Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentare Artikel senden Senden

Muzicant: „Die Reichen sind ja nicht deppert"

11.01.2013 | 17:12 |  Von Beate Lammer und Nicole Stern (Die Presse)

Ariel Muzicant erklärt im Interview mit der „Presse", was ihn am Mietrecht ärgert, wie er die Finanzkrise überstanden hat und warum ihm der Immobilienhype in Wien Bauchschmerzen bereitet.

Ariel Muzicant

Die Presse: Wie sind Sie zu Ihrer ersten Immobilie gekommen?

Ariel Muzicant: Ich habe als Student von meinem Vater eine Eigentumswohnung in der Dollingergasse geschenkt bekommen. Ich hatte das Glück, dass ich Eltern und Schwiegereltern hatte, die versucht haben, uns Kindern zu helfen.

 

Ohne Eltern ist es auch heute oft schwierig, eine Wohnung zu finanzieren.

Ja, weil wir ein System in Österreich haben, das die Älteren und die Reicheren bevorzugt. Junge Studenten oder junge arbeitende Menschen, die sich etwas aufbauen wollen, tun sich unendlich schwer. Das Mietrecht bevorzugt die, die irgendwann günstig etwas angemietet haben, die Hofratswitwen, die auf 200 Quadratmeter Villenetage wohnen, statt jenen zu helfen, die sich sonst keine Wohnung leisten könnten. Auch die Geschäftsraummieten werden geschützt - warum eigentlich?

 

Warum ärgert Sie das so? Als Makler kann sie das ja nicht stören.

Mich ärgert das als Mensch. Als Makler profitiere ich von diesem depperten System. Leuten wie mir hat das in den letzten Jahrzehnten Erfolg gebracht, weil wir mit diesen Gesetzen arbeiten können.

 

Aber schuldig fühlen Sie sich deswegen nicht?

Warum sollte ich mich schuldig fühlen? Ich habe das System ja nicht erfunden. Ich wettere seit Jahrzehnten dagegen, schreibe den Politikern Briefe, die wollen nichts ändern. Und die Arbeiterkammer schützt die Falschen. Die macht gegen die bösen Hausherren mobil, statt sich zu überlegen: Wie kann ich wirklich etwas tun?

 

Und was sollte man tun?

Generell sollte man Gewerbeobjekte und Wohnungen über 130 Quadratmeter schrittweise aus dem Kündigungsschutz (den das Mietrecht für Mieter vorsieht, Anm.) ausnehmen, dafür Grundsteuer und Hausverwaltungskosten aus den Betriebskosten herausnehmen, und von Mietern von geförderten Wohnungen, wenn sie mehr verdienen, schrittweise höhere Mieten verlangen.

 

Sie wollten ja ursprünglich Arzt werden. Haben Sie sich da auch schon für Immobilien interessiert?

Nein. Mein Vater ist gestorben, und ich war gezwungen, da hineinzugehen. Also habe ich begonnen, mir immobilienspezifisches Wissen anzueignen.

 

Bedeutet das, dass sie ein verkanntes Talent waren? Immerhin haben Sie aus dem Büro eine riesige Firma gemacht. . .

Naja, wenn man älter wird, kommt man darauf, wie viel Glück man hatte. Es geht darum, das Richtige zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu machen. Es gehört viel Fleiß dazu. Und die richtigen Entscheidungen zu treffen und möglichst wenige falsche. Das ist der Schlüssel zum Erfolg.

 

Und welches Glück hat dazu geführt, dass Sie so expandiert haben?

Ich habe davon profitiert, dass ich viele Sprachen spreche. Ich habe früh angefangen, das Unternehmen zu internationalisieren. So war ich bereits in den achtziger Jahren international präsent, als andere noch ihre Schrebergärten gepflegt haben. Der nächste Schritt war die Anwendung moderner Hilfsmittel. Wir hatten sehr früh elektronische Geräte wie Fax oder Telex. Und wir haben uns damit auseinander gesetzt, wie man nachhaltig Geld verdient in der Maklerei, indem man Kunden so betreut, dass sie immer wieder kommen.

 

Wenn man sehr erfolgreich ist, muss man dann schauen, dass man irgendwie am Boden bleibt?

Das ist eine Frage der Mentalität. Wenn Sie so wie ich aus einer Familie kommen, die sehr oft alles verloren hat und die sehr oft durch Kriege und Verfolgung von Neuem beginnen musste, haben Sie immer Angst, dass Sie alles wieder verlieren. Dann sind Sie vorsichtig und nicht bereit, das letzte Risiko zu nehmen. Wir haben in den letzten Jahrzehnten nicht alle Hypes mitgemacht. Wir haben unsere Geschäfte ordentlich gemacht, aber wenn wir den Eindruck hatten, da stimmt etwas nicht, haben wir uns rausgehalten. Deswegen liest man jetzt über uns nicht dauernd: Es gilt die Unschuldsvermutung.

