Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentare Artikel senden Senden

Aspern: Republik verzichtet auf Millionengeschäft

16.04.2013 | 18:19 |  ANDREAS WETZ (Die Presse)

Seestadt Aspern. Eine Gesellschaft des Bundes verzichtete beim Verkauf eines Grundstücks entgegen gängiger Praxis auf einen Anteil erwartbarer Widmungsgewinne. Eine notwendige Ausnahme, sagt der Verkäufer.

Seestadt Aspern.

Wien. Geschäfte mit Immobilien leben von der Hoffnung steigender Nachfrage und Preise. Das Wiener Stadterweiterungsgebiet Aspern, eines der größten in Europa, weckt solche Hoffnungen. Wer in unmittelbarer Nähe oder im weiteren Umfeld Grundstücke besitzt, denkt darüber nach, welchen Wert die Liegenschaften in fünf, zehn oder 20 Jahren haben könnten, und ob es klug ist, schon jetzt, später, oder nur zu bestimmten Bedingungen zu verkaufen.

Eine Gesellschaft der Republik Österreich stand vor zwei Monaten vor dieser Entscheidung und beschloss, lieber heute einen guten Preis zu erzielen, als in Zukunft – allerdings ohne Garantie – ein Bombengeschäft zu machen. Kritiker meinen nun, dass die Bundesversuchswirtschaften (BVW) des Landwirtschaftsministeriums die Republik damit um zu erwartende Millionengewinne gebracht hat. Eine letztgültige Antwort darauf werden erst die nächsten Jahre bringen. Was war geschehen?

(C) DiePresse Seestadt Aspern

Wie aus 28 Euro 400 werden

Die Republik Österreich tritt immer wieder als Verkäufer von Immobilien auf. Manchmal sind es bereits bestehende Bauten, manchmal nur Grundstücke. Fast immer jedoch wird in den Kaufverträgen auf sogenannte Nachbesserungsklauseln verwiesen. Das bedeutet, dass in Fällen, in denen die Liegenschaft aufwertende Umstände eintreten, der ursprüngliche Eigentümer davon einen Anteil bekommt. Etwa dann, wenn sich am Ende der Bauphase herausstellt, dass mehr Wohnraum errichtet und verkauft werden konnte als angenommen. Oder wenn ein Grundstück durch eine Umwidmung der örtlichen Behörden massiv an Wert gewinnt. Um den Verzicht auf künftige Widmungsgewinne geht es im vorliegenden Fall.

Aktuell sah die Republik bei einem Verkauf eines 260.000 Quadratmeter großen Ackers im Umfeld der Seestadt Aspern in Wien-Essling von einer ebensolchen Nachbesserungsklausel ab. Letztendlich ging das Gelände für 7,2Mio. Euro, das sind 28 Euro pro Quadratmeter, über den Tisch. Erreicht der neue Eigentümer die Umwidmung, fällt die Republik um satte Gewinne um. Bauland ist in der Region zwischen 200 und 400 Euro wert. In anderen, der „Presse“ vorliegenden Verträgen der Sivbeg (die Firma steht ebenfalls im Bundeseigentum und fungiert als Makler für Bundesimmobilien, insbesondere Kasernen, Anm.) sicherte sich die Republik bis zu 50 Prozent derartiger Widmungsgewinne.

Unrealistisch ist eine entsprechende Wertsteigerung nicht. Durch die Seestadt wird die gesamte Region aufgewertet. Mit Schnell-, U- und Autobahn erhält dieser Teil der Donaustadt hochwertigste Verkehrsanschlüsse. Zudem soll die Stadt bis 2035 um 250.000 bis 300.000 Einwohner wachsen. Die größten Flächenreserven liegen genau hier, jenseits der Donau. Sogar im Rathaus rechnete man damit, das Gelände der BVW wohl irgendwann gewinnbringend zu verwerten. So war es die hauseigene Wirtschaftsagentur Wien, die bis zum Schluss in einem regelrechten Duell mit dem späteren Bestbieter um den Kauf des Geländes mitbot.

Knapp 50-mal, so ein Insider, lizitierte man die Gebote gegenseitig nach oben. Letztendlich ging der Zuschlag an die VBV Immobilien, die mögliche Wertsteigerungen nun ganz allein einstreifen darf. Warum? „Weil das Grundstück ein Sonderfall ist“, sagt Gerhard Draxler, Geschäftsführer der Bundesversuchswirtschaften. Die Gesellschaft ist so etwas wie die zentrale Landwirtschaft der Republik und betreibt nebenbei Agrarforschung. Der Acker in Essling war bis 2010 eine Schottergrube. Inzwischen wurde diese mit dem Aushub des Lainzer Tunnels aufgefüllt und mit Humus überdeckt. Zuletzt baute man dort Mais an. Das Gelände ist frei von Altlasten.

 

Umwidmung unwahrscheinlich?

Draxler sagt, dass bei dieser Vorgeschichte bei einem Beharren auf einer Nachbesserungsklausel kein guter Preis erzielt worden wäre. Sofern sich überhaupt Bieter gefunden hätten. Dass Wien und VBV dann doch den Preis nach oben trieben, sei ein Glücksfall gewesen, denn: „Unserer Meinung nach ist dort nicht so bald mit einer Umwidmung in Bauland zu rechnen.“ Es sei denn, man verfügt über gute Beziehungen. Dann kann alles sehr schnell gehen. Wie etwa vor vielen Jahren in der sogenannten Kellerbergsiedlung am südlichen Stadtrand. Wie aktuell in Liesing bei einem Wohnprojekt der Buwog. Gewinnaussichten, an denen die Republik zumindest in Essling nicht teilhaben wird.

 

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.04.2013)