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Außen Zinshaus, innen Palais

01.03.2013 | 18:40 |  MADELEINE NAPETSCHNIG (Die Presse)

Das Palais Herzmansky, das einstige Domizil der Kaufmannsfamilie, wandelt sich. Doch der große, alte Tresor bleibt.

Palais Herzmansky

Von außen verrät die Fassade kaum etwas von der Typologie des Baus und der Qualität seines Inhalts: Ein Gründerzeithaus im Stil des Historismus wie viele in Wien, möchte man meinen, nicht einmal sehr breit, auch nicht sonderlich imposant. Links grenzt ein kleines Hotel an, gegenüber befindet sich eine größere Garage. Rundherum werkt die Kreativwirtschaft, im nahen Karree von Kirchen- und Zollergasse bewegen sich die Ausgänger vorbei. Vom Trubel auf der Mariahilfer Straße ist nichts zu bemerken. Auf saturierte Weise wirkt das Umfeld im oberen Zwickel von Wien-Neubau noch immer alternativ.

In der Lindengasse Nummer zehn, unweit seines berühmten Warenhauses, hatte August Herzmansky von Architekt Maximilian Katscher das Domizil gegen Ende des 19. Jahrhunderts erbauen lassen. Der erfolgreiche, expansive wie großzügige Kaufmann blieb kinderlos, Familienmitglieder hatten Gelegenheit und viel Platz, um bei ihm zu residieren. Während sein großes Kaufhaus in der Mariahilfer Straße eine wechselhafte Geschichte erlebte, behielt Herzmanskys Palais Kontinuität, es blieb lang in den Händen der Nachfahren, die es als Zinshaus betrieben. Die Wohnungen wurden an eine betuchtere Klientel vermietet, der Hausherr bevorzugte Diplomaten, die nie lang in Wien blieben, erzählt Martin Müller, Geschäftsführer von JP Immobilien, dem Unternehmen, dem das Haus derzeit gehört. Auch bei Mietern aus dem Kulturbetrieb kamen die Wohnungen gut an.

Glasdecken und Riesengarten

Man betritt das Palais Herzmansky durch einen langen, hohen, zum Teil verspiegelten Gang, Portierloge und viel Stuck empfangen einen, Oberlicht fällt durch eine originale Glasdecke herein. Auf der anderen Seite erschließt sich ein großes Treppenhaus. Die Stufen drehen sich links und rechts zur Seite, jede Spindel führt zu einem Treppenabsatz, auf dem der Eingang zu nur jeweils einer Wohneinheit liegt. Überspannt wird das Treppenhaus ebenfalls von einer über hundert Jahre alten Glasüberdachung. Parallel erfolgt eine Erschließung über einen schmalen Dienstbotentrakt – im großbürgerlichen Umfeld sollte man dem Küchenalltag nicht begegnen.

Jetzt stehen fast alle Wohnungen leer, und man hat sich sukzessive an die Sanierung gemacht. Doch anstatt alle Flächen gleich zu gestalten, geht man strategisch unterschiedlich vor: Nach hinten, mit Blick in einen wild wuchernden großen Garten, liegen weitläufige Wohnungen, denen bald Terrassen vorgesetzt werden. Sie werden auf Stand gebracht, aber dem Gestaltungswillen des künftigen Bewohners überlassen.

Dann wiederum wird ein kleines Experiment versucht – eine große Wohnung wurde komplett her- und vom Interior-Designer klassisch modern eingerichtet, bis zur Bettdecke und Dekovase. Doch es handelt sich dabei nicht um ein Serviced Appartement, sondern um eine Kaufimmobilie. So langsam gibt es diese Klientel, die sich um das Einrichten nicht kümmern will, auch in Wien. Das eigentliche Herzstück im Palais befindet sich allerdings weit oben in einer riesigen Zimmerflucht, der einstigen Wohnung der Nachfolger Herzmanskys. Die Stuckdecken und die Parkettböden sind saniert, die tiefen Kastenfenster haben die Zeit unbeschadet überdauert. Schwer getäfelt ist die Wand im ehemaligen Büro. Und in der Ecke steht ein wuchtiger, großer Tresor.

Haus mit Geschichte

Buchtipp: Ein Palais bezeichnet im engeren Sinn einen „unbefestigten Adelswohnsitz in der Stadt“, doch ausgelegt wurde der Begriff verschieden: Die Palais im 19. Jahrhundert wurden oft von Großbürgern errichtet. Eine launige Übersicht über Wiener Palais gibt Johann Szegö in „Von Palais zu Palais“, neu im Metro Verlag, www.metroverlag.at

Das Kaufhaus Herzmansky: August Herzmansky gründete ursprünglich 1863 ein Textilgeschäft in der Kirchengasse, expandierte rasch zur Mariahilfer Straße und Stiftgasse, dessen Seitentrakt von Maximilian Katscher erbaut wurde – die typische Warenhausfassade der Jahrhundertwende ist noch erhalten. Später folgten häufige Besitzerwechsel, Kriegsschäden, Restituierung, Umbauten und Abriss, Verkäufe. Heute befindet sich in dem Objekt in der Mariahilfer Straße die Kette Peek & Cloppenburg.

Palais Herzmansky: Lindengasse 10, 1070 Wien mehrere Wohnungen ab 150 m2, www.jpi.at

Nächster Teil der Serie: das Herrengassen Hochhaus am 16. März.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 02.03.2013)