herausgebildet hat. „Dann wird die ganze Gegend davon profitieren“, prognostiziert der Experte. Einige Zinshausbesitzer würden jetzt schon auf die Entwicklung spekulieren und versuchen, ihre Objekte teilweise zu „absurden Preisen“ an die Wohnungssuchenden zu bringen. Für Investoren habe das Grätzel jedenfalls den Vorteil höherer Renditen. Die Rede ist von einer Bandbreite zwischen fünf und sieben Prozent.

Gut möglich, dass auch das Sonnwendviertel der Gegend neues Leben einhauchen wird.  Der neue Stadtteil wird gerade auf dem ehemaligen Areal des Frachtenbahnhofs gebaut und soll neben Wohnhäusern mit 5000 Wohnungen, die um den zentralen Helmut-Zilk-Park angesiedelt sind, den künftigen Anrainern auch Schulen, Kindergärten und diverse Geschäfte bieten.

Revitalisierung historischer Substanz

Schauplatzwechsel: Beim Wiedener Gürtel ist auf den ersten Blick ebenfalls keine Spur von Aufbruchstimmung zu bemerken. Die unzähligen Baukräne, die auf der gegenüberliegenden Baustelle in den Himmel ragen, schauen auf eine eher triste Meile hinunter. Hier reihen sich unter anderem Wettbüros, Geldverleiher, Hotels, Cafés, Snack-Lokale und Beisln wie der „Böhmerwald“ aneinander, immer wieder unterbrochen von leeren Geschäften. Man könnte durchaus von der üblichen Wiener Gürtel-Melange sprechen. Dementsprechend lässt auch der Zustand der Zinshäuser zu wünschen übrig. Außerdem wirken nicht nur direkt an der Wiener Hauptverkehrsader gelegene Objekte renovierungsbedürftig, sondern auch etliche in den Seitenstraßen.

Glaubt man Martin Müller, Geschäftsführer von JP Immobilien, könnte sich das bald ändern. Denn derzeit werde bereits in den Gassen stadteinwärts – sprich, im Elisabethviertel – rege in die „historisch schöne, gewachsene Substanz“ investiert, was früher lange Zeit nicht der Fall gewesen sei. „Viele Entwickler sichern sich Projekte, einiges befindet sich in der Pipeline“, sagt er. Gerade die unmittelbare Gürtelnähe hat für Müller seinen Charme. „Ab einer Höhe vom dritten Stock kann man in die Stadt hinunter und teilweise bis in den 19. Bezirk hinüberschauen.“ Anders als in der Vergangenheit sei hier die Nähe zum neuen Hauptbahnhof und die „hingestellte Stadt“ ringsum ein „Game-Changer“.

Hoffnungsschimmer in Favoriten

In der nahen unteren Favoritenstraße herrscht jedenfalls rege Betriebsamkeit. Die alteingesessenen Geschäfte scheinen im Kampf gegen das Geschäftesterben bislang erfolgreich zu sein beziehungsweise sich zumindest tapfer zu halten. Dazu gehört sicherlich die Greißlerei Opocensky, die an der Hausnummer 25 zu finden ist. Stammgäste sprechen von einer „Metamorphose vom Greißler hin zum Delikatessengeschäft“. Heute werden jedenfalls heimische und internationale Produkte, frisches Obst und Gemüse, Spitzenweine und darüber hinaus auch kleine Mittagsgerichte angeboten. Und der Besitzer Robert Opocensky teilt den Optimismus der Immobilienexperten – auch er geht davon aus, dass die innere Favoritenstraße letztlich vom neuen Hauptbahnhof profitieren wird.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 29.12.2012)

1 Kommentare
hirsch88
10.01.2013 11:48
0 0

Stadtverwaltung

Würde die Bezirksverwaltung seid Jahrzehnten nicht wegschauen und die Ghettoisierung aufhalten, hätte der Bezirk immenses Potential!