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Schladming: Die Skepsis gegenüber der Ski-WM

26.01.2013 | 19:42 |  von Martina Leingruber (Die Presse)

Schladming hat sich für die Ski-WM herausgeputzt und runderneuert – nicht nur zur Freude der Einheimischen. Die Folgen: Das Bier ist teuer, die Mieten beinahe unleistbar.

Schladming Skepsis gegenueber SkiWM

Eine ältere Dame mit Pelzhaube geht über den Schladminger Hauptplatz in Richtung Zielstadion. Hier werden in gut einer Woche die Skistars um Medaillen kämpfen. Noch ist nicht alles fertig, es fehlt der letzte Schliff. Doch die neuen, für die alpine Ski-WM errichteten Gebäude stehen schon. Die Dame blickt auf die Planai-Talstation, den „Planet Planai“ mit seiner blauen Glasfassade. Ihre Augen wandern entlang einer gebogenen Stahlkonstruktion, genannt Skygate, die sich über den Zielraum spannt. Ihr Blick schweift ab. „Dort ist einmal das Landhaus Handlos gestanden. Mit einem Kachelofen, da waren die Kacheln noch handbemalt.“ Das Landhaus musste den WM-Neubauten weichen. „Man fragt sich schon, ob das für die WM alles notwendig ist.“

Schladming steht als Veranstaltungsort der Ski-WM im Rampenlicht. Die „beste WM aller Zeiten“ soll im Ennstal über die Bühne gehen. Kurze Wege, nachhaltiges Konzept, gastfreundliche Obersteirer. Auf der anderen Seite werden kritische Stimmen immer lauter. Zu viel Geld, zu teure und größenwahnsinnige Bausünden, die nach dem Ende des WM-Spektakels jedes wirtschaftlichen Sinns entbehren.
Die Freude auf die WM ist groß, ebenso die Skepsis. Eine Großveranstaltung wie eine alpine Skiweltmeisterschaft verändert einen Ort nachhaltig. Und beeinflusst die Lebensumstände der Bevölkerung. „Ich freue mich auf die WM“, sagt der Trafikant am Hauptplatz. Aber: „Das beschauliche Bergstädtchen sind wir nicht mehr.“
Das „Bergstädtchen“ zählt 4500 Einwohner. Hotelbetten gibt es mit 4300 fast genauso viele. Um das Image als internationale Wintersportdestination zu festigen, bedient sich der Ort des Skiweltcups. 1973 wurde die erste Weltcup-Abfahrt auf der Planai ausgetragen, 1982 erstmals eine WM ausgerichtet. Alljährlich lockt der Nachtslalom Zigtausende ins Ennstal.

„Ich identifiziere mich voll mit der WM“, sagt Herbert Pilz. Er betreibt in Schladming und Rohrmoos die Skischule Hopl. Die WM sieht er als Chance für Schladming sich langfristig als Top-Wintersportort auf internationaler Bühne zu etablieren. Die zwei WM-Wochen fallen mit den Semesterferien Wiens und der Steiermark zusammen. Für Pilz ist dies normalerweise die intensivste Zeit der Saison, doch viele Gäste meiden Schladming und den WM-Trubel.
„Ohne WM wären wir lange nicht so weit, weil das Geld nicht da wäre“, ist Pilz überzeugt. „Schon die WM 1982 hat den Ort weitergebracht.“ Eine Milliarde Schilling (ca. 76 Millionen Euro) wurde vor 31 Jahren investiert. 2013 ist es ein Vielfaches mehr. Von 400 Millionen Euro ist die Rede. Kritiker sprechen von Gigantonomie. Für die touristische Entwicklung des Ortes aber ist die WM hervorragend: neuer Bahnhof, Ausbau der Ennstalstraße, die Errichtung neuer Liftanlagen. All das hat die WM 2013 bislang gebracht – inklusive Arbeitsplätze.

Dem fiel allerdings vieles zum Opfer. „Schladming hat jedes Eckerl verkauft und vermarktet“, sagt Gottlieb Stocker. Seine Familie lässt sich als alteingesessen bezeichnen, ihr gehört der Schwaigerhof in Rohrmoos. „Die Schladminger können sich das Leben im eigenen Ort nicht mehr leisten.“ Die Entwicklung der Grundstücks- und Immobilienpreise sind eine direkte Folge des Erfolgs als Tourismusdestination. Aktuell sind pro Quadratmeter im Durchschnitt zwischen 2500 und 4500 Euro zu bezahlen. „Es ist verständlich, dass Ansässige ihre Wohnungen nicht um 1000 Euro an Einheimische verkaufen, wenn sie 2000 Euro von Fremden bekommen.“

Die Konsequenz: Viele Wohnungen sind Zweitwohnungen von „Fremden“, welche einen Gutteil des Jahres leer stehen. Schladminger müssen hingegen auf die günstigeren Randgemeinden ausweichen. „Die Gemeinde fördert die Bettenindustrie, da werden auswärtige Investoren hereingeholt, denen wird der rote Teppich ausgerollt. Aber auf die eigenen Leute wird nicht geschaut“, kritisiert Stocker.

Abgesehen von den kurzfristigen Unannehmlichkeiten wie Straßensperren oder längeren Öffnungszeiten, macht das hohe Preisniveau den Schladmingern zu schaffen. 3,40 Euro kostet etwa ein Seidel Bier. „Touristen stört das nicht, die sind nach ein paar Tagen wieder weg“, sagt Gregor, Verkäufer bei Sport 2000. „Man darf aber nicht vergessen, dass wir die Preise das ganze Jahr über bezahlen müssen.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.01.2013)