Artikel drucken Drucken Artikel kommentieren Kommentare Artikel senden Senden

Lichtblicke im Häusermeer

26.04.2013 | 18:30 |  MADELEINE NAPETSCHNIG (Die Presse)

Das Einfamilienhaus: Im angeblichen Wohntraum der Österreicher lebt fast die Hälfte der Haushalte. Ein Wettbewerb zeichnet die besten Einfamilienhäuser 2013 aus.

Lichtblicke im Häusermeer

Das Einfamilienhaus hat es heute leicht und schwer. Zum einen ist die Wohnform beliebt wie eh und je. Tatsächlich entfällt von 1,65 Millionen heimischen Haushalten fast die Hälfte auf diese frei stehenden Objekte, die der Österreicher mit dem Rasenmäher umrunden, mit der Familie allein bewohnen und sich daran gestalterisch mehr oder weniger ästhetisch austoben kann. Selten stammen die Objekte von Architekten, doch das Verständnis der Bauherren gegenüber der Auftragsqualität wächst. Durch Wohnbauförderungen und Bauspardarlehen ist die Errichtung überdies nicht teurer als der Erwerb einer Wohnung im städtischen Raum, oft im Gegenteil. Rund 45 Prozent aller Bewilligungen für neu gebaute Wohnungen betrafen 2010 und 2011 Einfamilienhäuser. Wobei 2012 ein Rückgang in diesem Bereich zu verzeichnen ist, wie die aktuellen Zahlen des Wirtschaftsförderungsinstitutes (Wifo) zeigen.

Zugleich erlebt das neu errichtete Einfamilienhaus zunehmend Rechtfertigungsdruck – wegen zu großen Platzverbrauchs von grüner Wiese oder geringerer Nachhaltigkeit gegenüber einer verdichteten Bauweise im sozialen Wohnbau oder gegenüber der eines thermisch sanierten Altbestandes. Seit das Architekturzentrum Wien (AzW) gemeinsam mit der S-Bausparkasse und dem Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur den Preis für „Das beste Haus“ vergibt, melden sich auch immer wieder Kritiker, denen das traute Alleinheim nicht ins Konzept passt, wie auch Dietmar Steiner, der Direktor des AzW anlässlich der Siegerpräsentation bestätigt.

 

Schallschutz und Stampflehm

Nun lassen sich die Vorwürfe aktuell nicht so pauschal erheben: Bei qualitätvoll geplanten Einfamilienhäusern mehren sich die Beispiele, die immer mehr im Kontext zu ihrem Umfeld stehen, die nachverdichten, Bestehendes adaptieren, integrieren und erweitern, meint Karoline Mayer, die „Beste Haus“-Juryvorsitzende im AzW. Dies zeigt sich an den Einreichungen des Wettbewerbs, dessen neun Bundesländersieger am Donnerstagabend im AzW in Wien gekürt wurden. Der Siegerbeitrag aus dem Burgenland, das „Forum Limbach“, führt beispielsweise vor, wie ein altes Bauernhaus neu geordnet werden kann: „Looping Architecture“ schlossen den Vierkanter mit einem gläsernen Zubau, auf den sie obendrauf ein kleines, rot verhülltes Haus setzten. Unten wird der Hof kulturell genutzt, oben wohnt der Bauherr. Auch der Beitrag aus Kärnten, ein Pförtnerhaus des Wörthersee-Architekten Franz Baumgartner, wurde mit einem Zubau erweitert, der zudem als Schallschutzmauer gegen die Bahntrasse fungiert. Und wenn Nachhaltigkeit ein Argument ist, konnte das „gemini+“, ein Zweifamilienwohnhaus aus Niederösterreich bei der Jury voll punkten. Die Bauherren haben hier viel eigene Energie investiert – das Haus ist in Selbstbau entstanden und arbeitet mit lokalen Materialien – etwa dem Aushub, der als Stampflehmboden das Innere so wohnlich macht.

Dach über dem Kopf

Unter dem Titel „Das beste Haus“ wurde zum fünften Mal ein Architekturpreis für Einfamilienhäuser in Österreich vergeben. Diesmal war auch die Meinung interessierter Laien gefragt – der Publikumspreis für das Projekt, das beim Online-Voting am besten abgeschnitten hat, ging an „Aufberg 1110“ von Meck Architekten (Bild rechts). Berücksichtigt wurde bei der Auswahl auch die enge Zusammenarbeit von Architekten und Bauherren. Ausstellung im AzW, www.azw.at, www.dasbestehaus.at, Weitere Bilder auf: Immobilien.DiePresse.com [Michael Heinrich]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.04.2013)