 

Hat es Sie nicht gereizt, auch selber als Investor aktiv zu werden? Geld und Know-how in Sachen Immobilien hätten Sie ja.

Ich habe ja Immobilien, aber ich habe immer konservativ investiert. Wenn ich gesehen habe, dass etwas mit mehr Risiko behaftet ist, war ich übervorsichtig. Ich habe nie Platzierungen an der Börse gemacht wie andere Kollegen oder große Projekte auf Risiko gebaut.

 

Eingefahren sind Sie nie?

Doch. Ich habe schon Geld verloren. Aber in Summe weniger verloren als gewonnen. Jeder macht Fehler. Aber ich habe geschaut, dass das, was wir verloren haben, nie mehr ist als das, was wir vorher verdient haben.

 

Haben Sie die Finanzkrise kommen gesehen?

Kommen habe ich sie nicht gesehen, ich habe sie befürchtet. Ich habe 2007 gesagt: Hier geht mir alles zu rasch, ich verstehe vieles nicht mehr. Da habe ich alle gewerblichen Objekte verkauft. Ich habe zwar nicht das große Geld verdient wie andere, aber ich habe genug verdient, und den Schaden hatten die anderen.


Was sagen Sie zum gegenwärtigen Run auf Immobilien in Wien?

Ich habe ziemliche Bauchschmerzen dabei. Es gibt eine alte Regel, die mir mein Vater beigebracht hat: Eine Immobilie muss immer aus dem Gesichtspunkt des Cash-Flows geprüft werden. Das heißt: Was bleibt netto im Jahr übrig? Heute gibt es viele Käufer, die sich das nicht anschauen. Auch vor der Krise haben viele nur gefragt: Wie viel ist das wert? Die Werte sind gestiegen, gestiegen, gestiegen. Aber der Cash-Flow ist gleich geblieben. Bis er niedriger war als die Kosten zur Bedienung der Kredite. Das kann ins Verderben führen. Grundsätzlich sind Immobilien und Gold das beste Mittel, um sich vor der Inflation zu schützen. Aber wehe dem, der nicht auf die Rendite schaut.


Macht Ihnen die Inflation Sorgen?

Natürlich. Wenn Sie sich anschauen, welche Geldmengen gedruckt werden, dann ist die Frage: Werden die Staaten so die Schulden zurückzahlen?

 

Viele sehen als Lösung, die Reichen zur Kasse zu bitten. Sie stehen der SPÖ nahe, sind aber auch vermögend. Wie passt das zusammen?

Ich bin für Gerechtigkeit im Steuersystem. Ich war für die Vermögenszuwachssteuer, bin für eine Erhöhung der Grundsteuer und eine Wiedereinführung der Erbschaftssteuer mit entsprechenden Freigrenzen. Ich bin dafür, dass man die Kosten der Arbeit entlastet. Aber ich bin gegen einen Klassenkampf nach dem Motto „Eat the Rich". Wenn man die Reichen zu hoch besteuert, erreicht man nur, dass sie ihr Vermögen woanders hinbringen. Siehe Depardieu. Die Reichen sind ja nicht deppert. Die warten ja nicht, bis der Staat Gesetze macht und ihnen mehr Geld wegnimmt. Wir brauchen daher mehr Gerechtigkeit, aber mit Augenmaß. Und mehr Mut in der Politik.

 

Sie haben Ihre Geschäfte Ihrem Sohn übertragen. Oft wollen die Kinder nicht das machen, was die Eltern tun. . .

Ich habe das Glück, dass ihm das unglaublichen Spaß macht. Er macht das hervorragend. Ich habe ihm das Geschäft komplett übergeben, und mische mich auch nicht mehr ins Tagesgeschäft ein.

 

Ist es nicht schwer, sich zurückzuhalten, wenn Sie sehen, es läuft etwas nicht so, wie es sollte?

Natürlich ist es schwer. Aber Sie müssen der nächsten Generation die Chance geben, ihre eigenen Fehler zu machen.

Zur Person
Ariel Muzicant wurde 1952 in Haifa (Israel) geboren und kam im Alter von vier Jahren nach Wien. Muzicant ist promovierter Mediziner, übernahm aber nach dem plötzlichen Tod seines Vaters 1977 die Leitung von Columbus Immobilien. Das Unternehmen schloss sich 1994 der internationalen Colliers-Gruppe an. Inzwischen leitet Muzicants Sohn Georg die Firma. Heute zählt Colliers zu den größten Maklerfirmen Österreichs. Von 1998 bis 2012 war Muzicant Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde.